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Telemedizin

Teleclinic verliert Prozess um Apotheken-Anbindung

Das Münchener Telemedizin-Unternehmen Teleclinic steht nach seiner Übernahme durch den Zur-Rose-Konzern in den Schlagzeilen. Der Apotheken-Dienstleister »apotheken.de« hatte nach der Übernahme seine Kooperation mit Teleclinic beendet, die Patienten der Online-Praxis können daher nicht mehr auf die Apotheken zugreifen. Die Teleclinic hatte dagegen geklagt – und jetzt vor dem Landgericht Stuttgart eine Niederlage kassiert.
Benjamin Rohrer
28.08.2020  16:00 Uhr

Der Telemedizin-Anbieter Teleclinic wurde Mitte Juli vom schweizerischen Pharmahandelskonzern Zur Rose, der auch DocMorris kontrolliert, übernommen. Aus dem Apothekerlager hagelt es derzeit Kritik – nicht zuletzt, weil der Zur-Rose-Konzern nunmehr eine Online-Arztpraxis und einen Versandapotheke unter einem Dach vereint.

Aber die Übernahme hat der Teleclinic auch jetzt schon Ärger eingebracht. Denn einen Tag nach der Bekanntmachung des Deals kündigte »apotheken.de«, ein Apotheken-Dienstleister des Deutschen Apotheker Verlags, die Kooperation mit der Teleclinic mit sofortiger Wirkung. Die Patienten der Teleclinic können ihre Verordnungen daher nicht mehr auf elektronischem Wege an eine der 6000 Mitgliedsapotheken senden. Zur Rezeptabwicklung bleibt die Versandapotheke »Mache«.

Im Interview mit der Pharmazeutischen Zeitung hatte Katharina Jünger, CEO und Gründerin der Teleclinic, schon darauf hingewiesen, dass das Unternehmen derzeit an neuen Mechanismen arbeite, die Vor-Ort-Apotheken wieder an Bord zu holen. Was Jünger in dem Interview allerdings völlig unerwähnt ließ, ist, dass sie gegen den Ausstieg von »apotheken.de« geklagt hatte. Die Teleclinic-Chefin wollte vor dem Landgericht Stuttgart erstreiten, dass das Apotheken-Netzwerk schnell wieder an die Online-Praxis angebunden wird. Allerdings ohne Erfolg: Das Landgericht wies die Klage ab. Das bestätigten der Deutsche Apotheker Verlag und eine Teleclinic-Sprecherin gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung.

Auf Nachfrage der PZ erklärte Benjamin Wessinger, Geschäftsführer des DAV, zu dem am gestrigen Donnerstagabend ergangenen Urteil: »Wir freuen uns, dass das Landgericht  Stuttgart unserer Auffassung gefolgt ist, dass eine weitere Zusammenarbeit mit der Teleclinic nach der Übernahme durch die DocMorris-Muttergesellschaft für apotheken.de nicht zumutbar wäre.«

Das Gericht habe erklärt, dass es nachvollziehbar sei, dass die Verfügungsbeklagte [apotheken.de bzw. DAN, Deutsches Apotheken Netzwerk] die gesellschaftsrechtliche Einbindung in den Mutterkonzern von DocMorris und die angekündigte künftige Zusammenarbeit mit DocMorris bei E-Rezepten als massiven Vertrauensbruch, als Überschreitung einer ‚roten Linie‘ begreift und begriffen hat«, so Wessinger.

Warum gab es keinen schriftlichen Vertrag?

Offenbar ging es in der Gerichtsverhandlung auch darum, dass es zwischen beiden Parteien gar keinen schriftlichen Vertrag gab. Wessinger erklärte gegenüber der PZ, dass man im Frühjahr dieses Jahres Vertragsverhandlungen begonnen habe. Weil es in »mehreren essenziellen Punkten« Uneinigkeiten gegeben habe, sei aber kein Vertrag zustande gekommen. Weil man den Mitgliedsapotheken aber weiterhin den Empfang von E-Rezepten ermöglichen wollte, habe man den »vertragslosen Zustand akzeptiert«.

Man habe die Teleclinic mehrfach über die »roten Linien« in der Zusammenarbeit informiert, zu denen unter anderem eine Missachtung des Fremdbesitzverbots und der Arzneimittelpreisbindung zählen. Die Teleclinic arbeite nun aber mit einem Konzern zusammen, der diese Punkte in Frage stellt – die Kündigung könne für das Unternehmen also nicht überraschend gewesen sein, so Wessinger.

Teleclinic geht nicht in die nächste Instanz

Rein theoretisch hätte die Teleclinic nun die Möglichkeit, das Urteil vor dem Oberlandesgericht anzustreiten. Doch Katharina Jünger erklärte gegenüber der PZ, dass ihr Unternehmen nicht in die nächste Instanz gehen werde. Vielmehr konzentriere man sich nun darauf, im eigenen Portal einen Mehrwert für den Patienten zu generieren.

Weiterhin im Raum steht allerdings der Vorwurf, dass der Telemedizin-Anbieter gegen das Zuweisungsverbot verstößt, wenn Rezepte exklusiv an die Versandapotheke »Mache« weitergeleitet werden. Jünger erklärte dazu, dass Kunden nur auf Verlangen die Rezepte zur Selbsteinlösung per Post erhalten. »Da der Versand des täglichen Rezept-Volumens per Post für die Mitarbeiter der Teleclinic kapazitär nur schwer zu stemmen ist, besteht diese Option leider nur reaktiv auf Nachfrage der Patienten. Diese können die telemedizinischen Assistenten von TeleClinic jederzeit kontaktieren und den postalischen Versand veranlassen.« Man wolle allerdings nicht die freie Apothekenwahl in Frage stellen – diese sei im Rechtssystem fest verankert.

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