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Transidente Menschen

Transidente Menschen kommen häufig mit einer Verordnung über eine Hormontherapie oder eine andere Medikation in die Apotheke oder benötigen spezifische Hilfsmittel. Das Apothekenteam braucht Fachwissen und Empathie, um die Patienten gut betreuen zu können.
Kirsten Anschütz
19.09.2021  08:00 Uhr

Regenbogenflaggen überall und eine gesellschaftliche Diskussion über die Akzeptanz von Menschen anderer Geschlechter und Hautfarben: Ein Teil derer, um die es hier geht, sind transidente Menschen, die oftmals eine Hormontherapie machen und daher als Patienten jeglichen Geschlechts in der Apotheke am HV-Tisch stehen. Für das Apothekenteam ist das oft gar nicht einfach: Wie spricht man einen Menschen an, der weibliche Hormone auf dem Rezept verordnet bekommt, aber eine tiefe männliche Stimme und einen Bartschatten hat? Ist das Frau Huber oder Herr Huber? Hier herrscht oft große Unsicherheit, die nicht zuletzt an zu wenig Wissen und Information über dieses interessante Thema liegt.

Was genau ist eine Transidentität? Eine Betroffene beschreibt es so: »Transidentität ist wie die Händigkeit. Wenn ein Kind anfängt zu malen, dann nimmt es den Stift in die Hand, die sich richtig anfühlt, auch wenn ihm niemand sagt, welche Hand das ist. Das Kind weiß es einfach. Die andere Hand ist die falsche Hand. Genauso ist es mit dem Geschlecht: Man weiß einfach, welche die richtige Geschlechtsidentität ist. Und es fühlt sich falsch an, in der anderen zu leben.« Ein transidenter Mensch wird bei der Geburt wegen seiner körperlichen Geschlechtsmerkmale dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet, erlebt aber im Lauf des Lebens, dass diese Zuordnung nicht passt. Sie fühlt sich falsch an.

Sehen wir nochmals auf die Regenbogenflagge: Sie wird oft mit der queeren oder »LGBTQIA+«-Szene in Verbindung gebracht (Glossar). Wichtig ist, dass sich das »T« für Transidentität auf keine sexuelle Orientierung bezieht, sondern ausschließlich auf die geschlechtliche Identität. Ein transidenter Mensch kann jegliche sexuelle Orientierung haben – ebenso wie jeder andere Mensch auch.

Der immer noch häufig benutzte Begriff »transsexuell«, der sich auch im ICD-Katalog oder im Transsexuellen-Gesetz (Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen) wiederfindet, ist irreführend. Hintergrund ist die Übernahme des Begriffs »transsexual« aus dem Englischen, wo das Wort Sex nicht nur die deutsche Bedeutung Geschlechtsverkehr haben kann, sondern auch einfach Geschlecht bedeutet. »Transsexual« bedeutet also transgeschlechtlich und hat nichts mit der gelebten Sexualität zu tun. Im deutschen Sprachgebrauch ist es daher korrekter, von transident oder transgender zu sprechen.

Was ist ein Transmann oder eine Transfrau?

Vielfach ist auch die Zuordnung der Begriffe Transmann und Transfrau unklar (Tabelle 1). Zum besseren Verständnis daher ein Beispiel: Bei der Geburt wird ein Kind anhand seiner äußeren Geschlechtsmerkmale als Mädchen erkannt. Bei einem Gentest würde man die Chromosomen für das weibliche Geschlecht finden, also meistens XX. Dieses Kind wächst heran, entwickelt ein Geschlechtsbewusstsein und sagt irgendwann von sich: Ich bin eine Frau. Die körperlichen Geschlechtsmerkmale stimmen also mit der Geschlechtsidentität überein; es handelt sich um eine Cisfrau. »Cis« wird hier als Gegensatz zu »Trans« verwendet.

Körpermerkmale bei Geburt Genetik Körperbewusstsein, Geschlechtsidentität Geschlechtsbezeichnung Adjektiv
weiblich XX (X0, XXX) weiblich Cisfrau binär
weiblich XX (X0, XXX) männlich Transmann binär
weiblich XX (X0, XXX) nicht eindeutig nicht eindeutig nicht-binär
männlich XY (XXY) männlich Cismann binär
männlich XY (XXY) weiblich Transfrau binär
männlich XY (XXY) nicht eindeutig nicht eindeutig nicht-binär
nicht eindeutig, intersexuell XX oder XY oder Mischformen weiblich, männlich oder nicht eindeutig Frau oder Mann oder nicht eindeutig binär oder intersexuell/divers
Tabelle 1: Zuordnung der Begriffe Transfrau und Transmann

Die Einordnung in »Mann/Frau« ist eindeutig, weshalb die Person als »binär« bezeichnet wird (von bi: zwei, also zwei Geschlechter). Genauso funktioniert die Zuordnung bei einem Mann, der bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugeordnet wurde.

