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Achondroplasie

Wachstum dank Vosoritid

Achondroplasie ist die häufigste Form von dysproportioniertem Kleinwuchs. Mit Vosoritid  kam im Oktober die erste zielgerichtete Therapie auf den deutschen Markt.
Sven Siebenand
04.11.2021  07:03 Uhr

Stark verkürzte Extremitäten im Vergleich zum Rumpf sind charakteristisch für die Achondroplasie. Die endgültige Körpergröße im Erwachsenenalter liegt in der Regel zwischen 120 und 135 cm. Typisch für das Krankheitsbild sind ferner zum Beispiel ein deutliches Hohlkreuz, eine prominente Stirn und O-Beine. Mögliche Komplikationen sind eine Stenose des Foramen magnum (große Öffnung im Bereich der hinteren Schädelgrube), häufige Mittelohrentzündungen, Hörverlust, schlafbezogene Atemstörungen und Streckdefizite in den Gelenken.

Von Achondroplasie betroffen ist etwa eines von 25.000 lebend geborenen Kindern. Ursache ist meist eine Gain-of-Function-Mutation im Gen für den Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptor-3 (FGFR3), wodurch die Umwandlung von Knorpel- in Knochensubstanz, die sogenannte enchondrale Ossifikation, an der Wachstumsfuge der Knochen hochreguliert wird. Aus der Liganden-unabhängigen Daueraktivität von FGFR3 resultiert eine frühzeitige Verknöcherung des Knorpels und das Knochenwachstum wird damit gehemmt.

Natürlicher Gegenspieler des genannten Signalweges ist das C-Typ-natriuretische Peptid (CNP), das über den natriuretischen Peptidrezeptor B (NPR-B) auf der Oberfläche von Chondrozyten agiert. Proliferation und Differenzierung sowie die Bildung der Knorpelmatrix werden damit angeregt. So hilft CNP, dem übermäßig negativen Signal des mutierten FGFR3 entgegenzuwirken. Vosoritid (Voxzogo® 0,4 mg/0,56 mg/1,2 mg Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung, Biomarin) wirkt genauso. Es handelt sich um ein modifiziertes rekombinantes Analogon von CNP. Die Halbwertszeit ist dabei deutlich länger als jene von CNP.

Der neue Wirkstoff ist derzeit zur Behandlung der Achondroplasie ab einem Alter von zwei Jahren zugelassen und darf so lange eingesetzt werden, bis die Wachstumsfuge endgültig geschlossen ist. Das ist durchschnittlich im Alter von 14 bis 16 Jahren der Fall. Die Diagnose der Achondroplasie sollte durch entsprechende genetische Tests bestätigt worden sein, bevor der neue Wirkstoff zum Einsatz kommt.

Beschleunigtes Knochenwachstum bei Kindern

Wirksamkeit und Sicherheit wurden in einer randomisierten und doppelblinden Phase-III-Studie (ACH-Studie 111-301) bei insgesamt 121 Kindern mit Achondroplasie im Alter von 5 bis <18 Jahren untersucht. Sie erhielten über 52 Wochen täglich einmal Vosoritid in einer Dosis von 15 μg/kg Körpergewicht oder subkutane Placebo-Injektionen. Primärer Endpunkt war die Veränderung der mittleren annualisierten Wachstumsgeschwindigkeit (Annualised Growth Velocity, AGV) gegenüber Baseline.

Durch eine tägliche subkutane Behandlung mit Vosoritid konnte eine signifikante Steigerung der AGV um 1,57 cm/Jahr im Vergleich zu Placebo erreicht werden. Die beobachtete Zunahme des Wachstums trat proportional sowohl in der Wirbelsäule als auch in den unteren Gliedmaßen auf. 

Das neue Medikament sollte so früh wie möglich nach der Diagnose zum Einsatz kommen und muss einmal pro Tag subkutan injiziert werden. Die übliche Dosis beträgt 15 μg/kg Körpergewicht. Zu den empfohlenen Injektionsstellen am Körper gehören der zentrale Bereich auf der Vorderseite der Oberschenkel, der untere Teil des Bauchs mit Ausnahme eines Bereichs von 5 cm direkt um den Bauchnabel, der obere Teil des Gesäßes und die Rückseite der Oberarme. Dieselbe Injektionsstelle sollte nicht zwei Tage nacheinander verwendet werden. Voxzogo darf nicht an Stellen injiziert werden, die gerötet, geschwollen oder verhärtet sind.

In der Fachinformation von Voxzogo wird empfohlen, dass Patienten etwa 30 Minuten vor der Injektion einen kleinen Imbiss zu sich nehmen und ein Glas Flüssigkeit trinken. So wird die Wahrscheinlichkeit verringert, dass Anzeichen und Symptome einer möglichen Blutdrucksenkung, auftreten. Neben Hypotonie zählen auch Reaktionen an der Injektionsstelle sowie Erbrechen zu den sehr häufig beobachteten Nebenwirkungen

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