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Coronavirus

Verbreitung verlangsamen ist das Ziel

Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 breitet sich zunehmend in Deutschland aus. Mit welcher Geschwindigkeit dies geschieht, entscheidet maßgeblich darüber, wie stark das Infektionsgeschehen das Gesundheitssystem unter Druck setzen wird.
Christina Hohmann-Jeddi
02.03.2020  14:30 Uhr

Insgesamt 150 Infektionen mit SARS-CoV-2 wurden in Deutschland inzwischen bestätigt. Aufgrund der zunehmenden Verbreitung des Erregers hat das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin die Risikoeinschätzung für die Bevölkerung auf »mäßig« hochgestuft, berichtete RKI-Präsident Professor Dr. Lothar Wieler heute auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von RKI und dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) in Berlin. Er appellierte an alle Ärzte, sich bei der Patientenführung an die Vorgaben des RKI zu halten.

Der Coronavirus-Experte Professor Dr. Christian Drosten von der Charité in Berlin gab eine Einschätzung zur Gefährlichkeit des Erregers. Die sei im Augenblick sehr schwierig zu bewerten, da noch nicht genügend Daten bekannt seien. Die wichtigen Parameter wie Sterblichkeitsrate und Geschwindigkeit der Ausbreitung könnten noch nicht abschließend bestimmt werden. Derzeit gehe man von einer Fallsterblichkeit von 0,3 bis 0,7 Prozent aus, sagte der Virologe. Er erwarte aber, dass dieser Wert noch sinke. Insgesamt seien die durch SARS-CoV-2 verursachten Erkrankungen mild und stellten für den Einzelnen kein Problem dar. Nur ein Prozentsatz von etwa 15 Prozent entwickele einen schweren Verlauf mit Lungenentzündung.

Sorge mache man sich daher nicht um den Einzelnen, sondern um die Gesellschaft insgesamt und um das Gesundheitssystem. Denn wie stark das Infektionsgeschehen das Gesundheitssystem unter Druck setzt, hänge stark von der Geschwindigkeit ab, mit der sich das Virus verbreitet. »Für die Gesellschaft ist das ein großer Unterschied, ob sich alle auf einmal infizieren oder über einen längeren Zeitraum«, sagte Drosten.

Die Ausbreitung hänge auch ab von der sogenannten sekundären Attack Rate, also wie viele Kontaktpersonen eines Infizierten sich ebenfalls anstecken. Nach bisherigen Schätzung seien dies 5 bis 10 Prozent, sagte Drosten. Damit liege die sekundäre Attack Rate unter der einer pandemischen Influenza. Eine weitere wichtige Frage, sei wieviel Prozent der Bevölkerung sich mit dem Erreger infizieren werden. In der Sendung »Maybrit Illner«, die am 27. Februar im ZDF lief, hatte Drosten von einer zu erwartenden Durchseuchung von 70 Prozent gesprochen. Dafür bekam er anschließend viel Kritik, berichtete der Virologe und erklärte an einem Rechenbeispiel, wie er zu dieser Aussage kommt.

Die Reproduktionsrate (R-Ziffer), die angiebt, wie viele Menschen eine bereits erkrankte Person im Durchschnitt infiziert, liege bei SARS-CoV-2 laut Schätzungen bei etwa 3. Die Ausbreitung eines Erregers werde dann gestoppt, wenn R weniger als 1 beträgt. Da in absehbarer Zeit keine Impfung zur Verfügung stehen werde, könne die R-Ziffer nur dann gesenkt werden, wenn in der Bevölkerung schon ein Immunschutz durch eine durchgemachte Infektion bestehe. Damit ein Infizierter statt bislang drei Personen nur noch eine oder weniger anstecke, müssten zwei Drittel der Bevölkerung schon immun sein. Dann werde die weitere Verbreitung gestoppt. »Zwei Drittel, das sind 67 Prozent«, sagte Drosten. »Daher kommt die Zahl.«

Mehrfach-Infektionen möglich?

Zur Immunität nach einer durchgemachten Infektion könne man bisher noch nicht viel sagen, betonte RKI-Präsident Wieler. Patienten wiesen neutralsierende Antikörper auf. Wie lange ein Immunschutz anhalte, sei noch unklar. Die Frage, ob man sich mit dem Erreger auch mehrfach infizieren könne, sei ebenfalls noch offen. Bei den berichteten Fällen, die dies vermuten lassen, könnte es sich auch um eine langfristige Ausscheidung des Erregers handeln, wie sie in Einzelfällen vorkommen könne. Eventuell waren Testergebnisse auch zwischenzeitlich falsch-negativ ausgefallen, obwohl das Virus bei den Patienten noch vorhanden war. Auch Drosten erklärte, dass ihn die bisherigen wissenschaftlichen Aufarbeitungen zu diesen Fällen einer vermeintlichen Mehrfachinfektion nicht überzeugt hätten.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte, dass es jetzt das Ziel sein müsse, Infektionsketten in Deutschland möglichst rasch zu unterbrechen, um die Verbreitung des Erregers aus den genannten Gründen zu verlangsamen. »Das Infektionsgeschehen wird unser Gesundheitssystem unter Stress setzen und tut es in Heinsberg schon«, sagte Spahn. Man müsse nun versuchen, die Verbreitung einzuschränken, um das Geschehen für jeden Einzelnen und das Gesundheitssystem insgesamt handelbar zu machen.

»An bestimmten Stellen in Deutschland wird der Alltag ein Stück eingeschränkt sein müssen«, sagte Spahn. Schließung von Grenzen hält er aber weiterhin für unnötig, zumal sie massive Auswirkungen hätten. Auch die Absage von Großveranstaltungen oder die Schließung von Unternehmen sei nicht generell ratsam, sondern müsse im Einzelfall unter Berücksichtigung von verschiedenen Faktoren entschieden werden. Die Maßnahmen müssten »verhältnismäßig und angemessen« sein, so Spahn.

Situation in Europa

Inzwischen hat auch die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC das Risiko durch das neue Coronavirus in der Europäischen Union auf »moderat« bis»hoch« heraufgestuft. Dies teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Brüssel mit. Das bedeute, dass das Virus sich weiter ausbreite. Insgesamt wurden nach Angaben der EU-Kommission bisher rund 2100 Fälle in 18 EU-Staaten nachgewiesen. 38 Menschen in der EU seien an der durch das Virus ausgelösten Lungenerkrankung Covid-19 gestorben, sagte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides.

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