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Bundestagswahl

SPD will die »Apotheke der Welt« wiederbeleben

Im 19. und 20. Jahrhundert verdiente sich Deutschland das Prädikat die »Apotheke der Welt« zu sein. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Arzneimittelproduktion aber immer weiter in Richtung Asien verdrängt. Mit Blick auf das Wahlprogramm zur Bundestagswahl will der SPD-Parteivorstand nun dafür sorgen, dass die Bundesrepublik wieder zu einem Innovations- und Produktionsmotor im Arzneimittelbereich wird.
Benjamin Rohrer
09.02.2021  13:35 Uhr

Nicht zu Unrecht erarbeitete sich Deutschland schon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Bezeichnung »die Apotheke der Welt«. Denn hierzulande waren es in einigen Beispielen Apotheken (Merck, Schering), die für ihre Arzneimittelproduktion professionalisierte und eigene Herstellbetriebe aufbauten. Hinzu kamen andere Unternehmen aus der Chemikalien-Industrie, wie beispielsweise Bayer oder Hoechst, die damals in die Medikamentenproduktion einstiegen. Aber auch im Bereich der Forschung tat sich damals einiges: Ende des 19. Jahrhunderts wurden einige wichtige Innovationen aus Deutschland auf den Weltmarkt gebracht, wie beispielsweise Aspirin.

Doch inzwischen hat dieses Bild der »Apotheke der Welt« gelitten. Natürlich haben einige wichtige Pharmakonzerne, wie etwa Bayer oder Merck, ihren Hauptsitz weiter in Deutschland und arbeiten hierzulande weiter an wichtigen Innovationen. Andererseits hat sich fast die komplette Arzneimittelproduktion ins Ausland verlagert, weil dort mit Blick auf die extremen Niedrigpreise in den Generika-Rabattverträgen günstiger hergestellt werden kann. Das BASF-Werk in Ludwigshafen, wo in Massen Ibuprofen produziert wird, ist somit eines der wenigen Beispiele einer Arzneimittelherstellung in Deutschland mit internationaler Marktrelevanz.

Abhängigkeiten von Asien reduzieren

Die Coronavirus-Krise hat nun dazu geführt, dass die Politik die Versorgungssituation im Arzneimittelbereich wieder stärker fokussiert. Schon länger wird gefordert, dass die Abhängigkeit von asiatischen Produktionsstätten reduziert werden und wieder mehr in Europa produziert werden sollte. Schon vor der Pandemie hatte das Beispiel der Valsartan-Verunreinigungen auf diese Problematik aufmerksam gemacht. Aber auch die gleichbleibend schwierige Lage bei den Arzneimittel-Lieferengpässen hat in den vergangenen Jahren aufgezeigt, dass die EU-Staaten gerne wieder mehr Einfluss auf die Arzneimittelproduktion und somit auf die -versorgung haben würden.

Der SPD-Parteivorstand will dafür sorgen, dass genau dieser Sachverhalt zu einem wichtigen Punkt im Wahlprogramm zur Bundestagswahl wird. Der PZ liegt ein Beschluss des Vorstands vor, der unter dem Titel »Zukunftsmissionen« läuft und in dem die SPD-Spitze mögliche Themen für das Wahlprogramm skizziert. Im gesundheitspolitischen Teil geht der SPD-Vorstand auf das Coronavirus ein und erklärt, dass das Beispiel des mRNA-Impfstoffs von Biontech gezeigt habe, dass die »gezielte Förderung von Innovationen und neuen Methoden erfolgreich sein kann«.

SPD-Vorstand will die besten Arzneimittel-Innovationen in Deutschland

Daraus wird die Forderung abgeleitet: »Deutschland muss wieder zur einer ‚Apotheke der Welt‘ werden und seine Innovationskraft einsetzen, um Krankheiten zu bekämpfen. Wir wollen die besten Medikamente und besten medizinischen Produkte entwickeln und werden deswegen in die Forschung, auch im Bereich der personalisierten Medizin weiter investieren.« Eines der SPD-Ziele sei die »Standardisierung der Entwicklungsmethoden der personalisierten Medizin«, so dass diese zu erschwinglichen Preisen für alle zugänglich werde. Und weiter: »Die ‚maßgefertigten Produkte‘ statt der ‚Präparate von der Stange‘ sind Anfang einer neuen Gesundheitswirtschaft und eine neue Zeit der adaptiven Zulassung von Medikamenten. Personalisierte Medizin bewirkt eine Veränderung im Verhältnis von Behandlung und Diagnostik.«

Auf die Versorgung durch Apotheken geht der SPD-Vorstand nicht konkret ein. Recht grob heißt es lediglich, dass die Versorgung überall und für jeden gut zugänglich sein müsse. Klinken sollten sich öffnen, um in der ambulanten Versorgung mitwirken zu können. Des Weiteren will die SPD mehr in die Prävention investieren, außerdem bleibt sie – wie im Wahlkampf vor der Bundestagswahl 2017 – bei dem Modell der »Bürgerversicherung«.

In den vergangenen Monaten hatte die SPD auch ihre Mitglieder zu den möglichen Inhalten eines Wahlprogramms befragt. Derzeit arbeitet die Parteizentrale an einem ersten Entwurf für das Programm. Ende März kommen die Delegierten zu einem außerordentlichen Parteitag zusammen, auf dem das Programm dann beschlossen werden soll. In den aktuellen Wahlumfragen rangiert die SPD derzeit bei etwa 15 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2017 hatten die Sozialdemokraten etwas mehr als 20 Prozent der Wahlberechtigten überzeugt.

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