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Testkapazitäten auf Rekordhoch

Die hohen Zahlen von SARS-CoV-2-Tests in Deutschland ermöglichen ein gutes Bild des Ausbruchsgeschehens, hieß es heute vom Robert-Koch-Institut (RKI). Daten zur Übersterblichkeit, zu möglichen Kollateralschäden und einer potenziellen Hintergrundimmunität gegen das Pandemievirus stehen aber noch aus.
Christina Hohmann-Jeddi
30.04.2020
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Die diagnostischen Tests sind einer der wichtigsten Bausteine bei der strategischen Bekämpfung des Coronavirus, betonte RKI-Präsident Professor Dr. Lothar Wieler am Donnerstag bei einem Pressebriefing. Dabei sollten die Tests von hoher Aussagekraft sein und strategisch eingesetzt werden. »Je besser wir testen, desto besser können wir die epidemiologische Situation auch erfassen.« Es sei sehr erfreulich, dass die Testkapazitäten wiederum gestiegen seien. »In der vergangenen Woche hatten wir eine Kapazität von 860.000 Tests erreicht«, sagte Wieler. »Das ist so viel, wie wir noch nie hatten in DeutschlandWieler dankte explizit den Mitarbeitern in deutschen Laboren, die es ermöglichten, die Tests in dieser Güte und dieser Menge anzubieten. »Die deutschen Labore leisten ausgezeichnete Arbeit.«

Es wurden in der vergangenen Woche insgesamt 467.000 Tests auf das SARS-Coronavirus-2 durchgeführt. Davon seien rund 25.000 positiv ausgefallen, was einer Positivenrate von 5,4 Prozent entspreche, so Wieler. Diese niedrige Positivenrate zeige, dass die Tests niedrigschwellig angewandt würden, Personen also eher getestet würden als noch vor einigen Wochen. »Das ist genau das, was wir wünschen.« Inzwischen sollen laut RKI alle Personen mit Symptomen einer Atemwegserkrankung auf Covid-19 getestet werden, unabhängig von der Schwere. »Die Kapazitäten sind da.«

Asymptomatische Personen zu testen sei dagegen wenig aussagekräftig, da die Tests nur eine Momentaufnahme darstellten. Das Institut rät daher davon ab, die Bevölkerung generell auf Covid-19 zu testen. Das Testen von asymptomatischen Personen sei nur in bestimmten Settings wie Krankenhäusern und Altenheimen sinnvoll, in denen viele Personen aus Risikogruppen zusammenkommen, um Ausbrüche dort möglichst rasch zu erkennen und zu unterbinden. Hier erarbeitet das RKI derzeit detaillierte Empfehlungen.

Es sei auch sehr positiv zu bewerten, dass inzwischen bekannt sei, wie viele Tests durchgeführt würden und wie viele negativ ausfallen. »Dieses Wissen lag uns eine Zeit lang nicht vor.« Gerade die Positivenrate zeige einen erfreulichen Trend. Sie sank von etwa 10 Prozent auf inzwischen knapp die Hälfte ab, obwohl mehr und sensitiver getestet werde. Dies zeige, dass immer weniger Menschen infiziert seien und Fälle früh entdeckt wurden. »Testkapazitäten und Testergebnisse seien von überragender Wichtigkeit, gerade jetzt im Zuge der ersten Lockerungen von Distanzierungsmaßnahmen.

Übersterblichkeit und regionale Unterschiede

Trotz der im internationalen Vergleich niedrigen Zahl an Todesfällen in Deutschland ließe sich ein geringer Anstieg der Übersterblichkeit in Deutschland bereits beobachten, berichtete der RKI-Präsident. Nur aus Berlin und Hessen lägen hierzu Daten vor. »Die genauen Zahlen werden wir in Kürze erfahren und dann auch mitteilen«, so Wieler. Er vermutet, dass in Deutschland mehr Menschen aufgrund von Covid-19 gestorben seien, als offiziell gemeldet sind. Das sei aber eine Spekulation aufgrund der vielen Komplikationen, die bei einer Infektion mit dem Virus ausgelöst werden können und von denen man erst in den letzten Wochen erfahren hat.

Mögliche Kollateralschäden, also Erkrankungen und Todesfälle, die im Zeitraum der Epidemie auftreten, aber nicht durch das Coronavirus verursacht werden, hätte das Institut auch im Blick. Genau Zahlen hierzu lägen noch nicht vor, es liefen aber einige Studien in Deutschland, um das Geschehen besser darstellen zu können.

In Deutschland sind die Fallzahlen regional stark unterschiedlich verteilt – so liegt die Inzidenz in Bayern mit etwa 324 Fällen auf 100.000 Einwohner deutlich über der von Mecklenburg-Vorpommern mit 43 auf 100.000 Einwohner. Dies sei zum einen dadurch zu erklären, dass das Virus zu Beginn der ersten Welle in die verschiedenen Bundesländer unterschiedlich stark eingetragen wurde. Vor allem junge und gesunde Skifahrer hätten den Erreger nach Bayern und Baden-Württemberg eingeschleppt. Das sei bekannt. Außerdem spielten bekanntermaßen auch bestimmte Großereignisse wie der Karneval in Nordrhein-Westfalen oder ein Bierfest im bayerischen Tirschenreuth eine Rolle. Zusätzlich trage auch die Besiedelungsdichte der Bundesländer zu der ungleichen Verteilung der Erkrankungsfälle bei, so Wieler.

Immun gegen Covid-19 durch Tb-Impfung oder Erkältungsviren?

Eine weitere, allerdings noch unbewiesene Hypothese sei, dass auch die Durchimpfung mit dem BCG-Impfstoff von Bedeutung sein könnte. Die Tuberkulose-Impfung war zu DDR-Zeiten noch Pflicht. Manche Wissenschaftler verträten nun die Ansicht, dass die Impfung über epigenetische Mechanismen die generelle Immunität gegenüber bestimmten Infektionen erhöhe. Dies sei sehr schwierig zu überprüfen. Es wäre aber schön, wenn dies zuträfe.

Auf eine mögliche Grundimmunität in der Bevölkerung angesprochen, berichtete Wieler, dass es erste Ergebnisse einer Berline Arbeitsgruppe gebe, dass bei manchen Personen bestimmte Subpopulationen von T-Zellen vorhanden seien, die das Virus zumindest erkennen. Inwieweit sie eine Schutzwirkung haben, wisse man noch nicht. Hierzu seien weitere Untersuchungen nötig.

Der Virologe Professor Dr. Christian Drosten von der Charité in Berlin hatte vergangene Woche – gestützt auf die Studie eines Charité-Kollegen – im »NDR«-Podcast geäußert, dass eine gewisse Hintergrundimmunität in der Bevölkerung zu bestehen scheine. Die Forscher hätten bei Untersuchungen von Abwehrzellen in Proben aus der Zeit vor der Pandemie gesehen, dass bei 34 Prozent der Patienten reaktive T-Zellen vorlagen, die bestimmte Teile des neuen Coronavirus erkannten.

Dies könne an durchgemachten Infektionen mit anderen humanen Erkältungs-Coronaviren liegen. Drosten sprach von der ersten derartigen Beobachtung weltweit, er warnte aber auch vor einer Überinterpretation der Ergebnisse. Man dürfe nun keinesfalls schließen, dass ein Drittel der Bevölkerung immun sei und aus diesem Grund leichte oder asymptomatische Verläufe zeige. Weitere Erklärungen für solche milden Verläufe seien, dass die Betroffenen anfangs weniger Viren abbekommen haben oder insgesamt in besserer Verfassung sind.

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