Bei einem transidenten Menschen läuft das etwas anders ab. Ein Baby wird aufgrund seiner Genitalien bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet; der Gentest ergibt ein weibliches Geschlecht. Aber im Lauf seines Lebens stellt dieser Mensch fest: Nein, ich bin gar keine Frau, ich bin ein (Trans-)Mann!

Das Wissen um die falsche Geschlechtszuordnung kann sich bereits sehr früh entwickeln, manchmal schon im Kindergartenalter. Wenn Kinder beginnen, sich mit dem Thema Geschlechter zu beschäftigen, können sie bemerken, dass es sich falsch anfühlt, wie sie jetzt leben. Ein weiterer Peak bezüglich der Erkenntnis findet sich in der Pubertät. Es gibt aber auch viele transidente Menschen, die erst im höheren Lebensalter erkennen, was sich all die Jahre falsch angefühlt hat und dann erst die Angleichung beginnen.

► Ein Transmann ist ein Mann. Da seine Geschlechtszuordnung eindeutig ins Zweigeschlechtersystem passt, nennt man ihn auch binär. Analog ist die Zuordnung bei Transfrauen: Eine Transfrau ist eine Frau, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugeordnet worden ist.

Nicht-binäre Personen

Passt die Zuordnung der eigenen Geschlechtsidentität nicht in das Schema Frau oder Mann, spricht man von nicht-binären (non-binary) Personen. Sie können heute die Geschlechtsbezeichnung »divers« wählen.

Als »divers« gelten aber auch Menschen, die kein eindeutiges Geburtsgeschlecht haben, das heißt, dass die äußeren Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig sind, zum Beispiel ein kleiner Penis und gleichzeitig eine rudimentäre Vagina. Dies sind intersexuelle Menschen (Tabelle 1).

Sie wurden früher fast immer äußerlich zu Mädchen »umoperiert« (Aussage von Chirurgen: »Es ist leichter, ein Loch zu graben als einen Baum zu pflanzen«), was im späteren Leben oft zu großen Problemen geführt hat (1). Seit einer Gesetzesänderung vom Mai 2021 sind solche geschlechtsangleichenden Operationen an Kindern unter 14 Jahren untersagt. Die Kinder sollen erst einmal die Chance bekommen, eine eigene Geschlechtsidentität zu entwickeln und sich dann gegebenenfalls für ein Geschlecht entscheiden – oder auch nicht.

Intersexuelle Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen, können die Bezeichnung »divers« wählen. Es gibt aber auch Intersexuelle, die sich eindeutig als Frau oder Mann erleben. In seltenen Fällen liegt einer unklaren Geschlechtszuordnung ein sogenanntes Androgen-Insensitivitäts-Syndrom oder ein 5α-Reduktase-2-Mangel zugrunde, bei dem sich ein Körper mit männlichen Geschlechtschromosomen in unterschiedlichem Maß zu einem weiblichen Körper entwickelt (2). Dies führt gerade im Leistungssport oft zu Schwierigkeiten, wie bei der Läuferin Caster Semenya.

Hoher Leidensdruck

Warum ist es so wichtig, einen Transmann als Mann und eine Transfrau als Frau wahrzunehmen und anzusprechen, auch wenn das Äußere vielleicht noch gar nicht so recht passt? Der Grund liegt darin, dass viele transidente Menschen eine starke Dysphorie erleben.

Als Dysphorie bezeichnet man ein körperliches, psychisches oder soziales Unwohlsein durch die Geschlechtsinkongruenz. Sie führt zu einem sehr hohen Leidensdruck und hat einen eigenen Krankheitswert. Häufig sind therapeutische Intervention und eine Pharmakotherapie notwendig. Dysphorie kann sich auf einzelne Bereiche des Lebens beziehen, zum Beispiel in Form einer Körperdysphorie, aber auch generalisieren.

