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Covid-19

Therapie von Geruchs- und Geschmacksstörungen

Ein typisches Symptom für eine Infektion mit SARS-CoV-2 sind Störungen beim Riechen und Schmecken. Soweit man bislang weiß, bessern sich die Beschwerden meist innerhalb von ein bis zwei Monaten. Bei einem geringen Teil der Patienten bleiben sie jedoch länger bestehen. Welche Therapieansätze gibt es?
Carolin Lang
17.11.2020  09:00 Uhr

»Dass Virusinfektionen einen Riechverlust verursachen können, ist altbekannt, zum Beispiel von Rhino- oder Influenzaviren«, erklärt der HNO-Experte Professor Dr. Thomas Hummel vom interdisziplinären Zentrum für Riechen und Schmecken des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus in Dresden im Gespräch mit der PZ. Man spricht in solchen Fällen von einer postviralen Riechstörung. Auch bei SARS-CoV-2-Infektionen wird die Symptomatik häufig beobachtet; einige Wissenschaftler sprechen dabei sogar von einem zuverlässigen Indikator für eine Infektion. Wie viele Patienten betroffen sind, lasse sich bisher noch nicht genau sagen, so Hummel. Die Zahlen gingen hier sehr weit auseinander und reichten je nach Bericht von 5 bis hin zu 85 Prozent.

Am Zentrum für Riechen und Schmecken in Dresden werde eine Therapiemethode angewendet, deren Wirksamkeit bei postviralen Riechstörungen durch verschiedene Untersuchungen belegt sei, schildert Hummel. Er erklärt, wie das sogenannte Riechtraining konkret aussieht: »Die Patienten sollen dabei jeden Morgen und jeden Abend für jeweils 30 Sekunden an vier verschiedenen Düften riechen. Dieses Training sollten sie konsequent über mindestens vier, teilweise aber auch bis zu neun Monate durchführen. Die Gerüche können dabei individuell gewählt werden. Wichtig ist nur, dass die Gerüche stark sind und einer der vier Düfte noch ein Gefühl wie ein Kribbeln, Stechen oder Kühlen auslöst.«

In der Praxis werden beispielsweise Rosen- oder Zitronendüfte angewendet. Ein Kühlen oder Stechen lösen zum Beispiel Menthol oder Essig aus. Generell könne die Therapie jedem Covid-19 Patienten mit Geruchs- und Geschmacksstörungen empfohlen werden. Sinnvoll sei es allerdings vor allem bei Patienten, bei denen die Beschwerden über einen längeren Zeitraum anhalten.

Bei einigen Covid-19 Patienten zeigten sich bereits Verbesserungen, berichtet Hummel. Ob das tatsächlich auf die Therapie zurückzuführen ist oder eventuell auch unabhängig davon eine Verbesserung eingetreten wäre, lässt sich bisher noch nicht sagen. Studien dazu gibt es aktuell noch nicht. »Bei anderen Patienten mit postviralen Riechstörungen wissen wir durch placebokontrollierte und verblindete Studien, dass das Riechtraining eine Wirkung zeigt«, erklärt Hummel.

Die Methode ist allerdings nicht dazu geeignet, um sie einfach mal zu Hause auszutesten. Jeder Patient mit Geruchs- und Geschmacksstörungen sollte einen HNO-Arzt oder einen Neurologen aufsuchen und keine eigenständige Diagnose treffen. Denn die Gründe für die Beschwerden seien vielfältig, daher gehörten Diagnostik und Therapie in ärztliche Hand.

Steroide und Vitamin A

Die Anwendung von Corticoid-Nasensprays bei einer SARS-CoV-2-Infektion hält Hummel eher nicht für empfehlenswert – zumindest in der akuten Phase. Denn die immunsuppressive Wirkung des Sprays könnte die Ausbreitung des Virus unter Umständen begünstigen. Ob eine Anwendung in der Regenerationsphase sinnvoll sei, bleibe noch abzuwarten, erklärt der Experte. »Vor einer Anwendung würde ich in jedem Fall zunächst abwarten, bis die Wirksamkeit durch Studien belegt ist. Jedoch wissen wir von anderen postviralen Riechstörungen, dass Steroide bei dieser Indikation eher nicht sinnvoll sind. Bisher konnte keine deutliche Besserung nachgewiesen werden.«

Ein anderer Therapieansatz bei postviralen Riechstörungen ist die lokale Anwendung von Vitamin A. Das Vitamin soll die Regeneration gereizter Schleimhäute unterstützen und ist in einigen Nasenölen und -salben enthalten. In Bezug auf die Wirksamkeit verweist Hummel auf eine Studie, die unter seiner Mitwirkung im Jahr 2017 im Fachjournal »European Archives of Oto-Rhino-Laryngology« veröffentlicht wurde (DOI: 10.1007/s00405-017-4576-x). Intranasales Vitamin A in einer Dosis von 10.000 I.E. pro Tag über zwei Monate kann demnach bei der Behandlung von postinfektiösem Geruchsverlust nützlich sein. Weitere Arbeiten mit prospektiven, placebokontrollierten Studien seien jedoch erforderlich, um diese Ergebnisse zu bestätigen.

Zudem habe eine Wirkung von Omega-3-Fettsäuren durch eine Studie bei Riechstörungen nach Operationen belegt werden können, so Hummel. Analog könne man es eventuell auch bei postviralen Riechstörungen anwenden.

Geruchsverlust steigert Risiko für Übergewicht

Die Patienten fühlen sich durch den Verlust von Geruch und Geschmack meist sehr beeinflusst, berichtet Hummel. »Am meisten stört die Patienten, dass der Genuss beim Essen verloren geht.« Man könnte annehmen, dass viele Patienten dadurch Gewicht verlören. Doch häufig sei genau das Gegenteil der Fall, da Betroffene, in der Hoffnung etwas zu schmecken, vermehrt zu Süßigkeiten griffen.

Bei Covid-19 ist der Riechverlust laut Hummel meist temporär. Nach ein bis zwei Monaten trete bei circa 90 bis 95 Prozent der Patienten eine spontane Besserung ein. Bei den restlichen 5 bis 10 Prozent blieben die Beschwerden jedoch länger bestehen. Generell bestehe aber die Tendenz, dass sich der Geruchssinn auf lange Sicht nach Monaten oder Jahren wieder regeneriere. Nur bei einem geringen Teil der Betroffenen seien die Beschwerden irreversibel, was sowohl vom Alter als auch vom Ausmaß der Schädigung abhänge.

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