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Europa

Übersterblichkeit durch Covid-19 erkennbar

In Europa sterben derzeit bedingt durch die Coronavirus-Epidemie mehr Menschen als sonst in dieser Jahreszeit. In Deutschland ist diese sogenannte Übersterblichkeit allerdings nicht zu erkennen, teilte heute das Robert-Koch-Institut mit.
Christina Hohmann-Jeddi
24.04.2020
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Bevölkerungsweite Daten aus europäischen Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien zeigen, dass dort derzeit mehr Menschen sterben als ohne die Corona-Epidemie. Das erklärte Professor Dr. Lars Schaade, Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), heute bei einem Pressebriefing. Trotz massiver Maßnahmen der Distanzierung in diesen Ländern liege die sogenannte Übersterblichkeit jetzt schon höher als bei schweren Grippewellen. Das zeigten Daten, die das europäische Zentrum für Mortalitäts-Monitoring EuroMOMO erhebe. Diese Übersterblichkeit sei nicht nur für einzelne schwer betroffene Länder, sondern gepoolt auch für ganz Europa erkennbar.

»In Deutschland ist ein solcher Anstieg der Mortalität nicht zu verzeichnen«, sagte Schaade. Das liege zum einen daran, dass Mortalitätsdaten nicht bundesweit, sondern nur in Hessen und Berlin flächendeckend erhoben würden. Zum anderen könne man davon ausgehen, dass hierzulande durch das frühe Einsetzen der Distanzierungs-Maßnahmen viele Todesfälle verhindert werden konnten, sagte Schaade. Dies gelte nicht nur für Covid-19, sondern auch für andere Todesfälle, die bei einer starken Überlastung des Gesundheitssystems hätten auftreten können.

Erfolgreiche Maßnahmen

Dadurch sei man jetzt in der paradoxen Situation, dass die erfolgreichen Maßnahmen wegen ihres Erfolgs infrage gestellt würden. »Warum sind die strengen Maßnahmen noch nötig?«, könnte man fragen. Dem hielt Schaade entgegen, dass immerhin in wenigen Wochen mehr als 5000 Menschen gestorben seien. »Das ist schon genug.« Weitere Todesefälle seien aber noch zu erwarten. 

Außerdem liege es eben an den Verboten, dass man in Deutschland bislang halbwegs gut durch die Epidemie gekommen sei. Die aktuellen Lockerungen und niedrigen Infiziertenzahlen dürften jetzt nicht zu einem »Erdrustch« weiterer Lockerungen führen. Dann gebe es rasch wieder mehr Kontakte unter den Menschen, damit mehr Ansteckungen und man könne schnell in eine Situation kommen, in der der Ausbruch nicht mehr zu kontrollieren sei.

Das Ziel müsse sein, die Zirkulation des Virus in der Bevölkerung so niedrig wie möglich zu halten, auch um Einschleppungen in Gemeinschaftseinrichtungen wie Pflegeheime zu vermeiden, sagte Schaade. Bevor die Zahl der Neuinfektionen nicht auf wenige Hundert gesenkt worden sei, könne an weitere Rücknahmen der Maßnahmen nicht gedacht werden. Die Reproduktionszahl R liege derzeitig bei 0,9. Sie müsse aber noch weiter gedrückt werden, vor allem wenn weitere Lockerungen angedacht werden sollten. Dabei müsse man eine Balance finden, zwischen dem, was epidemiologisch sinnvoll und was gesellschaftlich akzeptabel sei.

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