Auslöser für das Aufflammen einer Dysphorie ist oft das sogenannte Misgendern, also das Ansprechen der Person mit der falschen Geschlechtsbezeichnung, zum Beispiel, weil der Mensch äußerlich noch dem falschen Geschlecht zugeordnet wird. Gerade bei einer Geschlechtsangleichung im höheren Lebensalter ist das vor allem für Transfrauen oft problematisch, da sie beispielsweise durch eine tiefe männliche Stimme, ihre Größe und Körperformen oft noch lange dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden. Dies kann zu Irritationen führen, wenn sie typisch weibliche Kleidung tragen. Bei Transmännern ist die Akzeptanz oft größer, weil legere Kleidung und kurze Haare heute keinem Geschlecht mehr eindeutig zugeordnet werden.

Langer Prozess der Angleichung

Hat ein transidenter Mensch erkannt, dass er/sie im falschen Geschlecht lebt und möchte eine Geschlechtsangleichung beginnen, muss er/sie sich verschiedene Therapeuten suchen. Wichtig: Der Begriff Geschlechtsumwandlung ist nicht korrekt, denn das Geschlecht wird nicht von einem ins andere »umgewandelt«, sondern dem gefühlten und erlebten korrekten Geschlecht angeglichen.

Der erste Schritt ist der Kontakt mit einem Therapeuten (w/m/d), der auch die Diagnose F64.0 Transsexualismus stellt. Die Transidentität selber ist keine Krankheit, kann aber zur Notwendigkeit von Therapien führen und wird deshalb im ICD-Katalog eigenständig geführt.

Parallel dazu beginnt der Mensch einen sogenannten Alltagstest, das heißt, er versucht, sich äußerlich an das eigene Geschlecht anzunähern, zum Beispiel durch veränderten Haarschnitt oder Kleidung. Oft findet jetzt ein Outing statt, bei dem die Person ihre Familie, Freunde und das berufliche Umfeld über die Veränderung informiert. Die meisten haben sich zu diesem Zeitpunkt bereits einen neuen Vornamen im richtigen Geschlecht ausgesucht.

Nach einem Zeitraum von sechs Monaten und der vorgeschriebenen Anzahl therapeutischer Sitzungen kann dann in einer endokrinologischen Praxis mit der gegengeschlechtlichen Hormontherapie begonnen werden. Dieser lange Vorlauf soll eine Sicherheit für den transidenten Menschen bieten. Man will zum Beispiel ausschließen, dass eine Erkrankung die Transidentität nur vorgaukelt, und das Risiko einer später notwendigen Rückangleichung (Detransition) vermeiden. Auch wenn über Detransitionen oft sehr spektakulär in den Medien berichtet wird, sind sie eher selten und oft ein Hinweis, dass eigentlich keine Transidentität vorlag, sondern eine unklare Geschlechtsidentität (nicht-binär).

Der Antrag auf eine geschlechtsangleichende Genitaloperation kann in den meisten Fällen erst zwölf Monate nach Therapiebeginn erfolgen, die Mastektomie beim Transmann schon etwas früher. Parallel dazu benötigen viele transidente Menschen auch eine Logopädie für die Stimme, bei Bedarf eine Epilation der Barthaare und andere begleitende Maßnahmen.

Unabhängig von der therapeutischen Seite kann beim zuständigen Amtsgericht ein Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderung gestellt werden, wenn die Ausweise offiziell geändert werden sollen. Hierfür werden zwei Gutachter (w/m/d) bestellt, die genauso wie der Richter (w/m/d) bei der abschließenden Verhandlung bestätigen müssen, dass dieser Mensch tatsächlich dem anderen Geschlecht angehört. Über dieses Verfahren wird derzeit politisch sehr viel diskutiert, da es einem Diskriminierungsvorwurf unterliegt und außerdem für die Betreffenden oft sehr teuer und langwierig ist.

Sind die Ausweisdokumente geändert, kann der/die Betreffende auch offiziell im richtigen Geschlecht leben. Bis vor einigen Jahren war im Transsexuellen-Gesetz geregelt, dass ein Mensch, der eine Personenstandsänderung beantragt, nicht mehr fertil sein darf, das heißt, dass er/sie sich die Keimdrüsen entfernen lassen musste. Ebenso war vor Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe eine Ehescheidung erforderlich, falls der/die Antragsteller/in verheiratet war. Dies alles ist heute nicht mehr nötig, vor allem auch keine genitalangleichenden Operationen.

