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Coronaviren

Warten auf Impfstoffe gegen 2019-nCoV

Wie bei jedem Ausbruch einer neuen Infektionskrankheit wird auch aktuell in China angesichts der schnell steigenden Infektionszahlen mit dem neuen Coronavirus 2019-nCoV der Ruf nach einem Impfstoff laut. Wie schnell könnte eine entsprechende Vakzine entwickelt werden?
Daniela Hüttemann
31.01.2020
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2019-nCoV ist nicht das erste Coronavirus, das in Asien auftaucht und sich schnell verbreitet. In den Jahren 2002 und 2003 kam es ebenfalls in China zu einem Ausbruch des schweren akuten respiratorischen Syndroms (SARS), dessen Erreger große Ähnlichkeit mit 2019-nCoV haben soll. Nach Informationen des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) hatten Firmen damals 22 Projekte zur Entwicklung von Impfstoffen gegen das SARS-Virus gestartet. Zugelassen wurde davon jedoch kein einziger. Zumindest besteht aber nun eine Grundlage, auf der Wissenschaftler bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen 2019-nCoV aufbauen können.

Laut Nachrichtenagentur dpa laufen die Arbeiten an Impfstoffen an verschiedenen Stellen in China bereits auf Hochtouren. Mehrere Institute seien nach Angaben von Staatsmedien parallel von der Regierung beauftragt worden. Wie schnell ein Impfstoff entwickelt sein könnte, wird von chinesischen Experten allerdings unterschiedlich eingeschätzt. Erste Studien könnten dank neuer Impfstofftechnologien bereits in wenigen Wochen starten. Die chinesische Seuchenkontrollbehörde China CDC kündigte laut der Nachrichtenagentur Xinhua am 26. Januar an, selbst Impfstoffe entwickeln zu wollen und auch Wirkstoffe auf ihre Wirksamkeit bei der Lungenerkrankung zu testen. Das Krankenhaus der Shanghaier Tongji Universität arbeitet laut Nachrichtenagentur Xinhua gemeinsam mit dem Unternehmen Stermirna Therapeutics an einem neuen mRNA-Impfstoff. Die Herstellung der Prüfmittel soll nicht länger als 40 Tage dauern.

Das Tübinger Unternehmen CureVac macht ebenfalls Hoffnung, dass seine neue mRNA-Impfstoff-Plattform sich für die schnelle Entwicklung eines passenden Impfstoffs eignen könnte. Bislang kann die Firma auf erste Erfolge aus klinischen Studien mit einem Tollwutimpfstoff auf mRNA-Basis verweisen. CureVac kündigte am 24. Januar auf der Website www.precisionvaccinations.com an, dass es bereits einen experimentellen Impfstoff gegen 2019-nCoV produziere. Dieser hat jedoch noch die präklinischen Tests vor sich, bevor er in klinischen Studien an Menschen zum Einsatz kommen könnte. Laut Vorstand Mariola Fotin-Mleczek gegenüber dpa am Freitag könnte es innerhalb von 16 Wochen soweit sein. Die Firma bekommt nun finanzielle Unterstützung von CEPI, der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations.

Auch das US-Unternehmen Moderna aus Cambridge in Massachusetts kündigte an, seine mRNA-Technologie für einen Coronavirus-Impfstoff nutzen zu wollen. Dabei arbeitet die Firma mit den Behörden zusammen und wird ebenfalls von CEPI unterstützt. Man habe bereits sechs Phase-I-Studien mit mRNA-Vakzinen erfolgreich durchgeführt, teilte Moderna mit.

Die verimpfte mRNA soll die genetische Sequenz für Antigene des neuen Erregers enthalten und im Körper des Geimpften die Antikörper-Produktion anregen. Bei Modernas Ansatz können dabei mehrere verschiedene mRNA in einer einzigen Impfung verabreicht werden, sodass das Immunsystem gleich gegen mehrere Targets Antikörper bilden kann. Im Programm des Unternehmens waren bislang mRNA-Impfstoffe gegen bestimmte Influenza-Subtypen, das Zytomegalie-Virus, RSV (Respiratory Syncytial Virus), ein bestimmtes Parainfluenza-Virus, Zika- und Chikungunya-Viren.

