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Schwangerschaft

Verantwortung mal zwei

Werdende Mütter scheuen oft davor zurück, Arzneimittel einzunehmen. Zurückhaltung ist durchaus angebracht, aber auch Schwangere sollten Krankheiten nicht unbehandelt lassen oder unnötig leiden. Für viele leichtere Erkrankungen gibt es bewährte Medikamente mit überschaubarem Risiko.
Nicole Schuster
14.01.2021  11:00 Uhr

Eine werdende Mutter sorgt sich nicht nur um sich und den eigenen Körper. Sie möchte das in ihr wachsende Leben schützen. Trotzdem müssen Frauen auch in der Schwangerschaft Medikamente einnehmen. Einige, weil sie an chronischen oder akuten Erkrankungen leiden, andere, weil ihnen typische Schwangerschaftsbeschwerden arg zusetzen. Eine Pharmakotherapie in der Schwangerschaft ist daher keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Die Sicherheit hat dabei oberste Priorität.

Auswirkungen auf die Entwicklung des Ungeborenen, das sich in einer höchst vulnerablen Lebensphase befindet, lassen sich meistens nicht unmittelbar nachweisen; Arzneimittel können das Kind aber so schädigen, dass es lebenslang beeinträchtigt ist (1).

»Zur Behandlung der meisten Erkrankungen und Gesundheitsstörungen gibt es Arzneimittel, für die wir ausreichend Erfahrungen in der Schwangerschaft haben«, sagt Dr. Wolfgang E. Paulus von der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie der Universitätsfrauenklinik Ulm gegenüber der PZ. Dennoch gilt der Grundsatz: so wenig Arzneimittel und nur so kurz wie möglich (2).

Mehr als nur Morgenübelkeit

Zu den Leiden, die durch physiologische Veränderungen in der Schwangerschaft entstehen, gehören Übelkeit und Erbrechen. Die Literatur gibt als generelle Inzidenz 70 bis 80 Prozent an. Die Hälfte der Frauen leidet vor allem in der Frühschwangerschaft daran, etwa ein weiteres Viertel nur an Übelkeit. Letztere tritt nicht nur am Morgen auf, wie es der Begriff »Morgenübelkeit« suggeriert. Viele Schwangere verspüren sie persistierend den ganzen Tag über. Bei 60 Prozent der Betroffenen verschwinden die Beschwerden am Ende des ersten Trimenons, bei 90 Prozent spätestens bis zur 20. Schwangerschaftswoche (SSW).

Unter Hyperemesis/Emesis gravidarum versteht man die extreme Form der Übelkeit, die hauptsächlich im ersten Trimenon auftritt. Bei schweren Verläufen mit Dehydratation und Elektrolytverschiebung und einem Gewichtsverlust von mehr als 5 Prozent müssen viele Frauen stationär aufgenommen werden; dort werden Flüssigkeit, Elektrolyte und Glucose substituiert (3).

Wenn Frauen an Übelkeit leiden, sollte das Apothekenteam empfehlen, bekannte Auslöser der Beschwerden (Trigger) zu meiden. Dazu können sehr fettes, scharfes Essen und bestimmte Gerüche zählen. Besser verträglich sind in der Regel mehrere kleine, kohlenhydrat- und proteinreiche Mahlzeiten über den Tag verteilt. Dabei nicht vergessen, ausreichend zu trinken.

Gegen Übelkeit, nicht aber Erbrechen helfen Ingwer, Akupunktur und eine Supplementierung von Vitamin B6 (Pyridoxin). Als Antiemetika können Apotheker und PTA ältere H1-Antihistaminika (wie Dimenhydrinat, Doxylamin) empfehlen. Die Kombination von Doxylamin und Pyridoxin ist seit 2019 in Deutschland für diese Indikation zugelassen. Meclozin ist in Deutschland nicht mehr im Handel. Gegen Ende der Schwangerschaft sollten H1-Antihistaminika nicht mehr angewendet werden, da sie womöglich wehenfördernd wirken.