Pharmakotherapie zur Geschlechtsangleichung

Für die Apotheke ist natürlich die Pharmakotherapie bei Transidentität besonders interessant, da die Patienten (w/m/d) in die Apotheke kommen und möglicherweise Fragen haben. Tatsächlich ist die Hormontherapie bei Transidentität sehr einfach, da nur wenige Arzneistoffe zum Einsatz kommen.

Bei Transfrauen werden im Normalfall zwei Arzneistoffe verwendet: ein Hormonblocker und das gegengeschlechtliche Hormon. Als Hormonblocker wird meistens Cyproteronacetat (Beispiel Androcur®) verwendet. Das Antiandrogen hemmt kompetitiv die stimulierende Wirkung von Testosteron und 5α-Dihydrotestosteron im Hypothalamus und senkt damit den Testosteronspiegel in der Peripherie. Die Dosierung wird individuell eingestellt und liegt normalerweise bei 2,5 bis 12,5 mg am Tag.

Manchmal wird auch der Aldosteron-Antagonist Spironolacton verwendet, in Deutschland eher bekannt als kaliumsparendes Diuretikum. Er hemmt die Synthese von Testosteron und verhindert dessen Bindung an die Androgenrezeptoren.

Dazu bekommen Transfrauen üblicherweise Estradiol, entweder in oraler Form oder als Dermatikum (Beispiel: Estrifam®, Gynokadin® oder TTS-Pflaster), um dem Körper die fehlenden weiblichen Hormone zuzuführen (Tabelle 2). Die Entscheidung über den Applikationsweg trifft meistens die Frau selbst, außer es liegen entsprechende medizinische Kontraindikationen vor. Das Ziel sind in erster Linie physiologische Blutspiegel einer Frau und das individuelle Wohlbefinden. Der absolute Blutspiegel spielt eine untergeordnete Rolle, muss aber trotzdem regelmäßig kontrolliert werden.

Transgender körperliche und seelische Folgen der Hormontherapie
Transmann Ausbleiben der Regelblutung
Scheidentrockenheit, Atrophie der Schleimhäute, Klitoriswachstum
Bartwuchs und verstärkte Körperbehaarung, bei entsprechender Veranlagung: Geheimratsecken, Haarausfall
Hautunreinheiten
Stimmbruch: Stimme wird tiefer
Umverteilung des Körperfetts: männlichere Körperformen
Muskelmasse steigt
Brustgewebe kann an Fett verlieren und dadurch weicher wirken, die Brust an sich schrumpft nicht
manchmal Größenwachstum (wenige Zentimeter)
Libido steigt
Aggressivität steigt, Emotionalität sinkt
Transfrau Brustwachstum, Empfindlichkeit der Brustwarzen steigt
Umverteilung des Körperfetts (Gynäkomastie): weiblichere Körperformen
Körperbehaarung wird feiner und wächst langsamer
Haut wird dünner, feiner, trockener
schnelleres Frieren
Muskelmasse sinkt
Hodenatrophie, Schrumpfung der Prostata, Impotenz
Libido sinkt
Aggressionsneigung sinkt, Emotionalität steigt
Tabelle 2: Mögliche Folgen der Hormontherapie. Nicht bei jeder Person tritt alles und in gleichem Maß auf; viele Veränderungen dauern Jahre. Bei Transfrauen bleiben Bartwachstum, Stimme und bei entsprechender Veranlagung auch Haarausfall u

Hat die Transfrau bei einer genitalangleichenden Operation ihre Hoden entfernen lassen, sind Hormonblocker meist nicht mehr erforderlich und man gibt ausschließlich Estradiol. Da Cisfrauen physiologisch ab einem gewissen Alter in die Wechseljahre kommen, kann auch bei Transfrauen im entsprechenden Alter die Hormongabe verringert oder abgesetzt werden, was aber im Einzelfall mit der Patientin entschieden wird.

Der pharmakotherapeutische Ansatz bei Transmännern ist ähnlich einfach. Man gibt das männliche Hormon Testosteron in der passenden Dosierung. Dadurch wird sowohl die Freisetzung von Gonadorelin (GnRH) als auch von Luteinisierendem und Follikelstimulierendem Hormon (LH und FSH) über einen negativen Rückkopplungsmechanismus gehemmt, sodass der Estrogenspiegel sinkt (lesen Sie dazu auch den Titelbeitrag »Testosteron« in PZ 50/2019). Die Applikation erfolgt entweder als Depotinjektion (Beispiel: Nebido®) oder dermal (Beispiel: Testogel®) in mit dem Patienten zu erarbeitenden Abständen und Menge.

