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Lockdown

Weniger Frühchen dank Corona?

Während des Lockdowns aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie kamen mancherorts deutlich weniger Frühgeborene zur Welt als sonst. Lag es daran, dass die werdenden Mütter mehr Ruhe hatten, oder gab es andere Gründe?
Annette Rößler
21.07.2020  12:04 Uhr

Die strikten Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie haben an vielen Stellen des Gesundheitswesens Spuren hinterlassen – auch an unerwarteten. Besorgniserregend war etwa der starke Rückgang an Akutpatienten mit anderen als Covid-19-Symptomen, weil diese aus Angst vor einer Infektion den Arzt oder die Klinikambulanz nur noch im äußersten Notfall aufsuchten. Über einen erfreulichen Nebeneffekt des Corona-bedingten Lockdowns berichtet dagegen jetzt die »New York Times«: In mehreren Ländern hätten Ärzte überrascht festgestellt, dass drastisch weniger Frühchen geboren wurden als sonst.

So sei es laut einer Publikation auf dem Preprint-Server »Medxriv« im Einzugsgebiet des University Maternity Hospital Limerick in Irland in der Zeit der strikten Kontaktbeschränkungen zu einem Rückgang der Frühgeborenen mit sehr niedrigem Geburtsgewicht um 73 Prozent gekommen (DOI: 10.1101/2020.06.03.20121442). Das Krankenhaus versorgt als Geburtsklinik 473.000 Personen und verzeichnete in den Jahren 2001 bis 2019 in den Monaten Januar bis April durchschnittlich 8,18 solche Frühchen pro 1000 Lebendgeburten. Im selben Zeitraum des Jahres 2020 waren es nur 2,17.

Ähnliches berichten Forscher des Statens Serum Institut in Kopenhagen ebenfalls auf »Medxriv«: Laut dem nationalen Geburtenregister seien während des Lockdowns in Dänemark 90 Prozent weniger Babys als extreme Frühgeburten, das heißt vor der Schwangerschaftswoche 28, zur Welt gekommen als in den fünf Jahren zuvor (DOI: 10.1101/2020.05.22.20109793). In anderen Gestationsalterskategorien seien keine signifikanten Unterschiede zu den Vorjahren festzustellen gewesen.

Laut »New York Times« haben Ärzte in Kanada, den Niederlanden, Australien und den USA ähnliche Beobachtungen gemacht, ohne diese jedoch bislang zu publizieren. Teilweise hätten sich Neonatologen über Twitter ausgetauscht. Dabei sei deutlich geworden, dass der Trend zu weniger Frühgeburten sich nicht überall gezeigt habe.

Über die Gründe für das Phänomen kann momentan nur spekuliert werden. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass schwangere Frauen während des Lockdowns weniger Arbeitsstress und mehr Schlaf und Unterstützung durch ihre Familien erfuhren. Auch Infektionen mit anderen Erregern als dem Coronavirus wurden vermieden. Ein Rückgang der Luftschadstoffe durch die Einschränkungen des Straßenverkehrs kommt möglicherweise auch als Erklärung in Betracht. Die Analyse der Daten wird sicher spannend und zeigt hoffentlich Möglichkeiten auf, wie sich Frühgeburten künftig besser verhindern lassen als heute.

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