Haben konservative Maßnahmen und Antihistaminika versagt, kann der Arzt Metoclopramid als wirksamsten Dopamin-Antagonisten (neben Promethazin) gegen Übelkeit und Erbrechen verordnen. Noch stärker wirksam ist der Serotonin-Antagonist (5-HT3-Blocker) Ondansetron; dieser sollte ebenfalls nur bei Therapieversagen angewendet werden und das auch nur ab dem ersten Trimenon. In den ersten Monaten könnte der Wirkstoff gemäß EMA-Aussagen zu einem geringen Anstieg der Inzidenz von kindlichen Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten führen (2–8).

Kleiner Trost: Einer Kohortenstudie zufolge hatten Schwangere, die in den ersten Wochen nach der Befruchtung unter den Beschwerden litten, seltener eine Fehlgeburt. In die Studie wurden allerdings nur Frauen aufgenommen, die bereits eine oder zwei Fehlgeburten hinter sich hatten (9).

Obstipation: Füll- und Quellstoffe bevorzugen

Auch andere Störungen des Magen-Darm-Trakts sind in der Schwangerschaft häufig und lästig. Bis zu 40 Prozent der Frauen leiden unter Obstipation. Ursache sind meist die hormonellen Veränderungen, die zu einer Relaxation der glatten Muskulatur des Darms und zu einer verlängerten gastrointestinalen Transitzeit führen. Der Körper resorbiert zudem verstärkt Wasser und Elektrolyte, was eine Verstopfung weiter begünstigt. Veränderte Nahrungsgewohnheiten und eine geringere körperliche Aktivität kommen oft verstärkend hinzu. Schwangere leiden zudem häufig unter Hämorrhoiden und viele nehmen stopfend wirkende Eisenpräparate ein.

Zur Behandlung sollte das Apothekenteam zunächst zu nicht medikamentösen Maßnahmen raten: ballaststoffreich ernähren, ausreichend trinken und sich körperlich bewegen. Frauen, die zur Muskelentspannung Magnesium supplementieren, können davon profitieren, dass dieses im Darm osmolaxierend wirkt.

Sind bei hartnäckiger Obstipation Laxanzien erforderlich, sind Füll- und Quellstoffe wie Leinsamen, Weizenkleie und indische Flohsamenschalen die erste Wahl. Sie werden nicht resorbiert und fördern die Darmperistaltik. Bei der Abgabe daran erinnern, dass die Schwangere unbedingt genug trinken soll. Wirken die Füll- und Quellstoffe nicht ausreichend, können Lactulose oder das osmotische Laxans Macrogol versucht werden.

Nur wenn diese Mittel die Beschwerden nicht lindern, können kurzzeitig Bisacodyl oder Glycerol angewendet werden. Möglich sind auch Natriumpicosulfat sowie rektal Mannitol oder Sorbitol. Kontraindiziert sind hingegen Anthrachinon-Derivate (Sennesblätter, Rhabarberwurzel, Faulbaumrinde, Aloe), Paraffinum und Rizinusöl. Grundsätzlich gilt: Laxanzien nur kurzfristig anwenden, da Wasserverluste und Elektrolytveränderungen den Feten schädigen könnten (7, 10).

Sodbrennen: Ernährung überprüfen

Die gastro-ösophageale Refluxkrankheit (gastro-esophageal reflux disease, GERD) tritt bei mehr als der Hälfte der Frauen in der Schwangerschaft auf. Die Refluxbeschwerden entstehen, wenn der untere Ösophagussphinkter nicht mehr ausreichend verschließt und Mageninhalt und -säure ungehindert in die Speiseröhre zurückfließen und die Schleimhaut reizen. Brennende Schmerzen hinter dem Brustbein, auch als Sodbrennen bezeichnet, sind die Folge.

Die Frau sollte ihre Ernährungsgewohnheiten überprüfen, weniger Süßigkeiten und fetthaltige Speisen essen, große Mahlzeiten besonders am Abend vermeiden und mit erhöhtem Oberkörper schlafen. Bei leichtem Sodbrennen können – am besten aluminiumfreie – Antacida helfen; auch ein H2-Antagonist darf gegeben werden. Ebenfalls zur Anwendung in der Schwangerschaft sind Alginate geeignet. Sie werden nicht verstoffwechselt und bilden eine physikalische Barriere zwischen saurem Mageninhalt und Speiseröhre.

