Pharmazeutische Zeitung online
Stresstest für die Pharma-Logistik

Was beim Transport von mRNA-Impfstoffen schief laufen kann

Beim Transport temperaturempfindlicher Arzneimittel, zu denen einige Corona-Impfstoffe gehören, lauern Schwachstellen. Fehler bei der Überwachung und Dokumentation gehören genauso zu den Problemen wie Diebstahl oder Fälschung.
Jennifer Evans
14.05.2021  09:00 Uhr

Grundsätzlich ist es Aufgabe der Apothekenleitung sicherstellen, dass ein Medikament so verpackt, transportiert und ausgeliefert wird, dass seine Qualität und Wirksamkeit erhalten bleibt. Das schreibt die Apothekenbetriebsordnung so vor. Da bilden temperaturempfindliche Arzneimittel wie mRNA-Impfstoffe keine Ausnahme. Bis zur Abgabe an den Empfänger muss die Offizin sich also vergewissern, dass während des gesamten Transports die Kühlkette intakt war. Zwar gelten für den Vertrieb von Humanarzneimitteln seit 2013 EU-weit Qualitätsstandards, die sogenannte Good Distribution Practice (GDP), doch Risiken und Schwachstellen bleiben trotzdem, wie Andreas Biermann der Pharmazeutischen Zeitung berichtet. Er ist Auditor und Leiter des Bereichs Logistik, Ver- und Entsorgung bei der DEKRA Certification.

Schon beim Transport von gängigen Kühltemperaturen von 2 bis 8 Grad Celsius hat sich Biermann zufolge gezeigt, dass oftmals der Schutz vor thermischen Einflüssen fehlt, es Auffälligkeiten beim Temperatur-Mapping gibt oder die Temperaturfühler nicht gewartet oder falsch installiert sind. Umso herausfordernder gestaltet sich derzeit, etwa den mRNA-Impfstoff Comirnaty® bei den geforderten rund Minus 70 Grad Celsius von A nach B zu befördern. Für diesen Zweck eigneten sich Transportboxen aus dem Lebensmittelbereich nicht, warnt der Logistik-Experte. Diese können zwar durchaus Gefriertemperaturen erreichen, doch sind sie nicht mit speziellen für die Pharmalogistik kalibrierten Sensoren ausgestattet. Darüber hinaus müssen solche aktiven Kühlsysteme eine zweite Stromquelle besitzen, falls einmal eine davon ausfällt.

Wie Biermann der Pharmazeutischen Zeitung schildert, kann es bei nicht GDP-konformen Kühlsystemen vorkommen, dass ein bereits aufgetauter Impfstoff wieder tieffriert. Auch bei alltäglichen Transporten passiert das, wenn beispielsweise ein Medikament in Kontakt mit dem Kühl-Akku kommt. Daher reiche es nicht, wenn die Transportbox den Istzustand der Temperatur anzeigt, wenn das Präparat entnommen wird. »Für Pharmatransporte sind Temperaturlogger notwendig, die auch nachträglich den Temperaturverlauf dokumentieren«, hebt er hervor. Entscheidend sei vor allem, die Cold- und Hotspots mit Temperatursensoren zu überwachen. Diese befinden sich an den wärmsten oder kältesten Punkten eines Fahrzeugs wie an Türeingang oder Decke.

Sorgfaltspflicht bei der Dokumentation

Eine Reihe von Anforderungen sind auch mit dem Öffnen der Box verbunden. Der Temperaturmonitor befindet sich im inneren Schaumstoffdeckel und dokumentiert die Temperatur der Ware über den gesamten Lieferweg. Ist die Kühlung korrekt eingehalten worden, zeigt er im Fall von Biontech einen »Haken«, ansonsten ein »X« an. Wird der Impfstoff entnommen, deaktiviert und trennt man ihn von seinem USB-Anschluss. »In dem Fall liegt die weitere Kühlkette in der Verantwortung des Empfängers, also beim Großhandel oder der Apotheke«, so Biermann.

Trotz GDP-Anforderungen lasse auch die Sorgfaltspflicht bei der Dokumentation zu wünschen übrig, bemängelt Biermann. Dabei spiele insbesondere für die Corona-Impfstoff-Lieferungen eine »lückenlose Dokumentation« aller relevanten Prozessdaten wie Liefermengen, Temperatur, Entnahmen, Beschädigungen eine zentrale Rolle. Lücken tauchten beispielweise dann auf, wenn keine Pharma-Temperaturlogger zum Einsatz kämen – dann müsse die Dokumentation nämlich per Hand erfolgen. Aber idealerweise laufe die Rückverfolgung bei hohem Zeitdruck ohnehin elektronisch ab, rät er. Dabei müsse allerdings auch die Software EU-Vorgaben erfüllen.

