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Zweite Corona-Welle

Was müssen Leberpatienten derzeit beachten?

Menschen mit Lebererkrankungen haben wahrscheinlich kein erhöhtes Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Sollte es jedoch zu einer Infektion kommen, so wird die Schwere des Krankheitsverlaufs vom Zustand der Leber beeinflusst.
Christiane Berg
20.11.2020  07:00 Uhr

»Wenn eine Infektion auftritt, dann scheint das Risiko für einen schweren Verlauf vor allem davon abzuhängen, wie geschädigt die Leber bereits ist, also ob das Organ bereits fibrotisch (vernarbt) ist oder sogar eine Zirrhose vorliegt«: Das betont  der Leberspezialist Professor Dr. Markus Cornberg in einer aktuellen Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) anlässlich des Deutschen Lebertags am 20. November 2020.

»Definitiv riskant ist Covid-19 für Menschen, deren Lebererkrankung bereits mit einer Leberzirrhose einhergeht«, so Cornberg von der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Sterblichkeitsrate bei Zirrhose-Patienten sei deutlich höher als die von Covid-19-Patienten ohne Zirrhose. Ob eine unkomplizierte nicht alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD) ohne bislang vorliegende Spätschäden wie Fibrose oder Zirrhose das Risiko für einen schweren Verlauf erhöht, sei aktuell noch nicht eindeutig geklärt.

Cornberg ist Mitautor des sechs Monate nach Beginn der Pandemie aktualisierten und kürzlich veröffentlichten Positionspapiers der European Association for the Study of the Liver (EASL) und der European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (ESCMID), das den aktuellen Erkenntnisstand hinsichtlich COVID-19 mit Blick auf die verschiedenen Lebererkrankungen aufzeigt. 

Impfen lassen, gesund ernähren und regelmäßig zur Kontrolle

Generell sollten Patienten mit chronischen Lebererkrankungen besonders sorgfältig auf die empfohlenen Hygiene- und Abstandsregeln achten und sich gegen Influenza und je nach Art der Lebererkrankung auch Pneumokokken impfen lassen. Gegebenenfalls könne auch und gerade in Zeiten von Covid-19 zur Vorbeugung eine intensive Lebensstil-Intervention einschließlich vollwertiger Ernährung, ausreichender Bewegung und Gewichtsabnahme angezeigt sein.

Ein riesiges Problem ist jedoch, dass so viele Lebererkrankungen lange unerkannt bleiben, denn bekanntlich leidet die Leber lange still. »So bleibt eine Leberzirrhose mitunter jahrelang unerkannt«, unterstreicht Professor Dr.  Heiner Wedemeyer, Mediensprecher der DGVS, die bereits zum Welt-Hepatitis-Tag am 28. Juli den regelmäßigen Check der Leberwerte nicht zuletzt im Rahmen strukturierter Früherkennungsprogramme gefordert hat.

Leberschäden könnten ganz unterschiedliche Ursachen haben. Am häufigsten seien sie in der westlichen Welt mittlerweile tatsächlich auf falsche Nahrung zurückzuführen. Die Fallzahlen der Patienten mit nicht alkoholischer Fettleber (NASH) nähmen seit Jahren deutlich zu. In Deutschland sei inzwischen jeder Vierte betroffen. Doch auch seltene genetische Faktoren, übermäßiger Alkoholkonsum oder Infektionen mit Hepatitis-Viren könnten die Leber angreifen. Vor allem Infektionen mit Hepatitis B-und C-Viren hätten eine hohe Inzidenz mit oft schweren, chronischen Erkrankungsformen.

Früh genug entdeckt sind Leberschäden umkehrbar

Allen Leberschädigungen, so die DGVS, ist gemein, dass sie infolge inflammatorisch bedingter Gewebeveränderungen unentdeckt und unbehandelt zur narbigen Verhärtung und schließlich zum Untergang von Funktionsgewebe führen. In Deutschland seien derzeit rund 300.000 Menschen von einer Leberzirrhose betroffen. Die Dunkelziffer sei hoch. Schätzungen besagen, dass es mindestens weitere 500.000 Betroffene gibt, die nicht von ihrer Zirrhose wissen.

Das, so die DGVS weiter, ist umso tragischer, als dass Leberschäden oft vollständig umkehrbar sind – sofern sie rechtzeitig entdeckt werden. Die Leber verfüge über große Regenerationsfähigkeiten. Die Früherkennung von Lebererkrankungen habe große Potenziale, da sie zur Reduktion nicht zuletzt von Spätfolgen wie Leberversagen oder Leberkrebs beitragen kann. Mit und ohne Corona: Die entsprechende Prävention und engmaschige ärztliche Kontrolle von Lebererkrankungen könne großes Leid ersparen.

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