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Klimawandel und Psyche 

Warum Apotheker etwas zum Klimawandel sagen sollten

Zu viele von uns verdrängen den Klimawandel und seine Folgen aus dem täglichen Bewusstsein, doch nur wenn wir uns aus dieser Starre lösen, ist der Planet noch zu retten, meint Psychotraumatologe Christoph Nikendei. Darüber sprechen sollten auch Ärzte, Apotheker und Therapeuten.
Christiane Berg
17.06.2021  14:30 Uhr

»Alpengletscher schmelzen, Hitzewellen und Buschbrände treten vermehrt auf, der Meeresspiegel steigt, Ernteausfälle, Hungertod und Massenflucht in unbekanntem Ausmaß nehmen zu. Die wissenschaftliche Evidenz der Folgen der Klimakrise ist bereits jetzt erdrückend«, konstatierte Professor Dr. Christoph Nikendei, Heidelberg, bei einer Online-Pressekonferenz des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Dennoch löse die sich abzeichnende globale Krise bislang keinen kollektiven Alarm und keine angemessenen Reaktionen aus.

Daran muss sich schnell etwas ändern, meint Nikendei. Die überwiegende Zahl der Menschen befinde sich gemäß Erkenntnissen der Psychosomatik in einer »emotionalen Paralyse«. Ob Psychotherapeuten, Ärzte oder Apotheker: Es sei Aufgabe unter anderem der Gesundheitsberufe, diese Menschen aus ihrer seelischen Starre und Bewegungsunfähigkeit herauszuführen und so auch dem sich abzeichnenden globalen Desaster entgegenzuwirken. »Die Heilberufe müssen vermehrt nicht nur über die Notwendigkeit eines planetaren Gesundheitsverständnisses aufklären und informieren, sondern zudem Kommunikationsmöglichkeiten schaffen, die Gefühle wie Verzweiflung, Scham, Schuld und Trauer zulassen«, konstatierte er. »Erst die Möglichkeit, diese Affekte offen zur Sprache zu bringen, löst Individuen aus ihren emotionalen Schutzmechanismen und bringt sie zum Handeln«, betonte der Psychotraumatologe, der eine adäquate Klimakommunikation und -edukation forderte.

Mit Blick auf diese Klimakommunikation und -edukation komme den Heilberufen eine zentrale Rolle zu. Denn eines sei gewiss: »Der Klimawandel wird sich immer mehr auch im medizinischen und therapeutischen Raum abzeichnen«, zeigte sich Nikendei überzeugt. »Geopolitische Spannungen und die schockierende Wirklichkeit von Flucht und Krieg werden Angst, Ambivalenzen und Depressionen produzieren und verstärkt Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungen in die Praxen führen«, so lautet seine Prognose.

Wir verdrängen Schuld- und Schamgefühle

»Mechanismen wie Profitmaximierung und fehlende technische Lösungen allein erklären die derzeitige Nach-uns-die-Sintflut-Haltung nicht«, konstatierte der Mediziner. Der für die globale und individuelle Gesundheit schädliche Nihilismus sei aus Sicht der Psychosomatik nur durch die seelische Abwehr unerträglicher Emotionen und den Versuch der psychischen Entlastung durch kognitive Verzerrung, Projektion und Dissoziation zu erklären.

»Die Klimakrise ruft tiefgreifende Gefühle von Schuld, Scham und Verzweiflung hervor – Schuldgefühle aufgrund der eigenen Mitverantwortung, Scham über die leidvollen Konsequenzen für unsere Kinder, Verzweiflung darüber, dass sich die Ergebnisse des Hyperkonsums und der Entgrenzung nicht einfach umkehren lassen.« Die Empfindungen seien so unerträglich, dass sie aus dem Bewusstsein verbannt werden müssten. »Dabei helfen Strategien der Verleugnung und Dissoziation«, so Nikendei.

»Diese Strategien führen dazu, dass selbst umweltbewusste Menschen kurze Strecken mit dem Auto fahren, weil es bequemer ist, oder ein neues Smartphone kaufen, obwohl sich das alte reparieren ließe. Sie ermöglichen es anderen, den Fleischkonsum zu reduzieren, sich jedoch regelmäßig auf einen Langstreckenflug in den Urlaub zu begeben«, so der Mediziner. Er sprach von Phänomenen wie »kollektiver Wahrnehmungsverzerrung, Verdrängung, Selbsttäuschung und unangemessenen Sorglosigkeit«, die zu weiteren Lasten der Umwelt gehen und die Entwicklungen noch zusätzlich beschleunigen.

Der Wahrheit ins Gesicht sehen, um die Katastrophe abzuwenden

Es sei für den Menschen offenbar leichter, die Bedrohung der physischen Existenz tatenlos hinzunehmen als der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und aktiv zu werden. Jedoch werde die Gesundheit und Zukunft der nachfolgenden Generation ganz entscheidend von der Bewältigung der Klimakrise abhängen. Mehr denn je gehe es für alle darum, der Angst ins Auge zu schauen.

»Es bleiben uns nur noch wenige Jahre, um die drohenden Gefahren für den Globus und für die Menschen signifikant abzuschwächen«, warnte Nikendei, der mehr »Bewusstwerdung« und gezielte Aktivitäten im Rahmen des Medizin- und Gesundheitswesens nicht zuletzt in Form entsprechender Aus-, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sowie verstärkter Aufklärungs- und Informationskampagnen forderte.

Wenngleich es im Moment noch unvorstellbar scheine: »Die gesellschaftlichen, psychosozialen und gesundheitlichen Schwierigkeiten und Probleme, die im Kontext der Erderwärmung auf uns zukommen, werden die der aktuellen Pandemie weit in den Schatten stellen«, prognostizierte er.

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