Selbst wenn mit Transport und Temperaturkontrolle alles rund läuft, bleiben in der Pharmalogistik weitere wunde Punkte: Diebstahl und Fälschung. Biermann berichtet, dass erst im Februar dieses Jahres aus China exportierte Covid-19-Impfstoff-Dosen aufgetaucht seien, die eine Kochsalzlösung statt dem Wirkstoff enthielten. Um solche Pannen zu vermeiden, können Hersteller demnach mit fälschungssicheren Verpackung und einem sogenannten Radio-Frequency Identification (RFID)-System arbeiten. Das identifiziert und verfolgt die Verpackung anhand elektromagnetischer Wellen eines kontaktlosen Datenaustauschs zwischen einem Transponder und einem Lesegerät.

Weniger Umschlagspunkte

Ein zusätzlicher Vorteil ist, dass der RFID-Transponder Informationen speichern kann. Zum Beispiel wann und wo ein Impfstoff abgefüllt worden ist und zu welchem Zeitpunkt er abläuft. Zum Schutz vor Diebstahl oder Überfällen empfiehlt Biermann den Logistikern, nur wenige Umschlagspunkte bis zum Großhandel anzufahren sowie verplombte Fahrzeuge mit GPS-Ortung zu nutzen. Vor allem durch Schleusen gesicherte Umschlags- und Lagerhallen sowie Lagerräume ohne Fenster hätten sich in der Praxis bewährt, berichtet er.

Qualitätsrisiken beim Transport entstehen darüber hinaus in Zusammenhang mit Trockeneis, das unter anderem bei Lagerung eines mRNA-Impfstoffs zum Einsatz kommt. »Sobald das feste Kohlenstoffdioxid wärmer als Minus 78,4 Grad Celsius wird, geht es direkt in gasförmiges, geruchsloses Kohlenstoffdioxid über – mit lebensgefährlichen Folgen«, so Biermann. Zur Kühlung des Biontech-Impfstoffs sind seinen Angaben zufolge etwa 23 Kilogramm Trockeneis-Pellets pro Thermoversandbehälter nötig. Die Verpackung muss also nicht nur den sehr geringen Temperaturen standhalten, sondern aus ihr darf auch kein Gas entweichen. Andernfalls droht ein Druckaufbau, der zum Bersten der Verpackung führen kann. Biermann: »Folglich dürfen geöffnete oder beschädigte Thermoversandbehälter nicht mit einfachem Paketband luftdicht verschlossen oder repariert werden.« Außerdem muss der Lkw oder der Raum, in dem die Box geöffnet wird, gut belüftet sein. Ansonsten besteht Erstickungsgefahr durch eine zu hohe Kohlendioxid-Konzentration oder es kann zu Kälteverbrennungen kommen, wenn der Lieferant keine Schutzkleidung trägt.

Risikobewusstsein hilft

Um die Risiken für temperatursensible Pharmazeutika auf dem Transportweg zu minimieren, appelliert Biermann an alle Beteiligten der Lieferkette, sich die Qualitätsspezifikationen wie Temperaturangaben und Transportbehälter vom Hersteller im Vorfeld exakt angegeben zu lassen. »Alle kritischen Vertriebsabläufe und wesentlichen Änderungen sollten begründet und – soweit erforderlich – validiert werden. Ebenso sollte das Qualitätssicherungssystem vollständig dokumentiert und seine Wirksamkeit überwacht werden«, sagt er. Wenn an einer Stelle beispielweise keine Temperaturmessung möglich ist, muss laut Biermann eine Risikobewertung erfolgen, die Fahrzeug, Fahrtdauer, Außentemperatur, Transportbox sowie die schriftliche Bestätigung des Herstellers berücksichtigt. »Hier kann eine sorgfältige und fehlerfrei dokumentierte Risikobewertung im Einzelfall mehr bewirken als nachlässig überwachte Messsysteme«, betont er. Grundsätzlich verbessere sich die Sicherheit aber durch ein »kontinuierlich gelebtes Risikobewusstsein« aller Beteiligten. In diesem Zusammenhang weist der Logistik-Experte darauf hin, dass grundsätzlich jedes Glied der Lieferkette einen Fehler oder Mangel erkennen und kommunizieren können muss.

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