Auch DNA-Impfstoffe in der Entwicklung

CEPI unterstützt auch weitere Forschungsvorhaben für einen spezifischen 2019-nCoV-Impfstoff. Die US-amerikanische Firma Inovio arbeitet bereits seit 2018 an einer DNA-Vakzine gegen den ebenfalls zu den Coronaviren gehörenden Erreger des Middle East Respiratory Syndrome (MERS) und das Lassavirus. Auch DNA-Impfstoffe enthalten den Bauplan für ein gewünschtes Antigen, nur eben als DNA und nicht als mRNA. Auch hier liegt im Prinzip ein Baukastensystem vor, dass eine schnelle Produktion mit der gewünschten Gensequenz erlaubt.

Der MERS-Impfstoff INO-4700 war in einer Phase-I-Studie erfolgreich. Kürzlich wurden die Ergebnisse im Fachjournal »The Lancet Infectious Diseases« veröffentlicht (DOI: 10.1016/S1473-3099(19)30397-4). Er sei gut vertragen worden und 95 Prozent der Probanden hätten eine hohe, über 60 Wochen anhaltende Antikörper-Antwort auf die Impfung gezeigt. Der MERS-Impfstoff soll nun in einer Phase-II-Studie getestet werden.

Inovio kündigte am 30. Januar an, dass es mit INO-4800 bereits den Prototypen einer spezifischen Vakzine gegen 2019-nCoV entwickelt hat und gemeinsam mit dem chinesischen Unternehmen Beijing Advaccine Biotechnology in klinischen Studien in China und den USA testen will. Präklinik und Produktion für das Prüfprodukt laufen bereits.

Mit Johnson & Johnson kündigte auch einer der Major Player der Branche an, einen Impfstoff gegen 2019-nCoV entwickeln zu wollen, und zwar mit der gleichen Technologie der Tochterfirma Janssen, die schon beim Ebola-Impfstoff zum Einsatz kam. Dabei sollen Virusproteine als Antigene eingesetzt werden. Dieser Impfstoff befindet sich in der EU derzeit im Zulassungsverfahren.

Das US-Unternehmen Novavax hatte 2017 bereits erste Ergebnisse über eine rekombinante Nanopartikel-Vakzine gegen das MERS-Virus veröffentlicht. Novavax setzt zudem ein eigenes Adjuvanz ein. Die Firma hat bereits mit der Entwicklung eines 2019-nCoV-Impfstoffs auf der gleichen Basis begonnen, berichtet das Online-Portal BioWorld.

Mindestens ein Jahr für klinische Studien

Auch Virologen der Marburger Universität und Wissenschaftler anderer Institute in Deutschland forschen an einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus. Sie nutzen ebenfalls eine Impfstoff-Plattform, die wie ein Baukastensystem für Viren und passende Antigene funktionieren soll. »Man kann aber nicht erwarten, dass man bereits in der ersten Ausbruch-Phase eines neuen Virus einen Impfstoff zur Verfügung hat«, betont Professor Dr. Stephan Becker, Direktor des Marburger Instituts für Virologie. Mindestens ein Jahr dauere es, um zu testen, ob ein Impfstoff wirksam und sicher ist.

An der Universität von Queensland in Australien arbeiten Forscher dagegen an einem eher klassischen Impfstoff, der wie der aktuell verwendete Grippeimpfung bereits fertige Virusantigene enthält. Laut vfa wird hier die Herausforderung bestehen, schnell genug ausreichende Mengen der Vakzine zu produzieren. Das soll bei den mRNA- und DNA-Vakzinen deutlich schneller und einfacher gehen. Die klinische Testung dagegen lässt sich nur schlecht abkürzen.

So spricht die Universität Hongkong von Monaten für die Testung an Tieren und mindestens einem weiteren Jahr für klinische Studien an Menschen. Die Forscher setzen dabei auf die Umwandlung eines bereit entwickelten Grippeimpfstoffs. Man habe bereits Proben für Studien fertig gestellt. Die Vakzine soll als Nasenspray verabreicht werden, heißt es auf dem Nachrichtenportal »Asia one«.

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