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Schlafhygiene

Typische Fehler rund ums Schlafen – und wie man sie vermeidet

Fünf Millionen Menschen in Deutschland klagen über Schlafstörungen. Experten kennen dafür mehr als 80 mögliche Ursachen. Doch viele Menschen wissen einfach immer noch zu wenig über gesunden Schlaf – und falsche Vorurteile halten sich hartnäckig.
PZ/dpa
29.01.2020
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Warum sich mancher angespannt im Bett wälze, sei oft nicht leicht zu sagen, sagt Dr. Hans-Günter Weeß, Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums in Klingenmünster. «Der Schlaf ist für die Forschung im Vergleich zu anderen Krankheitsbildern immer noch eine Black Box.» Lange habe man angenommen, im Schlaf fahre der Körper alle Systeme herunter, und das sei eher uninteressant, so Weeß. «Heute wissen wir, dass der Schlaf ein hochaktiver Prozess und das wichtigste Reparaturprogramm des Menschen ist.» Schlafstörungen wurden kaum gründlich untersucht. «Heute zählen wir etwa 80 Formen von Schlafstörungen, von Schnarchen über unruhigen Beinen bis Schlafwandeln.»

Schätzungen zufolge klagen fünf Millionen Menschen in Deutschland über Ein- und Durchschlafstörungen. Wer darunter leidet, greift oft zu Medikamenten, Fitnessarmbändern oder Spezialmatratzen. Weltweit habe das Geschäft mit Schlafhilfen laut US-Marktforschern zuletzt rund 63 Milliarden Euro) Umsatz gebracht, berichtete der SWR im vergangenen Jahr. Eine bessere Schlafhygiene bringt dagegen deutlich mehr – und ist kostenlos.

«Grundsätzlich gibt es zwei große Fehler», sagt Weeß. Erstens: Sorgen mit ins Bett nehmen. «Nichts ist schlimmer, als das Gedankenkarussell nicht stoppen zu können.» Zweitens: Druck. «Wer schlafen will, bleibt wach. Je mehr er sich auf Schlaf fokussiert, desto mehr führt es zur Schlaflosigkeit. Es gibt Menschen, die können allein aus dem Grund nicht schlafen, weil sie Angst haben, nicht schlafen zu können.» Mitschuld trägt nach Weeß' Ansicht der heutige Lebensstil: «Wir sind zur Non-Stopp-Gesellschaft geworden. Immer mehr arbeiten im Schichtdienst oder lesen nachts Mails. Kinder gehen heute mit dem Smartphone statt mit dem Kuscheltier ins Bett.»

Schlafzeiten sind höchst individuell

Oft sind es aber auch falsche Vorstellungen, wie viel Schlaf ein Mensch braucht. Meist ist dann von sieben Stunden die Nacht als optimaler Schlafdauer die Rede. Wie viel Schlaf ein Mensch brauche, sei jedoch individuell verschieden und genetisch festgelegt, sagt der Neurologe Professor Dr. Peter Young, der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin ist. Die einen brauchen fünf, andere zehn Stunden. «Dieser Bedarf verändert sich im Alter nicht zwangsläufig», betont Young.

Schlafexperten raten, erst ins Bett zu gehen, wenn man sich richtig müde fühlt. Wenn jemand länger wach liege oder gar nicht einschlafen könne, sei vermutlich etwas nicht in Ordnung. Auch sollte man seinen individuellen Biorhythmus berücksichtigen. «Genetisch gesehen gibt es unter den Schläfern sozusagen Lerchen und Eulen», sagt Weeß – also Menschen, die von ihrer inneren Uhr her eher früh oder spät aufstehen. Eulen bringt es oft nichts, früh ins Bett zu gehen. Trotzdem sind sie oft gezwungen, morgens vor ihrer natürlichen Aufwachzeit aufzustehen.

Probleme haben auch Menschen, die mehr als die durchschnittlichen sieben Stunden Nachtruhe oder einen Mittagsschlaf brauchen. Viel schlafen gelte in der Gesellschaft als Faulheit – das würden Sprichwörter wie «Morgenstund hat Gold im Mund» und «Der frühe Vogel fängt den Wurm» zeigen. «Wir bräuchten jedoch eine neue Schlafkultur – nur wer ausgeschlafen ist, kann Leistung bringen.»

Für viele Jugendliche sei 8.00 Uhr Schulbeginn zu früh. «Klausuren sollten nicht vor 10.00 Uhr geschrieben werden, damit auch Jugendliche, die früh morgens genetisch bedingt noch nicht richtig wach sind, die gleichen Chancen haben», unterstreicht Weeß.

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