Bei stärkeren Beschwerden oder einer Refluxösophagitis sollte die Patientin einen Arzt aufsuchen, der unter Risikoabwägung Protonenpumpenhemmer (PPI) verordnen kann. Hier gilt Omeprazol als Mittel der Wahl, da für diesen PPI die meisten Erfahrungswerte für die Einnahme in der Schwangerschaft vorliegen (Tabelle 1).

Zu beachten ist, dass zwei Studien eine schwache Assoziation zwischen kindlichem Asthma oder Allergien und mütterlicher Therapie mit PPI oder H2-Rezeptor-Antagonisten in Schwangerschaft und Stillzeit fanden. Diese Assoziation war unabhängig von Einnahmezeitpunkt und -häufigkeit. Nicht auszuschließen ist, dass die mütterliche Erkrankung die Ursache der Störungen beim Kind ist. Die Experten der Datenbank Embryotox halten einen kausalen Zusammenhang daher aktuell für fraglich (6, 7, 11, 12).

Pflegeprodukte: auf Inhaltsstoffe achten

Eine Schwangerschaft ist auch für das größte Körperorgan, die Haut, eine Herausforderung. Bei Veränderungen wie Dehnungsstreifen spenden Cremes und Öle Feuchtigkeit und sorgen für ein angenehmes Gefühl. Sie können Schwangerschaftsstreifen allerdings nur begrenzt verhindern.

Leiden Frauen unter einer »Schwangerschaftsmaske«, also einer unangenehmen, aber unbedenklichen Hyperpigmentierung, sollte das Apothekenteam von chemischen Bleichmitteln wie Hydrochinon, Arbutin oder Koji-Säure abraten. Diese können die Haut nachhaltig schädigen und Allergien auslösen. Über den Blutkreislauf können sie das Ungeborene erreichen.

Grundsätzlich sollten Apotheker und PTA bei der Beratung von Schwangeren beachten, dass bestimmte Inhaltsstoffe ungeeignet sind (28, 29). Bekanntes Beispiel sind Retinoide, die zur Behandlung von Hautkrankheiten wie Schuppenflechte und Akne sowie im Anti-Aging-Bereich ihren Einsatz finden. Einige dieser Substanzen können das ungeborene Kind schädigen. Parabene, die als Konservierungsmittel etwa in Duschgels, Shampoo oder Zahnpasta vorkommen, stehen im Verdacht, das Hormonsystem zu stören. Auch Phthalate wie Diethylphthalat (DEP) oder Dimethylphthalat (DMP) stecken in zahlreichen Produkten, beispielweise in Shampoo, Duschgel und Zahnpasta, aber auch in diversen Haut- und Sonnencremes, Haarsprays oder Haargel. Auch diese Inhaltstoffe sind umstritten und sollten in der Schwangerschaft gemieden werden.

Husten und Schnupfen: Mischpräparate meiden

Bei der Selbstmedikation von Erkältungen sollte von Kombinationspräparaten abgeraten werden. Es gilt: je mehr Wirkstoffe, desto höher das Risiko.

Bei einer Schnupfennase verschafft Inhalieren, zum Beispiel mit isotonischer Kochsalzlösung, Erleichterung. Abschwellend wirkende Nasensprays mit α-Sympathomimetika wie Xylometazolin oder Oxymetazolin nur sehr restriktiv anwenden. Eine Gefahr besteht aber vermutlich erst bei Anwendung in sehr hoher Dosierung im zweiten und dritten Trimenon. Systemische Wirkungen, etwa eine Vasokonstriktion der Uterusgefäße und Minderdurchblutung der Plazenta, könnten die Folge sein. Das Apothekenteam kann sicherheitshalber empfehlen, die abschwellend wirkenden Sprays im unilateralen Wechsel mit einem als unbedenklich geltenden Spray mit Meerwasser und gegebenenfalls Dexpanthenol zu benutzen. Präparate mit α-Sympathomimetika sollten nur fünf bis sieben Tage angewendet werden, um einen Rebound-Effekt sowie eine Rhinitis medikamentosa zu vermeiden.

