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Augenverletzungen

Sport und Feuerwerk als Augenkiller

Etwa 300.000 Augenverletzungen ereignen sich jedes Jahr in Deutschland, die meisten passieren in der Freizeit. Etwa 5 Prozent der Patienten tragen bleibende Schäden davon. Was tun bei einem Unfall?
Brigitte M. Gensthaler
09.10.2020  08:30 Uhr

Die gute Nachricht zuerst: Die Häufigkeit von Augenverletzungen geht insgesamt zurück und bis zu 95 Prozent der Verletzungen sind leicht und können ambulant behandelt werden. Aber: Die restlichen 5 Prozent sind schwer und führen häufig zu lebenslanger Behinderung. Dazu gehören jährlich etwa 3200 Unfälle, bei denen der Augapfel eröffnet wird, und etwa 200 schwerste Verätzungen. Soweit die Zahlen des Berufsverbands der Augenärzte.

»Nur 20 bis 30 Prozent aller Augenverletzungen ereignen sich am Arbeitsplatz. Der Schwerpunkt liegt heute im Freizeitbereich«, berichtete Professor Dr. Wolfgang Schrader, Chefarzt der Abteilung für Augenheilkunde an der Rotkreuzklinik Würzburg, bei einer Pressekonferenz zum Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). Männer hätten sieben Mal häufiger Augenverletzungen als Frauen; dies kehre sich erst ab einem Alter von 85 Jahren um. Dann seien meist Frauen betroffen, vor allem infolge von Stürzen.

Unfallopfer sollten umgehend einen Augenarzt aufsuchen. »Nur unterm Mikroskop kann entschieden werden, ob es sich um eine leichte oder eine ernsthafte Verletzung handelt«, so Schrader. Beispielsweise könnten Augapfelprellungen glimpflich aussehen, aber in etwa 10 Prozent der Fälle schwere Komplikationen wie Glaukom oder Netzhautschäden nach sich ziehen.

Bei Verätzungen notfalls mit Limo spülen

Die Erstversorgung sei besonders wichtig bei Verätzungen am Auge, betonte der Arzt. Neben Kalk und Natronlauge sind Industriereiniger, hochkonzentrierte Waschmittel und Flusssäure wichtige Auslöser von Verätzungen.

Wichtigste Erstmaßnahmen: Krankenwagen rufen, möglicherweise ätzende Partikel mechanisch aus dem Auge entfernen und ausgiebig mit Wasser spülen. »Spülen, spülen, spülen – das ist vor allem in den ersten Minuten essenziell. Notfalls geht es auch mit Limo oder Bier.« In der Klinik wird das Auge noch mit Speziallösungen gespült. »Damit kann man die Rate der schweren Verätzungen um 75 Prozent senken«, berichtete Schrader.

Schutzbrille bei Squash und Golf

Da die meisten Unfälle heute in der Freizeit, beim Sport oder Heimwerken passieren, mahnte der Arzt zu besseren Sicherheitsmaßnahmen. Damit könne man 90 Prozent der Augenverletzungen vermeiden. »Motorbetriebene Geräte für die Werkstatt und den Garten sollten nur mit geeignetem Augenschutz und Sicherheitshandschuhen verkauft werden. Bei jedem Gebrauch unbedingt Brille aufsetzen.«

Sportverletzungen hängen stark von der Art des Sports ab, informierte Dr. Ameli Gabel-Pfisterer vom Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. So entstünden spitze Verletzungen durch Dartpfeile, während Squash und Minigolf klassische Auslöser von stumpfen Verletzungen sind. Warum ist Squash so gefährlich? »Das liegt am ungünstigen Größenverhältnis des Balls, der nicht am Knochen aufprallt, sondern ungehindert zum Augapfel vordringen kann.« Daher empfehlen Augenärzte eine Schutzbrille beim Squash, aber auch beim Golf; dies sei in England und den USA bei Turnieren schon zwingend vorgeschrieben.

Opfer von Sportverletzungen der Augen sind übrigens zu 75 Prozent Männer. Dies gilt auch für Feuerwerksverletzungen.

Gerät ein Feuerwerk außer Kontrolle, entstehen oft Kombiverletzungen durch mechanische Gewalt, Hitze und chemische Stoffe. Kinder und Jugendliche sind oft die Leidtragenden. »Ihr Anteil an diesen Unfällen beträgt 40 Prozent«, berichtete Gabel-Pfisterer aus Umfragen, die sie regelmäßig in deutschen Augenkliniken zu Verletzungen durch Silvester-Feuerwerk macht. Während bei Kindern meist Knallkörper die Ursache sind, stehen bei Erwachsenen Raketen im Vordergrund. Etwa 17 Prozent der Kinder hätten zusätzlich Handverletzungen. Rund die Hälfte aller Unfälle durch Böller & Co. betrifft Zuschauer und Passanten.

Ein Viertel aller Feuerwerks-Augenverletzungen sei schwer und müsse in der Klinik behandelt werden. Dazu zählen schwere Oberflächenverletzungen, stumpfe Augenprellungen oder Zerreißungen des Augapfels. »Trotz intensiver Therapie heilen diese nur mit bleibenden Schäden ab«, erläuterte Gabel-Pfisterer. Schwer verletzte Patienten hätten nach Abschluss der Behandlung nur noch eine mittlere Sehschärfe von 20 Prozent.

Die Augenärztin plädierte nachdrücklich für Aufklärung und Prävention. »In Holland hat allein die Verkürzung der Zeiten, in denen private Feuerwerke gezündet werden dürfen, die Verletztenzahlen halbiert.« Die Augenärzte wollen zudem eine öffentliche Diskussion über die Notwendigkeit von privatem Feuerwerk anregen.

 

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