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Impfstoff-Handhabung

Von Spritzen, Kanülen und dem Totvolumen

Zahlreiche Apotheker sowie PTA bringen derzeit ihr Know-how ein, damit die Covid-19-Impfstoffe fachgerecht eingesetzt werden können. Ein kritischer Punkt dabei sind die verwendeten Spritzen und Kanülen sowie ihr Totvolumen. Ein Erfahrungsbericht von Apotheker Christian Heckmann aus dem Landkreis Kassel.
Christian Heckmann
23.02.2021  11:00 Uhr

Schnell war klar, dass bei Tozinameran (Comirnaty®) von Biontech und Pfizer nach fünf entnommenen Dosen ein nicht unerheblicher Rest im Fläschchen zurückbleibt. Im Januar wurde die Zulassung geändert, nun enthält eine Ampulle offiziell sechs Impfdosen. Die Entnahme der sechsten Dosis und erst recht einer siebten ist jedoch stark abhängig vom eingesetzten Material und der Praxiserfahrung der herstellenden Person.

Die Rekonstitution der ersten Spritzen war auch für mich ein aufregendes Erlebnis, mittlerweile ist es aber Routine. Wichtig ist, dass die Fachinformation die rechtsbindende Grundlage ist, wonach eine Impfdosis Comirnaty 30 µg Wirkstoff enthalten muss. Um diese vollständig »in den Impfling zu überführen« muss neben den 0,3 ml in der Spritze auch die komplette Kanüle entlüftet, das heißt mit Impfstoff gefüllt sein. Nun scheiden sich die Geister, wie viel Volumen Impfstoff nun tatsächlich aufgezogen werden muss, um die komplette Dosis abzufüllen.

Das sogenannte Totraumvolumen besitzt jede Spritze und jede Kanüle. Es beschreibt jenes Volumen, welches nach vollständiger Entleerung in der Kanüle bauartbedingt verbleibt und als Verlust mit einzuberechnen ist. Dabei ist für eine möglichst sparsame Herstellung auf möglichst kleine Totvolumina der eingesetzten Materialien zu achten.

Eine »normale Spritze« mit flachem Kolben hat ein relativ großes Totvolumen, da der komplette Spritzenauslass nicht geleert wird. Ich empfehle, diese Spritzen nur für das Aufziehen der Kochsalzlösung zu verwenden, da hier wirklich viel Flüssigkeit verloren geht. Spritzen mit seitlichem Auslass lassen sich leichter entlüften. Dies beschleunigt das Aufziehen der Kochsalzlösung und erhöht die Genauigkeit, da keine störenden Luftblasen in der Spritze verbleiben.

Für das Aufziehen des Impfstoffs sollten Spritzen mit Spardorn verwendet werden. Diese gibt es von verschiedenen Herstellern. Sie minimieren das Totvolumen je nach Beschaffenheit des Spardorns auf die adhäsiven Reste, welche aus physikalischen Gründen am Spritzenmaterial haften bleibt. Der Spardorn füllt den Spritzenauslass nahezu vollständig aus, sodass hier verlustfreier gearbeitet werden kann. Diese Spritzen sind auch in Deutschland sehr gängig, daher sollten sie zur Standardbestückung der Impfzentren gehören. Im Impfzentrum des Landkreises Kassel verwenden wir 1ml Feindosierspritzen, um die 0,3 ml möglichst genau aufzuziehen.

Neben den Spritzen muss das Augenmerk auch auf die Wahl der Kanüle gelegt werden. Zum einen geben die Hersteller ein Totvolumen an, zum anderen ist es sehr wichtig, die Kombination aus Spritze und Kanüle zu beachten, da sich hier bei ungünstiger Kombination das Gesamttotvolumen nochmals ändern kann. Im Optimalfall passt die Kanüle »wie angegossen« auf die Spritze.

Kanüle fest auf Spritze drücken

Wichtig als Praxistipp: Die Kanüle und die Spritze mit ganzer Kraft vereinigen! Hierbei wird das Volumen zwischen Spritzenausgang und Kanüleneingang deutlich reduziert. Zudem ist das impfende Personal dankbar, wenn die Kanüle fest auf der Spritze sitzt und nicht abfällt. Je nach Durchmesser und Länge der Kanüle kann das Totvolumen variieren, daher ist es schwer pauschal zu bestimmen, wie viel vor Kanülenwechsel aufgezogen werden muss, wenn sich die Aufziehkanüle von der Injektionskanüle unterscheidet.

Als Spezialfall gibt es noch Komplettsysteme wie die im Volksmund »Diabetikerspritze« genannte Variante. Da hier die fixe Kombination keinerlei »Kombinationsspielraum« lässt und auch vom Hersteller validiert ist, ist dies wohl das sparsamste Material. Hierbei ist zu beachten, dass systembedingt die fest verbaute Kanüle auf jeden Fall sowohl Aufzieh- als auch Injektionskanüle ist. Sollte diese zu dünn oder flexibel sein, ist das Anstechen des Vials problematisch (gerade bei Moderna und Astra-Zeneca ist das Septum sehr fest), da die Kanüle verbiegen oder gar bersten kann. Zudem ist zu hören, dass die großflächige Verfügbarkeit dieser Spritzen zum jetzigen Stand nicht gewährleistet ist.

Auch im pharmazeutischen Alltag der Impfzentren steckt oft der Teufel im Detail. Ich appelliere daher an alle Kolleginnen und Kollegen, den inneren pharmazeutischen Technologen auszupacken, denn unsere Kompetenz ist jetzt so stark gefragt wie lange nicht mehr.

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