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Long Covid

Virusfragmente noch lange nachweisbar

Bei vielen Menschen, die nach einer durchgemachten SARS-CoV-2-Infektion an Long Covid leiden, lassen sich noch lange nach der akuten Krankheitsphase Virusfragmente nachweisen. Sie könnten für die anhaltenden Beschwerden der Patienten mitverantwortlich sein.
Theo Dingermann
Annette Rößler
18.05.2022  13:00 Uhr

Es mehren sich wissenschaftliche Arbeiten, in denen gezeigt wird, dass Teile von SARS-CoV-2 noch Monate nach einer Erstinfektion in verschiedenen Geweben im Körper verbleiben können. Ein Zusammenhang mit dem Long-Covid-Syndrom, dessen Ursachen immer noch ungeklärt sind, scheint möglich, kann aber anhand der bisherigen Erkenntnisse nicht eindeutig etabliert werden. Den derzeitigen Stand der Forschung gibt die Wissenschaftsjournalistin Heidi Ledford jetzt in einem nachrichtlichen Artikel auf der Seite des Fachjournals »Nature« wieder.

Gleich zwei aktuelle Publikationen bringen demnach den Darm als Reservoir, in dem SARS-CoV-2 überdauern kann, ins Spiel. Dass SARS-CoV-2 Darmzellen infizieren kann und viele Covid-19-Patienten schon kurz nach der Infektion virale RNA fäkal ausscheiden, wurde bereits früh im Verlauf der Pandemie deutlich. Eine Gruppe um Dr. Aravind Natarajan von der Stanford University zeigt jetzt in einer Arbeit, die im Fachjournal »Med« publiziert wurde, dass das bei 4 Prozent der Genesenen auch noch sieben Monate nach der Diagnose der Fall ist. Das Vorhandensein von SARS-CoV-2-RNA im Stuhl war bei den Betroffenen oft mit gastrointestinalen Symptomen verbunden. Dies könnte, so ein Resümee der Autoren, auf eine kausale Rolle einer langfristigen Infektion des Magen-Darm-Trakts bei Long Covid hindeuten.

Über ähnliche Beobachtungen berichten Dr. Andreas Zollner von der medizinischen Universität Innsbruck und Kollegen im Fachjournal »Gastroenterology«. Sie hatten in Dünn- und Dickdarmproben von 46 Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen 219 Tage nach einer bestätigten Covid-19-Infektion noch SARS-CoV-2-Reste nachgewiesen. Auch die Ergebnisse dieser Studie deuten an, dass die Persistenz von SARS-CoV-2-Antigenen in infiziertem Darmgewebe eine Basis für Long-Covid bilden könnte.

Allerdings warnen die Wissenschaftler davor, aus diesen Daten voreilige Schlüsse zu ziehen. »Es müssen noch weitere Studien gemacht werden – und die sind nicht einfach«, sagte Professor Dr. Ami S. Bhatt, Seniorautorin der an der Stanford-Universität durchgeführten Arbeit, gegenüber »Nature News«. Über die Ursachen von Long Covid gibt es verschiedene Theorien; außer persistierenden Resten des Coronavirus kommen etwa destruktive Immunreaktionen oder kleinste Blutgerinnsel in Betracht. Allgemein geht man momentan davon aus, dass eine Mischung dieser Faktoren zu dem Syndrom beiträgt.

Virusreste auch in anderen Organen

In welchen Geweben das Coronavirus im Körper überdauert, kann dabei offenbar verschieden sein. Laut einer als Preprint auf »Research Square« veröffentlichten Arbeit eines Forscherteams um Dr. Daniel S. Chertow vom NIH Clinical Center in Bethesda, USA, waren in Autopsiegewebe von 44 genesenen Personen Hinweise auf das Vorkommen viraler RNA in vielen Organen zu finden, darunter im Herzen, in den Augen und im Gehirn. Diese Autoren zeigen, dass virale RNA und virale Proteine noch bis zu 230 Tage nach der Infektion nachweisbar waren.

Obwohl sich somit die Hinweise verdichten, dass das Coronavirus zumindest bruchstückhaft – als »Geist«, wie Bhatt es griffig bezeichnet – im Darm und in anderen Organen relativ lange überdauern kann, ist damit noch nicht der Nachweis erbracht, dass dies Long Covid verursacht. Es scheint aber zunehmend wahrscheinlich, dass die »Coronavirus-Geister« zumindest bei einem Teil der betroffenen Patienten an der Pathologie beteiligt sind.

Anhaltende Beschwerden über zwei Jahre

Zurzeit ist die Suche nach den Ursachen von Long Covid noch Grundlagenforschung. Im Sinne der vielen Betroffenen auf der ganzen Welt, die infolge einer Coronainfektion dauerhaft stark eingeschränkt sind, wäre es aber natürlich wünschenswert, wenn sich möglichst bald ein ursächlicher therapeutischer Ansatz daraus ergeben würde.

Gerade erst hat eine Untersuchung mit knapp 2500 Covid-19-Genesenen aus Wuhan gezeigt, wie lange die Betroffenen nach der Infektion mit Long Covid zu kämpfen haben. Laut der Studie, die im Fachjournal »The Lancet Respiratory Medicine« erschien, hatte die Hälfte der Teilnehmer (55 Prozent) zu diesem Zeitpunkt noch mindestens ein Symptom, am häufigsten Fatigue oder Muskelschwäche. Generell war der Gesundheitszustand der ehemaligen Covid-19-Patienten schlechter als der der Allgemeinbevölkerung.

Das Ergebnis ist aus mehreren Gründen nicht 1:1 auf die heutige Situation übertragbar. So handelt es sich bei den Teilnehmern ausschließlich um Personen, die damals aufgrund von Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden mussten. Mittlerweile hat sich außerdem sowohl das Virus weiterentwickelt – die derzeit dominante Omikron-Variante führt seltener zu schweren Krankheitsverläufen als das Wildtypvirus – als auch die Behandlungsmöglichkeiten. Ein Großteil der Bevölkerung ist zudem geimpft und dadurch vor schweren Verläufen und Hospitalisierung gut geschützt.

Dennoch zeigt die Studie, wie groß der Bedarf an wirksamen Therapeutika für die stetig wachsende Gruppe der Long-Covid-Betroffenen ist. Laut Informationen des Robert-Koch-Instituts leiden 37,6 Prozent der erwachsenen Patienten, die wegen Covid-19 hospitalisiert werden müssen, unter Langzeitfolgen. Bei denjenigen mit milderen Verläufen sei der Anteil schwieriger zu schätzen und werde abhängig von der Datenbasis, Falldefinition und Studienmethodik mit 7,5 bis 41 Prozent angegeben.

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