Indikation Mittel der Wahl Tolerabel Begründet kontraindiziert Kommentar
Allergie Loratadin, Cetirizin andere H1-Blocker
Antibiose Penicilline, Cephalosporine, Erythromycin, Azithromycin, Clarithromycin, Roxithromycin, Spiramycin, Fosfomycin Cotrimoxazol, Doxycyclin bis SSW 15, Ciprofloxacin, Metronidazol, Clindamycin, andere Antibiotika Tetracycline ab SSW 16 kontraindiziert
Gastritis Magaldrat, Alginate, andere Antacida, Famotidin, Omeprazol
Harnwegsinfekt Penicilline, Cephalosporine, Fosfomycin siehe Antibiose siehe Antibiose
Herpes Aciclovir
Husten Dextromethorphan, Codein (kurzzeitig)
Migräne Paracetamol, Sumatriptan, Ibuprofen bis SSW 28 Zolmitriptan, Rizatriptan, Naproxen bis SSW 28 Ergotamintartrat Metoclopramid bei begleitender Übelkeit
Migräneprophylaxe Metoprolol, Amitriptylin Valproinsäure
Mykose (vaginal) Nystatin, Clotrimazol, Miconazol, Amphotericin B (lokale Anwendung) Fluconazol, Itraconazol Terbinafin Vermeiden: Amorolfin, Ciclopirox, Naftifin, Natamycin, Tolnaftat. Versehentliche Anwendung jedoch ohne Konsequenzen
Obstipation Quellmittel, Lactulose, Macrogol, Bisacodyl Anthrachinone, Rizinusöl
Refluxösophagitis Omeprazol Pantoprazol
Schmerzen Ibuprofen bis SSW 28, Paracetamol andere NSAR, Metamizol bis SSW 28, Codein, andere Opioide Cave: Entzug beim Neugeborenen bei Opioiden, Kontroverse zu Paracetamol
Sekretolyse Acetylcystein
Übelkeit Doxylamin (mit Pyridoxin), Dimenhydrinat, (Meclozin), Metoclopramid Ondansetron Meclozin in Deutschland nicht mehr im Handel
Tabelle 1: Arzneimittel für Schwangere (1)

Bei Hustenmitteln ist zwischen Antitussiva und Expektoranzien zu unterscheiden. Als Hustenstiller ist das Morphinderivat Dextromethorphan Mittel der Wahl (ab dem ersten Trimenon und nicht kurz vor der Geburt). Da zur Anwendung in der Schwangerschaft keine ausreichenden Erfahrungen vorliegen, ist eine strenge Indikationsstellung angezeigt und die Einnahme sollte so kurz und so selten wie möglich erfolgen, zum Beispiel nur abends vorm Schlafengehen.

Bei Expektoranzien handelt es sich oft um Kombinationsarzneimittel, die für die Schwangerschaft eher ungeeignet sind, denn es gilt: je mehr unterschiedliche Wirkstoffe, desto höher das Risiko für Störeffekte. Pflanzliche Mittel, häufig Präparate mit Thymian, Efeu oder Cineol, sind nicht unbedingt vorzuziehen. »Für die meisten Phytopharmaka haben wir kaum Daten zur Anwendung in der Schwangerschaft. Meistens handelt es sich dabei zudem um für Schwangere eher ungeeignete Wirkstoffgemische«, sagt der Arzt Paulus. »Pflanzlich bedeutet nicht, dass die Mittel gänzlich frei von Neben- oder Wechselwirkungen sind.«

Zu beachten ist, dass viele pflanzliche, aber auch homöopathische Arzneimittel Alkohol enthalten. Schwangere sollten Alkohol vollständig meiden, denn schon geringste Mengen können das Kind gefährden. Eine einfache Möglichkeit in der Apotheke ist, eine feste Darreichungsform zu empfehlen (falls verfügbar).

Monopräparate gegen Husten wie Acetylcystein, Bromhexin und Ambroxol lösen den Schleim verlässlich und können mit strenger Indikationsstellung gegeben werden. Das Apothekenteam sollte aber darauf hinweisen, dass nicht pharmakologische Maßnahmen wie Sprühvernebler und ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu bevorzugen sind (2, 4, 6, 13).

Gegen Influenza impfen lassen

Kritischer ist die Influenza, denn Schwangere haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen. Die Frauen sollten sich daher gemäß Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) gegen die saisonale Influenza impfen lassen – vorzugsweise im zweiten oder dritten Trimenon, bei chronischen Erkrankungen schon im ersten Trimenon (Tabelle 2). Das Apothekenteam sollte präventiv die Maßnahmen empfehlen, die in der aktuellen Corona-Pandemie fast schon selbstverständlich geworden sind: gute Händehygiene, Kontaktvermeidung mit offensichtlich erkrankten Menschen und Lüften.

