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Langzeitfolgen von Covid-19

Virusfrei heißt nicht genesen

In den Statistiken der Coronavirus-Pandemie zählen Covid-19-Patienten, die nicht mehr akut behandelt werden müssen, als genesen. Doch sind sie das wirklich? Viele leiden weiter unter Symptomen, teilweise so stark, dass sie ihren Alltag kaum bewältigen können. Auch junge Menschen mit ursprünglich milder Covid-19-Symptomatik sind betroffen.
Annette Rößler
26.08.2020  09:00 Uhr

Je länger die Coronavirus-Pandemie andauert, desto mehr Menschen gibt es, die eine Infektion mit SARS-CoV-2 durchgemacht haben. In den Statistiken werden diese als Genesene geführt. Viele von ihnen sind jedoch auch mehrere Wochen nach ihrer sogenannten Genesung noch mehr oder weniger stark beeinträchtigt. Das zeigen eine zunehmende Zahl an Fallberichten und mittlerweile auch wissenschaftliche Publikationen. Ähnlich wie es bei der akuten Krankheit Covid-19 der Fall war, die zunächst ausschließlich als Lungenerkrankung gesehen wurde und deren mögliche Auswirkungen auf diverse andere Organe erst nach und nach zutage traten, findet nun auch mit Blick auf die Langzeitfolgen ein Umdenken statt.

Zu den Symptomen, die Menschen nach einer überstandenen SARS-CoV-2-Infektion längere Zeit zu schaffen machen können, gehören laut einem Artikel auf der Nachrichtenseite des Fachmagazins »Science« Fatigue, Herzrasen, Atemnot, Gelenkschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten (auf Englisch sehr anschaulich als »Brain Fog« bezeichnet) und dauerhafter Geruchs- und Geschmacksverlust (DOI: 10.1126/science.abe1147).

»Science« beschreibt den Fall einer 38-jährigen Neurowissenschaftlerin, die, bevor sie vergleichsweise leicht an Covid-19 erkrankte, ein Forschungslabor leitete und dreimal in der Woche ins Fitnessstudio ging. Jetzt – vier Monate danach – beschränke sich ihre körperliche Aktivität auf Wege »zwischen dem Bett und der Couch, eventuell auch zwischen der Couch und der Küche«.

Symptome kommen und gehen

Ganz ähnlich erging es einer anderen jungen Frau, die im Bereich Public Health an der University of Southampton forscht. Auch sie hat nach mildem Covid-19-Verlauf nun fortgesetzt mit den Folgen zu kämpfen. Im Fachjournal »Nature« berichtet Dr. Nisreen Alwan von einer Besonderheit ihres Zustands: Ihre Tagesform ist extrem unterschiedlich (DOI: 10.1038/d41586-020-02335-z). Mal sind die Symptome stärker, mal schwächer. Seit ihrer Erkrankung im März habe sie schlechte Tage mit einigen Symptomen gehabt, brauchbare Tage und dann wieder schlechtere Tage, an denen sie so erschöpft gewesen sei, dass sie Aktivitäten wie kurze Spaziergänge, die sie an den besseren Tagen unternommen hatte, bereut habe.

Alwan regt an, diese Form der Erkrankung, die sie als Langzeit-Covid-19 bezeichnet, von der kurzen Form abzugrenzen, bei der die Symptome relativ rasch wieder verschwinden, sobald der Coronatest negativ ausfällt. Während man von den Risikofaktoren für einen schweren akuten Erkrankungsverlauf mittlerweile eine ganz gute Vorstellung habe, wisse man über die Risikofaktoren für Langzeit-Covid-19 noch nichts. Das müsse sich dringend ändern.

Wichtig sei auch, Patienten, die wie sie selbst aufgrund von lediglich milden akuten Covid-19-Symptomen nicht im Krankenhaus behandelt worden seien, mit zu erfassen. Diese Gruppe falle derzeit noch durchs Raster. Alwan fordert eine neue Definition für den Zustand »genesen von Covid-19«, die Dauer, Schwere und Fluktuation von Langzeitsymptomen ebenso berücksichtigen sollte wie die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, und die Lebensqualität.

