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Blutdruckmedikamente

Vier neue große Studie entlasten ACE-Hemmer und Sartane bei Covid-19

Die Hypothese, dass ACE-Hemmer und Sartane das Risiko für eine Coronavirus-Infektion oder einen schweren Verlauf erhöhen, ist erneut in großen Studien mit Covid-19-Patienten nicht bewiesen worden. Die Forscher raten, die Blutdrucksenker weiter wie verordnet einzunehmen.
Daniela Hüttemann
07.05.2020  11:00 Uhr

Am Dienstag erschienen im Fachjournal »JAMA Cardiology« die Ergebnisse einer Kohortenstudie mit 18.472 Patienten aus Ohio und Florida, die auf das neue Coronavirus SARS-CoV-2 getestet wurden. Von ihnen namen 12,4 Prozent ACE-Hemmer oder Angiotensin-II-Blocker (Sartane). 

Forscher der Cleveland Clinic in Ohio suchten nach einer möglichen Assoziation zwischen der Blutdrucksenker-Einnahme und einem positiven Covid-19-Testergebnis – und fanden keine. Demnach fielen 9,4 Prozent der Coronavirus-Test der Gesamtgruppe positiv aus. Innerhalb der positiv Getesteten nahmen 116 Patienten ACE-Hemmer ein (6,7 Prozent) und 98 Sartane (5,6 Prozent). Die Forscher berechneten keinen statistisch signifikanten Unterschied. »Diese klinischen Daten unterstützen die aktuellen Empfehlungen der Fachgesellschaften, ACE-Hemmer oder Sartane im Rahmen der Covid-19-Pandemie nicht abzusetzen«, heißt es in der Schlussfolgerung des Teams um den Kardiologen Dr. Ankur Kalra. Sie sehen aber Bedarf an Studien mit größeren Patientenzahlen hospitalisierter Covid-19-Patienten, um die Schwere der Erkrankung in Zusammenhang mit der Einnahme der Blutdrucksenker zu untersuchen (DOI: 10.1001/jamacardio.2020.1855).

Die lieferten andere Forschergruppen bereits kurz zuvor im »New England Journal of Medicine«. Dort erschienen am 1. Mai die Ergebnisse von gleich drei großen Studien zu dem Thema. In eine Beobachtungsstudie mit Daten aus 169 Krankenhäusern aus Asien, Europa und Nordamerika flossen die Daten von 8910 hospitalisierten Covid-19-Patienten ein. 515 von ihnen starben im Verlauf der Infektion (5,8 Prozent), der Rest konnte entlassen werden.

Die Forscher um Dr. Mandeep Mehra vom Brigham and Women’s Hospital Heart and Vascular Center und der Harvard Medical School in Boston verglichen diese beiden Gruppen und suchten nach Risikofaktoren für einen Covid-19-Tod. Sie fanden eine entsprechende Assoziation für die Faktoren Alter über 65 Jahre (10,0 Prozent Mortalität versus 4,9 Prozent) und Vorerkrankungen wie koronare Herzerkrankung (10,2 versus 5,2 Prozent), Herzinsuffizienz (15,3 versus 5,6 Prozent), Herz-Rhythmus-Störungen (11,5 versus 5,6 Prozent), chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen COPD (14,2 versus 5,6 Prozent) sowie Rauchen (9,4 versus 5,6 Prozent bei Nichtrauchern oder Exrauchern).

Die Einnahme von ACE-Hemmern oder Sartanen stellte dagegen keinen Risikofaktor dar. So lag die Sterberate bei Patienten unter ACE-Hemmern mit 2,1 Prozent versus 6,1 Prozent ohne das Medikament sogar niedriger und war bei den Sartanen vergleichbar (6,8 versus 5,7 Prozent). »Unsere Studie bestätigt frühere Beobachtungen, dass kardiovaskuläre Grunderkrankungen mit einem erhöhten Risiko für einen Tod im Krankenhaus unter Patienten mit Covid-19 assoziiert ist«, folgern die Forscher. Sie sehen keinen negativen Einfluss der ACE-Hemmer und Sartane (DOI: 10.1056/NEJMoa2007621).

Daten aus Italien und New York bestätigen die Sicherheit

In der zweiten Studie berichten italienische Forscher von Covid-19-Patienten aus der besonders schwer betroffenen Lombardei. In der Fall-Kontroll-Studie stellte das Team um Dr. Guiseppe Mancia 6.272 Patienten mit schwerer Covid-19-Infektion 30.759 nicht infizierten Kontrollpersonen mit ähnlichen Charakteristika gegenüber. Obwohl in der Covid-19-Gruppe sogar mehr Patienten ACE-Hemmer und Sartane einnahmen als in der Kontrollgruppe, hatten die Covid-19-Patienten mit dieser Medikation kein Risiko für einen schwereren Verlauf oder Tod als die Covid-19-Patienten ohne diese blutdrucksenkenden Arzneimitteln (DOI: 10.1056/NEJMoa2006923).

In der dritten Studie untersuchten Dr. Harmony R. Reynolds und Kollegen von der New York University Grossman School of Medicine bei positiv getesteten Menschen, wie groß die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf unter Einnahme von Antihypertensiva ist, neben ACE-Hemmern und Sartanen auch Betablocker, Calciumkanalblocker und Thiazid-Diuretika. Von 12.594 getesteten Personen waren 46,8 Prozent infiziert. Von diesen wiederum erlebten 17,0 Prozent einen schweren Verlauf. Die Forscher fanden dabei keinen Unterschied, ob die Patienten ein Antihypertensivum einnahmen oder nicht, egal welcher Wirkstoffklasse. Ihrer Schlussfolgerung nach haben Patienten unter blutdrucksenkender Therapie weder eine höhere Infektionsgefahr noch ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf (DOI: 10.1056/NEJMoa2008975).

Es bleibt dabei: Sartane und ACE-Hemmer weiternehmen

In einem begleitenden Editorial im »NEJM« fassen unabhängige Statistiker von der Boston University, der Harvard T.H. Chan School of Public Health und dem Dana-Farber Cancer Institute ebenfalls in Boston zusammen: »Zusammen genommen bieten diese drei Studien keine Evidenz um die Hypothese zu stützen, dass ACE-Hemmer oder Angiotensin-II-Rezeptorblocker mit einem erhöhten Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion, dem Risiko eines schweren Verlaufs unter den Infizierten oder einem erhöhten Risiko für einen Tod im Krankenhaus unter denen mit positivem Test assoziiert sind.« (DOI: 10.1056/NEJMe2012924)

Zwar habe jede Studie ihre Schwächen und die Populationen sowie Designs seien unterschiedlich, doch insgesamt sei die Botschaft konsistent: Eine Gefährdung durch die Weitereinnahme von ACE-Hemmern und Sartanen bei Patienten mit Covid-19 ist unwahrscheinlich. Die Studienergebnisse unterstützen die aktuellen Empfehlungen aller großer Fachgesellschaften, die blutdrucksenkende Therapie nicht abzusetzen. Ein oder zwei weitere randomisierte Studien würden reichen, um die Frage nach dem Risiko endgültig zu beantworten.

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