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Lieferengpässe

Was können die Rabattverträge dafür?

Apotheker, Kassen und Pharmaindustrie streiten darum, ob Rabattverträge mitverantwortlich sind für das Auftreten von Lieferengpässen bei Arzneimitteln. Ein neues Gutachten soll Licht ins Dunkel bringen.
Christina Müller
10.02.2020
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Wie eine Tankstelle ohne Benzin: So empfindet der Vorsitzende des Bundesverbands Deutscher Apothekenkooperationen (BVDAK), Stefan Hartmann, die Situation in den deutschen Apotheken. Der Grund für die sich zuspitzende Lieferengpass-Problematik ist in seinen Augen die Einführung der Rabattverträge. Diese habe in den vergangenen Jahren eine »fatale Kettenreaktion« ausgelöst. Immer mehr Anbieter zögen sich vom Markt zurück oder schrieben Verluste, teilte der Verband mit. Und der »Preisdumping-Wettbewerb« habe dazu geführt, dass die Hersteller ihre Produktion in Billiglohnländer verlagern mussten – mit den bekannten Folgen.

Von Berlin fühlt Hartmann sich im Stich gelassen. »Die Gesundheitspolitik hat Apotheken und Patienten, indem sie die Ausschreibungspraxis bisher nicht unterbunden hat, in eine prekäre Lage gebracht«, kritisiert der BVDAK-Chef. Und auch die Lösungsvorschläge der Regierung, die Union und SPD im Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz (GKV-FKG) verankern wollen, seien »halbherzig und praxisuntauglich«. Denn sie zielten vor allem auf das Verwalten der Misere bei Arzneimittelknappheit ab.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hält dagegen. Ein heute vorgelegtes Gutachten soll zeigen, dass Rabattverträge keineswegs Lieferengpässe begünstigen. In dem vom GKV-Spitzenverband beauftragen Gutachten des Instituts der Gesundheit Österreich (GÖG) vergleichen die Autoren die Situation für sieben verschiedene Wirkstoffe in fünf europäischen Ländern.

Neben Deutschland beziehen sie Finnland, Italien, Schweden und die Niederlande in ihre Auswertung mit ein. Alle diese europäischen Länder weisen eine mit Deutschland vergleichbare Wirtschaftsleistung auf und fördern den Generikamarkt, begründen die Experten ihre Auswahl. Zudem wollten sie sowohl Länder mit Sozialversicherungssystemen als auch solche mit nationalen Gesundheitsdiensten berücksichtigen. Darüber hinaus war es nach eigenen Angaben ihr Ziel, einen Mix aus Ländern mit und ohne Rabattvertragssystem zusammenstellen.

Bei den Wirkstoffen handelt es sich um Ranitidin, Lamotrigin, Hydromorphon, Pramipexol, Gabapentin, Fentanyl und Solifenacin. Dabei habe man darauf geachtet, verschiedene Indikationen abzudecken, dass Rabattverträge für diese Wirkstoffe existieren und in mindestens einem Land ein Lieferengpass besteht.

Neben einer unstrukturierten Literaturrecherche und dem Abfragen der nationalen Melderegister für Engpässe führten die Autoren semistrukturierte Interviews mit Vertretern der jeweils zuständigen Behörden und – soweit möglich – Repräsentanten der öffentlichen Apotheken. »Aufgrund der kurzen Bearbeitungszeit für das Kurzgutachten war es nicht möglich, in allen Ländern alle Ansprechpersonen zu erreichen«, räumen sie ein.

Kein Zusammenhang mit Rabattverträgen

»Alle Vergleichsländer hatten zum Zeitpunkt der Studie (Januar 2020) Meldungen über Lieferengpässe zu verzeichnen«, bilanzieren die Verfasser. »Allerdings zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Ländern: Knapp 1.700 Meldungen in Finnland für das Jahr 2019 standen 320 solcher Meldungen in Deutschland gegenüber.« Als Hauptgrund für Medikamentenknappheit seien vor allem Probleme bei der Produktion genannt worden, heißt es. »Darüber hinaus wurde der Parallelexport von Arzneimitteln in höherpreisige Länder dafür verantwortlich gemacht.« Ein Zusammenhang zwischen Lieferengpässen und Rabattverträgenhabe sich nicht bestätigt.

Die Reaktion der Hersteller folgte umgehend: »Die Aussage des GKV-Spitzenverbands, Arzneimittellieferengpässe ließen sich nicht Rabattverträgen anlasten, geht an der Realität vorbei«, sagte Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der pharmazeutischen Industrie (BPI), laut einer Mitteilung des Verbands. »Vielleicht liegt es daran, dass in dem als Quelle zitierten Gutachten aus Österreich nur sieben Wirkstoffe in unterschiedlichen Ländern untersucht wurden«, vermutet er. Betrachte man das Problem tiefgehender und mit dem Fokus auf Deutschland, dann werde das Gegenteil deutlich: »Nach der Scharfschaltung der Arzneimittel-Rabattverträge im Jahr 2007 ist im rabattvertragsgeregelten Markt eine Marktkonzentration eingetreten, die die Arzneimittelversorgung massiv beeinträchtigt.«

Aus der Sicht des Industrievertreters führt kein Weg daran vorbei, die Rabattverträge umzugestalten und das Risiko von Lieferausfällen auf verschiedene Schultern zu verteilen. »Verschärfte Melde- oder Lagerpflichten sind gut gemeint, verhindern aber leider keinen Lieferengpass.« Viel wichtiger sei es, die Anbietervielfalt zu stärken und Produktion in Europa zu fördern. »Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Arzneimittelversorgung gefährdet ist, wenn man aufgrund einer extremen Marktverengung nicht auf andere Anbieter ausweichen kann. Davon können nicht nur die Hersteller sondern auch die Apotheker ein Lied singen.«

 

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