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Covid-19

Was Herzpatienten jetzt beachten müssen

Wie gefährlich ist eine Infektion mit SARS-CoV-2 für das Herz? Schaden ACE-Hemmer und Sartane bei einer Infektion oder schützen sie? Darüber diskutierten Wissenschaftler kürzlich bei einem Webinar des Science Media Centers.
Hannelore Gießen
14.04.2020
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Bakterielle oder virale Infektionen belasten generell das Herz-Kreislauf-System und können zu erheblichen Komplikationen führen. Bei SARS-CoV-2 kommt erschwerend hinzu, dass der Rezeptor ACE2 (Angiotensin Converting Enzyme 2), an den SARS-CoV-2 bindet, um in die Wirtszellen einzudringen, Teil des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) ist. Dieses System gehört zu den wichtigsten Regulationssystemen des Körpers. Es generiert Angiotensin II, das die Blutgefäße verengt, den Blutdruck erhöht, den Sympathikus aktiviert und so das Herz belastet. Wahrscheinlich spiele es über die Bildung von Sauerstoffradikalen auch bei den bei Covid-19 auftretenden Schäden an Herz und Lunge eine Rolle, erläuterte Professor Dr. Thomas Eschenhagen, Direktor des Instituts für Experimentelle Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

Blutdrucksenkende Medikamente, die in das RAAS-System eingreifen, könnten den Krankheitsverlauf von Covid-19 sowohl positiv als auch negativ beeinflussen, berichtete der Pharmakologe. Um die Ambivalenz zu verstehen, muss man etwas tiefer in die Physiologie eintauchen. ACE2 findet sich außer in der Lunge auch im Herzen, in den Nieren sowie im Magen-Darm-Trakt. SARS-CoV-2 bindet mit seinem Spike-Protein an ACE2 und leitet so die Fusion mit der Zellmembran ein. Eine hohe Konzentration an ACE2 könnte also eine Infektion erleichtern. Tierversuche hätten gezeigt, dass ACE-Hemmer und Sartane die Rezeptordichte von ACE2 hochregulieren und somit theoretisch das Risiko für eine Infektion mit SARS-CoV-2 erhöhen. »Dieser Zusammenhang ist aber nicht gut belegt, vor allem nicht beim Menschen«, betonte Eschenhagen.

Das Hochregulieren von ACE2 könnte jedoch auch günstige Effekte ausüben. »ACE2 ist sozusagen der Gegenspieler des klassischen ACE1, das durch ACE-Hemmer gehemmt wird«, erklärte der Pharmakologe. Anders ausgedrückt: ACE1 produziere das schädliche Angiotensin II, ACE2 hingegen baue es ab und wirke dadurch protektiv auf das Herz-Kreislauf-System – auch bei Covid-19-Patienten. Ob ACE-Hemmer und Sartane in der Summe also eher schaden oder schützen, kann derzeit nicht beantwortet werden, lautete das Fazit des Experten.

Lösliches ACE-2 als Medikament

Die Eintrittspforte für SARS-CoV-2 lässt sich möglicherweise auch als Medikament nutzen. Forscher um Professor Dr. Josef Penninger vom Life Science Institute in Vancouver, Kanada, testen derzeit ACE2 als Therapeutikum. Rekombinant hergestelltes lösliches ACE2 soll das Virus abfangen und damit dessen Andocken an das natürliche ACE2 auf den Zelloberflächen verhindern. »Auf diese Weise ließe sich vielleicht eine Infektion der Zellen vermeiden«, berichtete Eschenhagen.

Zellexperimente zeigen, dass das rekombinante Protein den Eintritt von SARS-CoV-2 in humane Zellen verhindern kann. Das ist ein möglicher therapeutischer Ansatz, für den bis jetzt jedoch klinische Daten fehlen. Hierzu soll in Kürze eine Multicenter-Studie mit etwa 200 Covid-19-Patienten starten, an der auch das UKE und das Klinikum rechts der Isar in München beteiligt sind.

Lebenswichtige Medikation beibehalten

Die stärksten Risikofaktoren für einen schwereren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung sind Bluthochdruck und kardiovaskuläre Erkrankungen. Bei den stationären Patienten entwickelt ein Viertel bis ein Fünftel im Verlauf erhöhte Spiegel an Biomarkern, die auf Gewebeschäden hinweisen.

»Wir können wahrscheinlich davon ausgehen, dass dieses Virus zusätzlich zu den kardiovaskulären Problemen, die jede schwere Viruserkrankung machen kann, noch spezifische Effekte auf das kardiovaskuläre System ausübt. Wir sehen an Laborparametern, dass es während der akuten Phase zu Herzschädigungen kommt, wissen aber noch nicht, ob diese Schäden reversibel sind und ob man sie vielleicht mit unseren Standard-Medikamenten auch positiv beeinflussen kann«, berichtete Professor Dr. Steffen Massberg, Direktor der medizinischen Klinik und Poliklinik I, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München.

»Patienten mit einer gut eingestellten Hypertonie haben bei einer Covid-19-Erkrankung jedoch eine deutlich bessere Prognose als Patienten mit einer nicht oder schlecht eingestellten Erkrankung«, betonte der Kardiologe. Leider würden Patienten zurzeit lebenswichtige Medikamente aus Angst oft nicht mehr einnehmen. Die kardiovaskuläre Grunderkrankung müsse jedoch adäquat behandelt werden. Das sei für Herzpatienten das Wichtigste

Seit dem Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie sinkt die Zahl der Herzinfarkte deutlich. Das belegen Daten aus China und vor allem Italien. Da nicht anzunehmen ist, dass das Virus protektiv wirkt, vermutet Massberg: »Während der Corona-Krise wurden Herzinfarkte in Italien seltener diagnostiziert, weil Patienten bei entsprechenden Anzeichen nicht ins Krankenhaus kamen.« Möglicherweise sind durch die Fokussierung auf Covid-19 Hinweise auf einen Herzinfarkt auch übersehen worden. Das ist ein zusätzliches Risiko der jetzigen Pandemie, dass andere, ebenfalls sehr gefährliche Krankheiten, aus dem Blick geraten.

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