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Positive Psychologie

Strategien gegen die persönliche Corona-Krise

Warum macht Stress wie in der Corona-Krise manche Menschen Krank und andere nicht? Solchen Fragen geht das Leibniz-Institut für Resilienzforschung nach. Experten geben Tipps, wie sich die außergewöhnliche Lebenssituation besser ertragen lässt.
PZ/dpa
11.04.2020  14:00 Uhr

Geduldig und sorgsam mit sich umgehen, gezielt positive Gefühle entwickeln und den Medienkonsum reduzieren – so kommen die Menschen nach Einschätzung von Professor Dr. Klaus Lieb vom Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR) gut durch die Corona-Krise. «Zweimal am Tag Nachrichten schauen (morgens und abends) und sich nicht die ganze Zeit mit Corona beschäftigen, weil das die ganzen negativen Emotionen noch verstärkt», riet der wissenschaftliche Geschäftsführer des renommierten Instituts im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Mainz. Die Menschen sollten sich auch nicht zu sehr mit traurigen Einzelschicksalen befassen, sondern mit Zahlen, Statistiken und ausschließlich mit bestätigten Informationen vertrauenswürdiger Quellen.

Damit die Menschen ohne schwere psychische Krisen und akute Verzweiflungssituationen durch die Corona-Krise kommen, müssten vor allem finanzielle Probleme gelöst werden, forderte Lieb. «Dafür tut der Staat ja auch eine ganze Menge.» Das Gesundheitssystem müsse sich zudem dafür aufstellen, dass nach der Krise Depressionen, Ängste und posttraumatische Störungen behandelt werden könnten. Aus anderen Pandemien sei bekannt, dass diese oft erst Monate später aufträten. Für psychisch Kranke müsse gesorgt werden. «Und es muss aufgepasst werden, dass die Kinder aus benachteiligten Gruppen nicht noch weiter ins Hintertreffen geraten.»

Corona-Krise beschleunigt Entschleunigung

Die Krise biete aber auch viele Chancen, betonte der Wissenschaftler. «Das Positive ist zum Beispiel, dass man inne hält, dass man schaut, was ist eigentlich wesentlich, auf was kommt es an im Leben, was möchte ich eigentlich? Wie möchte ich eine Gesellschaft haben?» Die Krise beschleunige auch positive Entwicklungen wie die Onlineprogramme an den Hochschulen.

Die bereits von der Weltwirtschaftskrise 2008 geprägten jungen Leute erlebten nun die Corona-Krise. «Das wird dazu führen, dass es über gesellschaftliche Lebensformen, Globalisierung, Gerechtigkeiten im Gesundheitssystem und der Verteilung von Gütern größere Diskussionen geben wird», sagte Lieb.

Wie sich Menschen in der Isolation, im Homeoffice, der Quarantäne und auf engem Raum am wohlsten fühlen, sei individuell ganz verschieden. «Die Ausgangsbedingungen jedes einzelnen und der Werkzeugkasten sehen unterschiedlich aus», sagte Lieb. «Sich zurückerinnern an frühere Bewältigungen von Krisen kann sehr hilfreich sein.» Als Beispiele nannte der Forscher eine Einsamkeitskrise nach einer Trennung und den Stress nach einer Entlassung im Beruf.

Neue Routinen brauchen Zeit

Nachsichtig mit sich selbst sein Wichtig sei es jetzt, die negativen Gefühle und den Stress zu akzeptieren – und den Blick dann aber ins Positive zu wenden, ohne sich dabei unter Druck zu setzen. «Man sollte geduldig und nachsichtig mit sich sein und nicht noch mehr Stress entstehen lassen, weil man seinem ehrgeizigen Tagesplan nicht hinterher kommt», sagte Lieb. Um mit neuen Routinen, etwa im Homeoffice, klar zu kommen, brauche es Zeit. Bis eine Verhaltensänderung sich richtig eingespielt habe, seien eigentlich mindestens drei Monate Übung notwendig – «das muss man wissen, um nicht ständig von sich enttäuscht zu sein».

Soziale Kontakt ließen sich vorübergehend auch gut über Video oder Telefon pflegen, sagte Lieb. «Man kann auch mal wieder einen Brief schreiben.» Zwar sei die Isolation gerade für ältere Menschen schwierig. «Viele Enkel rufen ihre Großeltern jetzt viel häufiger an als sonst.» Und es gebe zudem eine große Solidarität und Unterstützung in der Bevölkerung. Schwierig sei dies allerdings für die Menschen in Alten- und Pflegeheimen, wenn keinerlei Besuch mehr erlaubt sei.

Die Mehrheit der Bevölkerung glaube nach Befragungen des LIR, die Krise bewältigen zu können, sagte Lieb. Allerdings fühlten sich gerade ältere Menschen, die noch die Nachkriegszeit erlebt hätten, eher gewappnet und verhielten sich daher oft unvorsichtig, obwohl sie zur Risikogruppe zählten. Das müsse man dieser Bevölkerungsgruppe immer wieder deutlich machen

Für sich selbst und andere sorgen

Auch die Glücksforscherin Professor Dr. Michaela Brohm-Badry von der Universität Trier rät von einer Dauerberieselung mit Negativem ab. Aus ihrer Sicht sind Angst und Traurigkeit die Gefühle, die die Menschen derzeit vor allem bestimmen: «Dies liegt zum größten Teil daran, dass sie spüren, die Situation nicht mehr kontrollieren zu können», sagte Brohm-Badry der dpa. «Und dieser Kontrollverlust verstärkt die negativen Gefühle

Umso wichtiger sei es jetzt, den Blick auf den «kleinen eigenen Bereich» zu lenken, den man noch steuern könne: «Es geht darum, sich um sich selbst und um andere zu kümmern.» «Selbstsorge» meine, sich dem zu widmen, was einem trotz der schweren Zeit wirklich gut tue: zum Beispiel ausreichend Schlaf, gute Nahrung, Bewegung, schreiben, lesen oder Musik machen, sagte Brohm-Badry, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung ist.

Wichtig sei, sich auch zu schützen, indem man etwa nicht permanent Neuigkeiten zu der Entwicklung der Corona-Pandemie verfolge. «Die Dauerberieselung mit Negativem ist das Schlimmste für die Psyche. Wenn man immer wieder schaut, wie sind die Zahlen. Das ist viel zu viel.» Daher empfiehlt auch Brohm-Badry, den Nachrichtenkonsum auf ein- bis zweimal pro Tag zu beschränken.

Es gebe viele Untersuchungen, die zeigten, dass «in Krisensituationen das Beste im Menschsein an die Oberfläche befördert wird», sagte Brohm-Badry. Aus der «Selbstsorge» und aus der «Fremdsorge» könne man Freude ziehen. «Bindungen stärken – das ist im Moment ganz wichtig. Das Sprechen hilft ja auch gegen die Angst», sagte die Professorin.

Als sinnvollen Ausgleich zur Dauerbeschäftigung mit dem Coronavirus empfiehlt der Naturschutzverband BUND den Gang in die Natur. «Wenn sich alles um diese Krise dreht, ist die Beschäftigung mit der Natur eine gute Gelegenheit, etwas Anderes und Sinnvolles zu tun», sagt die rheinland-pfälzische BUND-Landesvorsitzende Sabine Yacoub. «Der Blutdruck sinkt, wenn man frei in der Natur unterwegs ist.» Und mit dem Anlegen von Nisthilfen im Garten oder auf dem Balkon könne jeder einen Beitrag zur Erhaltung gefährdeter Arten leisten.

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