Auch hier gilt: Wohlbefinden vor Blutspiegel! Doch natürlich müssen auch diese Patienten regelmäßig zur Blutabnahme. Der Patient entscheidet außer bei medizinischen Gründen, welche Form der Therapie zu ihm passt. Ziel ist der physiologische Blutspiegel (Tabelle 2).

Pubertätsblocker für Kinder

Ein weiteres Einsatzgebiet der Hormontherapie sind transidente Kinder vor der Pubertät. Es gibt Kinder, die schon sehr früh (im Kindergartenalter) wissen, dass sie im falschen Geschlecht leben. Die Kinder werden oft frühzeitig therapeutisch begleitet und man lässt sie im für sie richtigen Geschlecht aufwachsen, auch wenn sie körperlich dem anderen angehören. Auch junge Kinder können bereits eine starke Dysphorie erleben, wenn sie im falschen Geschlecht leben müssen. Der Leidensdruck kann sehr hoch sein.

Um diesen Kindern die Pubertät im falschen Geschlecht zu ersparen, kann man nach ärztlicher und therapeutischer Abklärung mit Beginn der ersten Pubertätszeichen sogenannte Pubertätsblocker geben. Hier werden GnRH-Analoga wie Leuprorelin (Beispiel: Trenantone®, Enantone®) oder Triptorelin (Beispiel: Decapeptyl®) eingesetzt, um die körpereigene Hormonproduktion und damit auch die Reifung der Keimdrüsen und die körperliche Geschlechtsentwicklung zu unterdrücken. Solange diese Blocker und keine gegengeschlechtliche Hormontherapie gegeben werden, ist der Therapieeffekt reversibel. Das Kind würde nach Absetzen der Spritzen also in die normale Pubertät des Geburtsgeschlechts kommen.

Wenn schon sehr früh klar ist, dass eine Transidentität vorliegt, kann man mit 16 Jahren (in Ausnahmefällen 14) mit der gegengeschlechtlichen Hormontherapie wie bei erwachsenen Patienten beginnen. Die Erfolge der Angleichung sind hier am besten, da der Körper nie die falschen Geschlechtsmerkmale entwickelt hat. Der junge Mensch muss sich aber bewusst sein, dass er keine Fertilität entwickeln wird, da die Keimdrüsen im kindlichen Stadium verbleiben. Leibliche Kinder sind daher beim direkten Übergang von Hormonblockade zur Hormonersatztherapie nicht möglich.

Bei manchen Jugendlichen stoppt beim direkten Übergang auch das Größenwachstum, was gerade bei kleinen Transmännern unerwünscht sein kann. Auf der anderen Seite bewirkt Testosteron bei Transmännern oft auch im Erwachsenenalter noch ein leichtes Größenwachstum, was aber nicht konkret vorhersehbar ist. Über all diese Folgen werden Patient und Eltern vom Arzt aufgeklärt.

Langzeitfolgen der Hormonersatztherapie

Bis auf die S3-Leitlinie über Geschlechtsinkongruenz (4) gibt es wenige valide Daten zu den Langzeitfolgen der Hormonersatztherapie bei transidenten Menschen.

Jede Hormontherapie kann sich auf das Herz-Kreislauf-System, die Gefahr von Thrombosen und Embolien und die Knochendichte auswirken, weshalb eine engmaschige Kontrolle erfolgen sollte. Übergewicht und Zigarettenrauchen können zusätzliche Schäden verursachen. Transfrauen haben unter Hormontherapie ein zum Teil deutlich erhöhtes Brustkrebsrisiko, auch wenn man das allgemeine Krebsrisiko durch den Verzicht auf Ethinylestradiol reduzieren konnte. Grundsätzlich ist aber eine Langzeit-Hormonersatztherapie risikoarm, auch weil sie im physiologischen Bereich erfolgt.

Bei aller Vorsicht vor möglichen Folgen sollte man immer auch die Alternative bedenken, also ein Leben ohne die Hormone. Dies kommt für die überwiegende Zahl der Betroffenen nicht infrage, weshalb sie sich im Zweifelsfall eher für die Weiterführung der Therapie entscheiden, auch wenn dadurch Schäden drohen. Ursache dafür ist die Dysphorie.

Bei vielen transidenten Patienten beginnt der Weg der Angleichung nicht sofort mit der Erkenntnis, im falschen Geschlecht zu leben, sondern mit einem allgemeinen Unbehagen bis hin zu schweren psychischen Problemen. Diese werden oft mit Antidepressiva, Antipsychotika und Anxiolytika behandelt. Erst später stellt sich dann die Transidentität als Grund für die Beschwerden heraus.