Symptomlinderung steht auch in der Schwangerschaft im Fokus. Lange anhaltendes hohes Fieber könnte Entwicklungsstörungen beim Ungeborenen auslösen und sollte vermieden werden. Geeignet sind Paracetamol oder bis SSW 28 auch Ibuprofen. Physikalische Maßnahmen wie Wadenwickel können die Körpertemperatur ebenfalls senken (14).

Impfung gegen Indiziert für Empfehlung Anmerkungen
Influenza alle Schwangeren ab dem zweiten Trimenon während der Influenzasaison einmalige Impfung bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung der Frau infolge eines Grundleidens bereits ab dem ersten Trimenon
Masern nach 1970 Geborene mit unklarem Impfstatus, ohne oder mit nur einer Impfung in der Kindheit einmalige Impfung, vorzugsweise mit MMR-Impfstoff
Pertussis Schwangere zu Beginn des dritten Trimenons. Bei erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt im zweiten Trimenon unabhängig vom Abstand zu einer früheren Pertussis-Impfung und in jeder Schwangerschaft Verwendung eines Tdap-Kombi-Impfstoffs, bei entsprechender Indikation als Tdap-IPV-Kombi
Röteln ungeimpfte Frauen oder mit unklarem Impfstatus im gebärfähigen Alter zweimalige Impfung, bei entsprechender Indikation mit MMR-Impfstoff bei mindestens zwei dokumentierten Impfungen gegen Röteln (monovalent oder MR/ MMR): keine serologische Kontrolle erforderlich
Röteln einmal geimpfte Frauen im gebärfähigen Alter einmalige Impfung, bei entsprechender Indikation mit MMR-Impfstoff bei mindestens zwei dokumentierten Impfungen gegen Röteln (monovalent oder MR/MMR): keine serologische Kontrolle erforderlich
Tetanus, Diphtherie, Polio fehlende oder unvollständige Impfungen entsprechend den allgemeinen Empfehlungen der STIKO nachholen fehlende oder unvollständige Impfungen entsprechend den allgemeinen Empfehlungen der STIKO nachholen fehlende oder unvollständige Impfungen entsprechend den allgemeinen Empfehlungen der STIKO nachholen
Varizellen seronegative Frauen mit Kinderwunsch zweimalige Impfung Impfabstand nach Angaben des Herstellers
Tabelle 2: Welche Schutzimpfungen sollen Frauen im gebärfähigen Alter und Schwangere haben? Eine Übersicht bietet das Robert-Koch-Institut (30).

Tabuthema vaginale Infektionen

Vaginale Infektionen treten in der Schwangerschaft häufig auf. Besonders gefährlich sind Streptokokken und Chlamydien; auf Letztere wird in Deutschland in der Frühschwangerschaft sogar generell gescreent. Das Problem: Sie können das ungeborene Kind gefährden und auch bei der Mutter für Komplikationen sorgen. Manche direkt, indem sie auf den Fetus übergehen. Andere, indem sie einen Abort oder eine Frühgeburt, meistens im Zusammenhang mit vorzeitiger Wehentätigkeit oder vorzeitigem Blasensprung, auslösen. Eine konsequente Therapie ist daher wichtig, auch wenn die Patientin symptomfrei ist. Der Arzt verschreibt ein geeignetes Antibiotikum (Tabelle 1).

Die Schwangerschaft erhöht auch das Risiko für vaginale Pilzinfektionen (Candidosen). Betroffen sind etwa 30 Prozent aller Schwangeren, bei mehr als 85 Prozent ist Candida albicans der Auslöser. Die Infektion kann dazu führen, dass sich das Scheidenmilieu verändert, was wiederum die Ansiedlung von gefährlichen Keimen begünstigen kann. Zudem ist zu beachten, dass die Hefepilze bei der Geburt auf die Mundhöhle und den Magen-Darm-Trakt des Neugeborenen übertragen werden; circa 80 Prozent der Babys sind betroffen.

