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Coronaviren

Tödlicher als die Grippe und womöglich ohne bleibende Immunität

Das RKI schätzt das neue Coronavirus nun doch als tödlicher als die Grippe ein. Es gibt neue Hinweise, dass auch asymptomatische Patienten ansteckend sind. Zudem gibt es einen Fallbericht aus Japan, nach dem eine Patientin nach einer scheinbaren Genesung und negativer Testung erneut an SARS-CoV-2 erkrankte.
PZ/dpa
27.02.2020
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Nach den bisher bekannten Zahlen ist das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 laut Robert-Koch-Institut (RKI) tödlicher als die Grippe. Wie viel höher die Sterberate ausfalle, werde man nach dem Ende der Epidemie sehen, sagte RKI-Präsident Professor Dr. Lothar Wieler am Donnerstag in Berlin. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Grippe zu sterben, liege bei 0,1 bis 0,2 Prozent, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag. Nach den bisher bekannten Zahlen liegt die Rate beim Virus Sars-CoV-2 fast zehnmal so hoch – bei ein bis zwei Prozent. 80 Prozent der Infizierten hätten nur milde Symptome, doch 15 Prozent erkrankten schwer an der Lungenerkrankung Covid-19. «Das ist viel», sagte Wieler. 

Am 24. Februar hatten Dr. Zunyou Wu und Dr. Jennifer M. McGoogan vom Chinesischen Center for Disease Control and Prevention eine neue Zwischenanalyse zu den ersten 72.314 Covid-19-Fällen in China im Fachjournal »JAMA« veröffentlicht. Demnach verlief die Erkrankung in 81 Prozent der Fälle mild. Nur jeweils 1 Prozent der Erkrankungen betrafen Kinder unter zehn Jahren beziehungsweise Teenager. Die Mortalität lag insgesamt bei 2,3 Prozent. Besonders ältere Menschen sind jedoch in Gefahr: So lag die Sterberate bei den 70- bis 79-Jährigen bei 8,0 Prozent und bei den Über-80-Jährigen bei 14,8 Prozent. In der Gruppe der Kinder bis neun Jahre gab es keine Todesfälle.

Ein erhöhtes Sterberisiko haben auch Personen mit Vorerkrankungen. Demnach lag die Mortalität bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen bei 10,5 Prozent, für Diabetes bei 7,3 Prozent, für chronische Lungenerkrankungen bei 6,3 Prozent, für Bluthochdruck bei 6,0 Prozent und für Krebs bei 5,6 Prozent. Die Autoren betonen jedoch, dass die errechneten Mortalitätsraten mit Vorsicht interpretiert werden müssen, da vermutlich die Dunkelziffer der insgesamt Erkrankten deutlich höher liegen dürfte und damit die Sterberate auf Basis aller Infizierter niedriger.

Wichtig ist auch der Befund, dass unter den 72.314 ausgewerteten Fällen 889 positiv getestet wurden, aber asymptomatisch waren. Wie chinesische Forscher aus Henan, Tianjin und Hongkong ebenfalls in »JAMA« berichten, könne auch asymptomatische Patienten das Virus übertragen.

Bei Symptomen freiwillig zu Hause bleiben

Die wichtigste Maßnahme bei steigenden Infektionszahlen in Deutschland sei eine Eindämmungsstrategie, um den Ausbruch zu verlangsamen, so RKI-Präsident Wieler. «Mit jedem Tag, mit jeder Woche steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Therapeutikum zur Verfügung steht.» Bisher gibt es noch kein Medikament, das Covid-19 zuverlässig in Schach halte. Auch mit einem Impfstoff sei 2020 nicht zu rechnen, da das Virus neu sei.

Die Eindämmung sei aber nicht allein Sache der Gesundheitsbehörden mit der Isolierung von Kranken und Kontaktpersonen, betonte Wieler. Die gesamte Bevölkerung sei aufgerufen, sich zu informieren und möglichst so zu handeln, dass das Virus unter Kontrolle bleiben kann. Praktisch bedeute das: bei Symptomen wie Husten und Fieber freiwillig zu Hause zu bleiben - also weder zur Arbeit zu gehen, noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren und keine großen Veranstaltungen zu besuchen.

Vor Arztbesuchen sei es wichtig, in den Praxen anzurufen. «Auch Menschen mit ganz wenig Symptomen können andere anstecken.» Ältere Menschen, die wegen ihres schwächeren Immunsystems und Vorerkrankungen häufig anfälliger für das Virus sind, sollten möglichst zu Hause bleiben. Wichtig für alle seien aber auch ganz banale Dinge: zum Beispiel in die Armbeuge zu niesen statt in die Hand.

Eine Eindämmungsstrategie könne auch heißen, Großveranstaltungen und Reisen abzusagen und Massenunterkünfte zu schließen, ergänzte Wieler. Viele Unternehmen hätten darüber hinaus bereits Pandemie-Pläne und Homeoffice-Lösungen in der Schublade. «Es gibt bisher keinen Anlass, dass Städte vom Zivilschutz eingegrenzt werden. Das ist auch nicht zu erwarten», betonte Wieler.

Allerdings sei das deutsche Gesundheitssystem bereits bei der schweren Grippewelle 2017/18 mit zehn Millionen Arztbesuchen an seine Grenzen gestoßen. Kliniken müssten deshalb im Fall einer Sars-CoV-2-Epidemie wahrscheinlich Abstriche machen. «Bei Betten ist es eine Frage der Menge.» Komme es zu vielen schwerkranken Covid-19-Patienten, müssten etwa planbare Operationen verschoben werden.

Japanerin erkrankt zum zweiten Mal

In Japan ist eine Frau nach ihrer vermeintlichen Genesung zum zweiten Mal positiv auf das neuartige Coronavirus getestet worden. Wie das japanische Gesundheitsministerium auf seiner Webseite bekannt gab, handelt es sich um eine Frau in ihren 40-ern aus der Präfektur Osaka. Sie sei am 29. Januar positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden. Daraufhin habe sich ihr Zustand verbessert, weswegen sie am 1. Februar aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Am 3. Februar sei sie bei einer erneuten Untersuchung negativ getestet worden. Später habe sie zu Hause jedoch Symptome wie Husten, Halsschmerzen und Schmerzen in der Brust gezeigt. Am 26. Februar sei sie dann bei einem erneuten Test wieder positiv getestet worden, hieß es.

Es handelt sich bei dem Fall laut japanischen Medien um den ersten in Japan, bei dem ein Patient nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus ein zweites Mal positiv auf Coronavirus getestet wurde. Der Fall sei ein Hinweis darauf, dass einmal infizierte Menschen danach nicht zwingend immun gegen eine erneute Erkrankung sind. 

Angesichts der aktuellen Entwicklung ist es EU-Experten zufolge schwer vorherzusagen, wann die Infektionswelle ihr Maximum erreichen wird. »Wann der Höhepunkt sein wird – ich habe keine Ahnung«, sagte ein EU-Fachmann am Donnerstag in Brüssel. Die Spezialisten der EU-Agentur für Krankheitenkontrolle (ECDC) hätten noch »viel zu lernen« über das neue Virus. Zwei mögliche Szenarien zur Entwicklung der Epidemie stellte vor Kurzem das Fachjournal »Nature« auf seiner Website vor. 

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