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Wundinfektionen

Stiche, Schweiß und andere Sommerplagen

Die Haut steht im Sommer vermehrt unter Beschuss. Insektenstiche, Schweiß und vermehrte Outdoor-Aktivitäten wie Schwimmen in Badeseen erhöhen das Risiko für Verletzungen und Wundinfektionen. Ein Fall für die Selbstmedikation.
Judith Schmitz Elke Wolf
28.07.2021  07:00 Uhr

Für blutsaugende Insekten wie Stechmücken ist der Sommer aufgrund ihrer Biologie Vermehrungszeit und damit Essenszeit. Sobald das Mückenweibchen befruchtet ist, muss es Proteine (Hämoglobin) und Eisen zu sich nehmen, ansonsten können sich die Eier nicht entwickeln. Diese Nährstoffe hole sich das Weibchen aus menschlichem Blut, erklärt Professor Dr. Matthias Augustin vom Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Die Tatsache, dass sich der Mensch quasi auf dem Präsentierteller – im Freien, leicht bekleidet mit T-Shirt und nackten Beinen – präsentiert, macht es den Insekten leicht, Nahrung zu finden.

Augustin rät bei einem Insektenstich, die Einstichstelle zunächst mit sauberem, kaltem Wasser abzuspülen und mit Coolpacks oder umwickelten Eiswürfeln zu kühlen. Verbleibt ein Juckreiz, lässt sich dieser mit einem Gel oder Spray lindern. Bamipin (zum Beispiel Soventol®), Dimetinden (Fenistil®), Clemastin (Tavegil®) oder Chlorphenoxamin (Systral®) wirken abschwellend. Gelgrundlagen oder Roll-on-Stifte wirken zusätzlich kühlend (wie Autan® Akut Gel oder Fenistil® Kühl Roll-on). Zubereitungen mit 0,25 oder 0,5 Prozent Hydrocortison (wie Fenihydrocort®) nehmen die Entzündung, sollten aber nicht bei Kindern unter sechs Jahren zum Einsatz kommen.

Auch Hitze statt Kälte nach einem Stich ist möglich: Durch die Applikation von konzentrierter Wärme mithilfe eines elektrischen, stiftförmigen Gerätes (wie Bite Away®) sollen die Bestandteile des Insektengiftes zersetzt und die Histaminausschüttung unterbunden werden. Wer den Juckreiz unterdrückt, unterbindet zumindest Kratzattacken und vermeidet dadurch die Infektionsgefahr. Ein antiseptisches Wundgel (wie Medigel® schnelle Wundheilung, Fenistil® Wundheilgel, BepanGel® Wundgel) beugt dem zusätzlich vor.

Wenn es dick kommt

Mitunter zeigt so mancher Gestochener auch ohne allergische Vorgeschichte eine verhältnismäßig heftige Reaktion. Die Stelle schwillt stark an, wird feuerrot, glüht und schmerzt und heilt auch nicht komplikationslos ab. Dann empfiehlt sich der Gang zum Hausarzt. Orale Antihistaminika und rezeptpflichtige Glucocorticoide, zum Beispiel als Schüttelmixtur mit Zinkoxid und Triamcinolonacetonid, oder auch Antibiotika können erforderlich werden.

Es existieren mehrere Theorien, was hinter diesen heftigen Reaktionen auf vermeintlich banale Insektenstiche stecken könnte. Wissenschaftler glauben, dass vor allem in ländlichen Regionen, wo die Mücken mehr Kontakt mit tierischen Ausscheidungen haben, Keime über die Insekten in die Wunde gelangen können. Möglicherweise spielen auch Schadstoffe im Mückenspeichel eine Rolle: Befinden sich darin beispielsweise Insektizide, gegen die die Blutsauger mittlerweile resistent sind, könnte das verstärkt entzündliche Reaktionen auslösen. Waren exotische Mücken, deren Anzahl auch hierzulande immer größer wird, für den Stich verantwortlich, ist das Risiko für unverhältnismäßig dicke Quaddeln ebenfalls erhöht.

Schweiß reizt

Im Sommer ist die Haut per se anfälliger für Infektionen als zu anderer Jahreszeit, bestätigt Professor Augustin. Schwitzen und Sommerhitze können sie irritieren und dabei anfällig für Ausschläge machen. Geschieht dies im Bereich von Hautfalten, etwa unter der Brust oder an den Leisten, spricht man von einer Intertrigo.