Eine antimykotische Therapie ist ratsam, um Mundsoor und Windeldermatitis beim Kind zu vermeiden. Die Therapie kann mit Clotrimazol, Miconazol oder Nystatin in allen Phasen der Schwangerschaft erfolgen. Bei Nystatin gibt es Hinweise, dass es bei Schwangeren weniger wirksam ist (6, 7, 15). Den beiliegenden Applikator für die vaginale Anwendung sollten Schwangere allerdings nicht verwenden, um sich damit nicht versehentlich zu verletzen. Das Apothekenteam kann empfehlen, das Medikament mit dem Finger in die Scheide einzubringen.

Ebenfalls sehr verbreitet sind Infektionen mit Herpes-simplex-Virus Typ 2 (Herpes genitalis). Treten diese erstmals während der Schwangerschaft auf und bleiben unbehandelt, gehen die Viren bei etwa 50 Prozent der Spontangeburten auf das Kind über. Ein viel geringeres Risiko besteht bei rezidivierendem Herpes (etwa 1 bis 5 Prozent). Hier haben die Mütter bereits Antikörper gegen die Viren gebildet, die auch das Ungeborene schützen, da sie transplazentar übertragen werden.

Rücksprache mit dem Arzt ist im Zweifel immer ratsam, da neonatale Infektionen mit Herpes-Viren die Morbidität und Mortalität des Kindes erhöhen. Daher ist sowohl bei einer nachgewiesenen mütterlichen Primärinfektion als auch bei einem symptomatischen rezidivierenden Herpes genitalis eine systemische antivirale Therapie, vorzugsweise mit Aciclovir wichtig. Ist der Herpes genitalis zum Geburtstermin aktiv, ist ein Kaiserschnitt zu erwägen (15).

Auch bei Lippenherpes, der erstmals während der Schwangerschaft auftritt, sollte das Apothekenteam die Patientin zum Arzt schicken. Bei einer bekannten Herpesinfektion der Lippen kann die Frau diese wie gewohnt mit antiviralen Wirkstoffen zur lokalen Anwendung wie Penciclovir oder Aciclovir behandeln (6).

Kopfweh: Paracetamol als Mittel der Wahl

Bei akuten Kopfschmerzen und Migräne in der Schwangerschaft sollte der erste Therapieversuch nicht medikamentös erfolgen. Oft helfen schon Ruhe, Wasser trinken, frische Luft und Bewegung. Sind Medikamente erforderlich, sollten Kombipräparate, etwa Analgetika mit Coffein oder mit Substanzen derselben Wirkstoffklasse, gemieden werden. Bei unzureichendem Erfolg sollte zunächst die Dosis des Monoanalgetikums bis zur Höchstmenge erhöht werden, bevor die Substanz gewechselt wird.

Mittel der Wahl bei leichten Schmerzen ist Paracetamol (Tageshöchstmenge 4 g). Der Wirkstoff ist während der gesamten Schwangerschaft erlaubt, die Alternative Ibuprofen nur im ersten und zweiten Trimenon. Mittel zweiter Wahl ist Acetylsalicylsäure.

NSAR können im letzten Drittel der Schwangerschaft zum vorzeitigen Verschluss des Ductus arteriosus Botalli beim Feten führen. Dabei handelt es sich um einen natürlichen »Kurzschluss« zwischen den Gefäßen, der sich erst innerhalb der ersten drei Lebenstage verschließen sollte (16). Die U.S. Food and Drug Administration (FDA) forderte jüngst sogar, dass NSAR bereits ab der 20. SSW nicht mehr gegeben werden dürfen, da die Wirkstoffe, wenn auch selten, schwerwiegende Nierenprobleme beim Ungeborenen verursachen könnten. Zudem könnte die Einnahme zu möglichen schwangerschaftsbedingten Komplikationen, unter anderem durch Absinken des Fruchtwasserspiegels, führen (17).

Wenn Paracetamol oder NSAR bei Migräne-Attacken versagen, kann ein Triptan eingesetzt werden (16). Dabei ist Sumatriptan das Mittel der Wahl, weil dafür die meisten Daten vorliegen.

