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Finanzierung von Rx-Medikamenten

Strukturiert Kanada die Arzneimittelversorgung um?

Noch für zu vage halten viele Kanadier die jüngsten Ankündigungen von Premierminister Justin Trudeau, die Neustrukturierung der Arzneimittelversorgung im Land in Angriff nehmen zu wollen. Dabei wäre es höchste Zeit für eine national einheitliche Lösung, um der Bevölkerung einen gleichberechtigten Zugang zu Rx-Medikamenten zu ermöglichen, betonte kürzlich das Fachjournal »The Lancet«.
Jennifer Evans
07.01.2020
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Kanadas Premierminister Justin Trudeau (Liberale Partei) hat kürzlich angekündigt, die neue Regierung werde entsprechende Schritte einleiten, um künftig eine universale Versorgung der Bevölkerung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten einzuführen. Von einer staatlichen Finanzierung, wie sie schon seit Jahren von verschiedenen Seiten im Land etwa von Gesundheitsorganisationen und Vertretern verschiedener Gesundheitsberufe gefordert wird, ist bislang aber keine Rede, wie kanadische Medien berichten. Dies sei vielen Kanadiern zu vage. Etwas enthusiastischer hatte sich die Gesundheitsministerin des neuen Kabinetts, Patty Hajdu, zu den geplanten Vorhaben geäußert. »Ich freue mich auf neue Ideen mit Blick auf ein universales Pharmacare-System, das sicherstellt, dass einige Menschen sich nicht länger zwischen Essen und Medikamenten entscheiden müssen.« Ein Bericht der Regierung aus dem vergangenen Jahr hatte nämlich gezeigt, dass inzwischen jeder fünfte Kanadier damit kämpft, das Geld für seine Rx-Arzneien aufzubringen.

Während Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte in Kanada öffentlich finanziert sind, gilt das für Arzneimittel nicht. Damit ist es das einzige Land der Welt mit einer öffentlichen Gesundheitsversorgung, die verschreibungspflichtige Medikamente nicht abdeckt. Einige Provinzen Kanadas übernehmen zwar die Kosten für außerstationäre Arzneimittel bei einzelnen Bevölkerungsgruppen wie Menschen, die älter als 65 Jahre sind, oder Empfängern von Sozialhilfe. Und bei Berufstätigen beteiligt sich in der Regel der Arbeitgeber an den Kosten. Eine übergreifende Regelung fehlt jedoch. Diese zersplitterten regionalen Lösungen führen laut dem Fachjournal »The Lancet« dazu, dass die Kanadier weltweit mit am meisten Geld für Medikamente ausgeben. Gäbe es endlich ein landesweites System, könnte die kanadische Regierung durch entsprechende Großeinkäufe die Kosten für Arzneimittel erheblich drücken. Zudem würde eine einheitliche Regelung nicht nur die Krankenhausaufenthalte reduzieren, sondern sich auch positiv auf die Adhärenz der Patienten auswirken, wenn diese ihre Arzneien nicht mehr aus eigener Tasche zahlen müssten, heißt es. Die flächendeckende Implementierung sei zwar keine einfache Aufgabe und würde außerdem viel Zeit in Anspruch nehmen, aber ein sogenanntes Pharmacare-System »ist längst überfällig«, bemängelt das Fachjournal.

Medienberichten zufolge ist die Regierung bislang zum einen wegen der Kosten vor diesem Schritt zurückgeschreckt, zum anderen will sie nicht in den Verantwortungsbereich der Provinzen eingreifen. Auch hatten die kanadischen Politiker demnach gehofft, zuerst das Problem von Lieferengpässen in den Griff zu bekommen, bevor sie ein umfassendes Pharmacare-System implementieren. Doch der Druck der Bevölkerung hatte sich vor der Unterhauswahl im vergangenen Oktober so zugespitzt, dass sich wohl tatsächlich etwas bewegen wird. Ein konkretes Konzept, wie ein solch universales System für die Arzneimittelversorgung in Zukunft aussehen könnte, existiert bislang noch nicht, wie aus mehreren Berichten kanadischer Zeitungen hervorgeht. Fest steht nach Aussage von Gesundheitsministerin Hajdu nur eines: Die Politiker müssen bei diesem Projekt auch parteiübergreifend zusammenarbeiten.

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