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Nebenwirkungen

Wenn Arzneimittel auf den Darm schlagen

Wenn Patienten in der Apotheke über Obstipation und Diarrhö klagen, sollte das Apothekenteam auch nach deren Dauermedikation fragen. Denn Opioide und Parkinsonmittel, Antibiotika und Antidementiva können auf die Verdauung schlagen. Was können Apotheker empfehlen?
Brigitte M. Gensthaler
26.11.2021  09:00 Uhr

Eine chronische Obstipation ist meist idiopathisch bedingt. Sie könne aber auch sekundär infolge von Medikamenten und Komorbiditäten auftreten, erklärte Apothekerin Dr. Katja Renner aus Wassenberg beim Webkongress der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Medikamente wie Calciumantagonisten, trizyklische Antidepressiva (mit anticholinergem Beiprofil), Eisenpräparate, Antiepileptika, Opioide und Parkinsonmittel (anticholinerg oder dopaminerg) führten oft zur Obstipation. Mitunter sei ein Präparatewechsel in Absprache mit dem Arzt möglich. Wenn nicht, sollte der Patient Laxanzien verwenden.

Renner empfahl den Kolleginnen und Kollegen, auch proaktiv zu beraten. »Fragen Sie die Patienten, ob die Verdauung funktioniert.« Dies gelte beispielsweise für Patienten unter Opioid- oder Zytostatikatherapie, mit Parkinson-Erkrankung, begleitend zur Antibiotika-Therapie sowie bei Immobilität und Schwangerschaft.

Verstopfung durch Opioide

Neben den Allgemeinmaßnahmen wie ausreichende Bewegung und Flüssigkeitszufuhr können zusätzliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen sowie Laxanzien wie Macrogole, Bisacodyl oder Natriumpicosulfat bei Verstopfung eingesetzt werden. Zuckeralkohole wie Lactulose (cave Flatulenz) und Anthrachinone sind zweite Wahl bei Obstipation (ohne Entleerungsstörung); falls dies nicht erfolgreich ist, steht Prucaloprid als Prokinetikum zur Verfügung. Liegen zugleich Entleerungsstörungen vor, kommen Suppositorien und Klysmen, zum Beispiel mit Glycerol oder CO2-Entwicklern, zum Einsatz.

Renner empfahl, aufmerksam bei Opioid-Verordnungen zu sein. Tatsächlich sei eine Opioid-induzierte Obstipation (OIC) der häufigste Grund für einen Abbruch der Schmerztherapie. »Aber nur 30 Prozent der Schmerzpatienten bekommen ein Laxans.« Viele Patienten sprächen das Verdauungsproblem beim Arzt und in der Apotheke nicht an, obwohl herkömmliche Laxanzien wie Macrogole und Lactulose meist nicht (ausreichend) wirken.

Nach einer bis zwei Wochen erfolgloser Therapie sollen peripher aktive µ-Opioid-Rezeptorantagonisten (PAMORA) eingesetzt werden, die das Problem kausal angehen. Naloxegol verbessere nachweislich die Lebensqualität der Patienten und steigere die Adhärenz der Opioidtherapie, sagte Renner.

Durchfall durch Medikamente

Auch das Gegenteil, nämlich eine Diarrhö, kann auf Medikamente zurückgehen. Renner wies auf Acetylcholinesterase-Hemmer für demenzkranke Menschen hin, die schwere Durchfälle auslösen können, sowie auf Metformin und Antibiotika. »Bei Verdacht auf Arzneimittel-bedingte Beschwerden muss der Patient zum Arzt.«

Als Sonderfall beschrieb die Apothekerin Clostridium-difficile-Infektionen, die für etwa ein Drittel der Antibiotika-assoziierten Diarrhöen verantwortlich sind. Tückisch ist, dass zwischen der Antibiotikatherapie und der Darmentzündung mehrere Wochen liegen können. »Fragen Sie den Patienten daher auch nach einer länger zurückliegenden Antibiotikatherapie.« Wichtig: kein Loperamid geben. Behandelt wird eine CDI mit Metronidazol (dreimal 500 mg/Tag) für 10 bis 14 Tage. Vancomycin ist ein Reservemedikament.

Potenziell lebensbedrohlich sind starke Durchfälle unter Zytostatika, die besonders unter Irinotecan, 5-Fluoruracil und Capecitabin auftreten. Loperamid diene als Notfallmedikament, aber nicht präventiv. Man startet mit 4 mg, gefolgt von 2 mg alle vier Stunden bis maximal 16 mg/d oder höher. »Schicken Sie Patienten, die unter Chemotherapie schweren Durchfall entwickeln, sofort zum Arzt.«

Bei jeder Durchfallerkrankung steht die orale Rehydratation an erster Stelle, um eine Dehydrierung zu vermeiden. Loperamid ist gut wirksam und kann für Kinder ab zwölf Jahren in der Selbstmedikation abgegeben werden. Probiotika (nicht für immunsupprimierten Patienten) und der Sekretionshemmer Racecadotril sind weitere Optionen. Für medizinische Kohle und Adstringenzien gebe es keine Empfehlung mehr, so Renner.

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