Konkret schmiegt sich Haut an Haut und erzeugt dabei Reibung mit resultierender Hautirritation – Rötungen, kleine Pickelchen, teils juckende, teils brennende Hautareale. Da die Luft dort nicht zirkulieren kann, können die feuchten Stellen nicht trocknen. Das lässt die Haut mazerieren. Eine behandlungsbedürftige Sekundärinfektion mit Candida albicans oder Streptokokken kann entstehen.

Meist ist die Intertrigo laut Augustin jedoch eine harmlose Entzündung ohne Bakterienbeteiligung. Zur Behandlung empfiehlt sich luftige, lockere Baumwollkleidung, die die Luftzirkulation verbessert. In die entsprechenden Hautfalten kann man in Streifen geschnittene Mullkompressen oder ein gefaltenes Leinentuch legen, um die Feuchtigkeit zu binden und die Reibung zu vermindern. Babypuder oder Talkum sollten nur zur Anwendung kommen, wenn die Haut keine offenen Stellen zeigt.

Gegen die Hautirritationen zeigen Zinkoxid-haltige Salben (wie Mirfulan® Wund- und Heilsalbe, Desitin® Salbe, Zinkpaste LAW) eine gute Wirkung. Zinkoxid sorgt dafür, dass Feuchtigkeit von den betroffenen Hautstellen ferngehalten wird, vermittelt also einen gewissen Barriereeffekt. Bei Candida-Besiedlung kann Zinkoxid mit einem Antimykotikum wie Nystatin kombiniert werden (wie Multilind® Heilsalbe, Mykoderm® Heilsalbe, Candio Hermal®). Halten sich die Beschwerden trotz diverser Selbstbehandlungsversuche und Ratschläge aus der Apotheke, ist der Dermatologe aufzusuchen.

Irritation aus dem Wasser

Und wie sieht es mit Gefahren für die Haut in heimischen Gewässern wie Badeseen, Nord- und Ostsee aus? Tatsächlich gibt es verschiedene Erreger, die natürlicherweise in den Gewässern vorhanden sind. Die Wasserqualität wird jedoch gemäß der EU-Badegewässerrichtlinie fortwährend überprüft. Werden erregertypische Grenzwerte überschritten, wird der Badebereich für eine bestimmte Zeit gesperrt. »In der Regel sind unsere Badegewässer sauber«, sagt der Zoologe Dr. Andreas Bick von der Universität Rostock.

Steigt der Nährstoffgehalt in Gewässern, können sich Cyanobakterien (früher Blaualgen) massenhaft vermehren, meist im Flachwasser. Das Wasser sieht dann grün aus. Einige Arten produzieren für den Menschen giftige Cyanotoxine. Wird Wasser mit einer hohen Cyanotoxin-Konzentration verschluckt oder gelangt es in die Atemwege, können die Toxine für Übelkeit, Durchfall oder Entzündungen von Hals, Augen und Ohren sorgen. Treten nach dem Baden Beschwerden auf, sollte man einen Arzt aufsuchen und das Gesundheitsamt informieren. Tipp: Wer knietief im Wasser steht und die Füße wegen einer Trübung nicht sieht, verzichtet besser auf das Baden.

Auch Zerkarien können Beschwerden auslösen. Die winzigen Larven von Saugwürmern kommen gelegentlich in deutschen Badegewässern vor, in denen sich viele Wasservögel aufhalten. Die Wurmeier gelangen über Vogelkot ins Wasser, wo sie im Uferbereich lebende Schnecken als Zwischenwirt infizieren. In ihnen entwickeln sich die Zerkarien zahlreich und schwärmen bei lang anhaltendem Sommerwetter mit Wassertemperaturen über 20 °C aus, um ihren Endwirt zu suchen: Enten und andere Wasservögel. Dabei bohren sie sich manchmal irrtümlicherweise in Menschenhaut. Hier sterben sie zwar kurze Zeit später ab, können aber eine sogenannte Zerkariendermatitis auslösen. Bei Erstkontakt entstehen kleine rote Pusteln, bei mehrmaligem Kontakt größere juckende Quaddeln.

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