Langzeit-Covid-19 auch bei Jüngeren

Wie groß der Anteil von Betroffenen mit Langzeit-Covid-19 ist, lässt sich momentan noch schwer beurteilen. Häufigkeitsangaben reichen von 10 bis 15 Prozent in der »COVID Symptom Study«, die per App die Symptome von Covid-19-Patienten in den USA und Großbritannien erfasst, und 87 Prozent in einer Kohorte von 179 ehemals hospitalisierten Patienten in Italien (»JAMA«, DOI: 10.1001/jama.2020.12603). Aktuell erschien im »Morbidity and Mortality Weekly Report« der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC ein Bericht über die Ergebnisse einer telefonischen Befragung von 292 Patienten mit laborbestätigter, aber keine stationäre Betreuung erfordernden Covid-19-Erkrankung (DOI: 10.15585/mmwr.mm6930e1).

In dem Telefoninterview, das zwischen dem 14. und 21. Tag (median am 16. Tag) nach dem positiven Coronatest der Teilnehmer stattfand, gaben 35 Prozent der Befragen an, sich noch immer nicht wieder so fit zu fühlen wie vor ihrer Erkrankung. Auch in der jüngsten erfassten Altersgruppe (18 bis 35 Jahre) war insgesamt jeder Vierte (26 Prozent) betroffen; von den 18- bis 35-Jährigen ohne Vorerkrankung waren es immerhin noch 19 Prozent. Die häufigsten andauernden Symptome waren Husten (43 Prozent) und Fatigue (35 Prozent).

Die Zeitspanne von zwei bis drei Wochen nach dem Nachweis der Infektion mag für eine Beurteilung der Langzeitfolgen kurz erscheinen. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass beispielsweise bei der Grippe 90 Prozent der ambulant betreuten Patienten zwei Wochen nach einem positiven Influenzanachweis wieder erholt seien. Ihre Hauptaussage lautet: »Covid-19 kann eine lang anhaltende Erkrankung nach sich ziehen, auch bei jungen, ansonsten gesunden Erwachsenen. Angebote der Gesundheitsversorgung, die sich gezielt an diese Gruppe richten, sind erforderlich.«

Ursachenanalyse gefragt

Hier geht es wohlgemerkt nicht um Patienten, die bereits an Covid-19 schwer erkranken und bestimmte Organkomplikationen entwickeln. Dazu gehören, wie die Autorin des »Science«-Artikels noch einmal aufzählt, Schäden in der Lunge – die jedoch offenbar weniger stark ausgeprägt sind als bei SARS und MERSam Herzen, an den Gefäßen und im zentralen und peripheren Nervensystem (Stichwort: »Neuro-Covid«). Bei diesen Patienten ist es wenig erstaunlich, dass sie nach Covid-19 eine längere Rekonvaleszenzphase haben und anschließend auch entsprechende Spätfolgen haben können.

Schwieriger und dafür umso wichtiger ist aber, auch bei Patienten, die nur mild erkrankt waren, mit der Möglichkeit solcher Schäden zu rechnen. Der Dachbegriff »Fatigue« für das offenbar am häufigsten vorkommende bleibende Symptom nach Covid-19 sei daher Forschern zufolge mit Vorsicht zu verwenden, heißt es in »Science«. Die Gefahr bestehe, dass die Beschwerden der Genesenen als Fatigue-Syndrom klassifiziert würden. Dies sei aber eine spezifische Diagnose und habe mit der Post-Corona-Fatigue nichts zu tun.

Das Symptom Fatigue könne verschiedene Ursachen haben, etwa eine Lungenfibrose oder eine beeinträchtigte Herzfunktion, so Dr. Michael Marks, Infektiologe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, gegenüber »Science«. Die genaue Ursache des Symptoms herauszufinden und zu verstehen, sei letztlich die Voraussetzung dafür, es zu behandeln.

Psychische Nachwehen

Und wie fühlt man sich bei all dem? Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit beeinträchtigen meist auch die psychische Gesundheit. Diesbezüglich sind die Folgen der Pandemie noch nicht abzusehen, werden aber vermutlich ebenfalls beträchtlich sein.

Gegenüber dem Nachrichtenportal »STAT« gab Dr. Teodor Postolache, Professor für Psychiatrie an der University of Maryland School of Medicine, eine Schätzung ab: Eine klinisch manifeste Infektion werde vielleicht bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen irgendeine Art von psychischen Beschwerden nach sich ziehen. Dies könnten Ängstlichkeit sein oder Depression, aber auch unspezifische Symptome wie Fatigue, Schlafstörungen oder ein allgemeines Gefühl, nicht in Topform zu sein.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hatte bereits Ende Mai vor den psychischen Auswirkungen der Pandemie gewarnt. Dabei war es aber mehr um Folgen des Lockdowns und der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten gegangen. In dem Maß, wie die Zahl der Covid-19-Genesenen steigt, werden auch die ganz spezifischen psychischen Probleme dieser Menschen ein Thema werden.

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