Schwangere können natürlich auch unter anderen, möglicherweise schweren akuten oder chronischen Schmerzen leiden. Bei mittelstarken bis starken Schmerzen kann Paracetamol in Kombination mit Codein erwogen werden. Der Arzt kann Tramadol oder Buprenorphin verordnen, bei stärksten Schmerzen bei strenger Indikationsstellung auch Morphin. Bei der analgetischen Therapie mit Opioiden/Opiaten bis zur Entbindung ist auf Entzugssymptome beim Neugeborenen zu achten (18).

Pein im Rücken, schwere Beine

Auch mit Ischias-Problemen sowie Beschwerden in Becken und Kreuz kommen viele Schwangere in die Apotheke. Sie sind meistens in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft, das Baby ist bereits groß und der Zug auf die Kreuzmuskulatur entsprechend stark.

Abends kann ein warmes Bad mit einem geeigneten Badezusatz entspannen. Vorsicht ist bei einigen ätherischen Ölen, etwa aus Rosmarin und Thymian, oder auch Kampfer geboten, die wehenfördernd wirken können. Auch eine Wärmflasche oder ein Kirschkernkissen im Rücken tun gut. Zur Entlastung und zum Ausgleich kann das Apothekenteam Sport empfehlen, geeignet sind zum Beispiel Gymnastik, Schwangerenyoga oder Aquagymnastik. Vorteil: Der Auftrieb des Wassers schont die Gelenke.

Bewegung im Wasser wirkt den vermehrt in der Schwangerschaft auftretenden Ödemen entgegen. Abzuraten ist dagegen von entwässernden Arzneimitteln (Diuretika) oder Tees. Auch sollten die Frauen nicht zu salzarm essen und ausreichend viel trinken. Bei »schweren Beinen« kann das Apothekenteam raten, die Beine hoch zu lagern, sich viel zu bewegen und langes Stehen oder Sitzen zu vermeiden. Wechselduschen regen die Durchblutung an, auch Stützstrümpfe können helfen.

In den meisten Fällen sind Ödeme lästig, aber nicht gefährlich. Eine Ausnahme sind starke Wassereinlagerungen im Zusammenhang mit Blutdruckanstieg und vermehrter Eiweißausscheidung im Urin (Proteinurie). Diese Symptome können auf eine schwere Schwangerschaftskomplikation, die Präeklampsie, hindeuten (19).

Adhärenz wichtig

Bei der Beratung von Schwangeren ist viel zu bedenken. Dabei helfen Angaben in Fachinformation und Beipackzettel oft nicht weiter. »Schon allein aus Haftungsgründen halten sich Hersteller mit Empfehlungen sehr bedeckt«, sagt der Experte. »Hilfreicher sind Angaben zur Verträglichkeit und Sicherheit von Arzneimitteln in der Schwangerschaft in Fachbüchern, in Internetdatenbanken oder von spezialisierten Beratungseinrichtungen wie dem Institut für Reproduktionstoxikologie am Universitätsklinikum Ulm oder Embryotox, dem Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité in Berlin

Völlige Sicherheit gibt es für kein Arzneimittel. Allerdings können gerade ältere Wirkstoffe, für die reichlich Erfahrung aus vielen beobachteten Schwangerschaften und deren Ausgang vorliegt, als relativ risikoarm gelten. Zu beachten ist, dass eine Fehlbildung oder ein Abort natürlicherweise vorkommen oder durch falsches Verhalten ausgelöst werden können. Es besteht nicht immer ein Zusammenhang mit einem Medikament (1).

Eine Orientierung für die Beratung bietet die Leitlinie »Information und Beratung des Patienten bei der Abgabe von Arzneimitteln – Selbstmedikation« der Bundesapothekerkammer (20). Sinnvoll ist auch, einen individuellen Arzneimittelpass für Schwangere anzulegen, in den alle Arzneimittel eingetragen werden (2, 21).

Bei jeder notwendigen Arzneimitteltherapie ist es wichtig, dass das Apothekenteam der Schwangeren ihre Unsicherheit nimmt und sie sachlich berät. Das besonders dann, wenn ein Off-Label-Use und ein Widerspruch zwischen Anwendung und Produkttexten bestehen. Sonst können mangelnde Adhärenz und Reaktionen wie ein abrupter Therapieabbruch die Folge sein (1). Hier kann das Apothekenteam wertvolle Aufklärungsarbeit leisten.

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