Viele Patienten müssen diese Therapien weiterführen. Auch mit Outing und Angleichung verschwinden Dysphorie, Depression und andere Probleme nicht einfach, weil das Leben im anderen Geschlecht gesellschaftlich oft wenig akzeptiert wird. Bei der Einnahme von Psychopharmaka sind die Langzeitfolgen natürlich genauso zu beachten wie bei nicht transidenten Patienten, wobei allgemein die Suizidrate bei diesen Patienten höher liegt als in der Restbevölkerung. Dies erklärt sich ganz klar aus der belastenden Gesamtsituation.

Genitalangleichende OP und Nachsorge

Nach einer ausreichend langen Zeit der Therapie, auch mit gegengeschlechtlichen Hormonen, kann der transidente Mensch mit den genitalangleichenden Operationen beginnen, wenn er oder sie dies will. Dies ist heutzutage nicht mehr erforderlich und ausschließlich Entscheidung des Einzelnen. Niemand muss sich operieren lassen, viele wollen dies aber. Für geschlechtsangleichende Operationen gibt es spezialisierte Zentren vor allem in den größeren Städten. Die »guten« Operateure werden hauptsächlich per Mundpropaganda weiterempfohlen und entwickeln meist eigene, zum Teil unterschiedliche Operationsmethoden (5).

Für die Apotheke wichtig ist die Nachsorge. Grundsätzlich gilt: Eine Operationswunde wird genauso behandelt wie bei anderen Operationen auch. Sie sollte sauber gehalten, bei Bedarf desinfiziert und (wenn nötig und möglich) steril abgedeckt werden.

Transfrauen benötigen für die Nachsorge der neu gebildeten Vagina (»Neovagina«) sogenannte Bougierstäbe, die als Hilfsmittel als Sets mit unterschiedlichen Größen auch über die Apotheke verfügbar sind (Beispiele: Amielle®, Vagiwell®; unter 99.27.03. im Hilfsmittelverzeichnis). Die Patientin führt diese Stäbe mehrmals täglich mit etwas Gleitgel oder Panthenolsalbe in die Neovagina ein, um deren Weite zu erhalten und die Narbenschrumpfung zu vermeiden. Zwischen den Anwendungen wird ein Platzhalter getragen, beispielsweise ein medizinisches Kondom mit einer eingelegten Vlieskompresse.

Die Heilung der Neovagina ist normalerweise nach sechs bis acht Wochen abgeschlossen. Die Narbenreifung dauert bis zu 18 Monate. Die Pflege der abgeheilten Neovagina erfolgt wie die der Cisvagina, auch bei eventuellen Infektionen. Eine Pflege mit Milchsäurepräparaten ist möglich. Bei starkem Ausfluss oder Verdacht auf Pilzinfektion sollte der Patientin ein Arztbesuch empfohlen werden.

Auch für Transmänner gibt es Möglichkeiten der genitalangleichenden Operation. Wer sich nicht für den sogenannten großen Aufbau (realgroßes Penoid aus einem Hautlappen an Unterarm oder Oberschenkel mit eingesetzter Versteifungsmöglichkeit) entscheidet, kann sich – nach Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken und Verschluss der Scheidenöffnung – eine Penis-Hoden-Epithese aus Silikon anfertigen lassen. Hierfür gibt es wenige spezialisierte Anbieter (6). Mit den per Hautkleber fixierten Epithesen ist je nach Ausführung ein Urinieren im Stehen oder Geschlechtsverkehr möglich. Die Pflege erfolgt wie bei allen Silikonprothesen.

Zusammenfassung

Das Leben für transidente Menschen ist nicht einfach. Der Weg zur Erkenntnis, transgender zu sein, ist oft schwer und lang und auch die dann folgenden Therapien sind aufwendig. Ein Apothekenteam, das Transpatienten betreut, muss die medizinischen Hintergründe kennen. Wichtig ist vor allem, den Menschen mit dem korrekten Geschlecht anzusprechen. Wer mehr wissen möchte über die Schwierigkeiten beim Weg ins richtige Geschlecht, dem sei das Buch »Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund« von Jayrôme C. Robinet empfohlen (7).

Ansonsten gilt: Ein Transmann ist einfach ein Mann. Eine Transfrau ist eine Frau. Genauso sollten beide auch wahrgenommen werden.

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