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Interview Andreas Arntzen

»Spahns Aussagen sind diffamierend«

Seit der vergangenen Woche kooperiert das Bundesgesundheitsministerium mit dem IT-Konzern Google. Wenn sich Patienten via Google über Krankheiten informieren, sehen sie nun zuerst immer die Informationen des Ministeriums. Die Medienverlage sehen einen Eingriff in die Pressefreiheit. Im Gespräch mit der PZ erklärt Andreas Arntzen, Chef des Wort&Bild-Verlages, warum Spahns Vorgehen gerade für Verlage im Gesundheitswesen ein Affront ist.
Benjamin Rohrer
16.11.2020  11:00 Uhr

PZ: Herr Arntzen, nachdem das Bundesgesundheitsministerium seine Kooperation mit Google bekanntgegeben hat, haben sich der Verband der Zeitschriftenverleger (VDZ) und Medienhäuser wie der Wort&Bild-Verlag sofort öffentlich beschwert. Sie prangern eine Einschränkung der Pressefreiheit an. Worum geht es Ihnen?

Arntzen: Das Vorgehen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist ein noch nie da gewesener Eingriff des Staates in die grundgesetzlich vorgeschriebene Trennung von Staat und Verlag.  Es ist völlig unverständlich, wieso die Politik die Pressefreiheit bei Gesundheitsinformationen gefährdet. Niemand käme auf die Idee, beim Google-Suchergebnis das Bundespresseamt bei Politikthemen zu bevorzugen. Journalisten müssen unabhängig vom Staat arbeiten können und ihre Erkenntnisse ohne Eingriffe des Staates darstellen können. Ich habe aber auch mehrere inhaltliche Probleme mit dem Vorgehen des Ministers.

PZ: Die wären?

Arntzen: Herr Spahn hat erklärt, dass Bürger durch die prominente Listung seines Gesundheitsportals jetzt evidenzbasierte Informationen zu Krankheiten leicht verständlich und schnell beziehen könnten. Das gibt es längst, und auch nicht nur von uns. Die Aussage von Minister Spahn ist für die Arbeit zahlreicher Verlage und deren Redakteure, darunter viele Ärzte und Apotheker, die sich seit Jahrzehnten eine Expertise erarbeitet haben und hervorragende Leistungen erbringen, diffamierend. Er beauftragt eine Berliner Digital-Agentur, die hier verlässlicher sein soll als ein Verlag, der wie wir seit 60 Jahren Gesundheitsinformationen leicht verständlich und nach strengsten Qualitätskriterien aufbereitet.   

Arntzen: Warum soll eine Berliner Agentur das besser können als wir?

PZ: Sie stört es also, dass das BMG den Betrieb dieses Gesundheitsportals an eine externe Agentur herausgegeben hat?

Arntzen: Ganz davon abgesehen, dass das Millionen Euro an Steuergeldern kostet, wüsste ich nicht, warum eine nicht auf Gesundheit spezialisierte Digital-Agentur evidenzbasierter arbeiten sollte. Sie müssen ja auch bedenken, dass Hr. Spahn damit nicht nur die Verlage im Gesundheitswesen diskreditiert, sondern auch staatliche Institute wie das Robert-Koch-Institut oder das IQWiG.

PZ: Sie betreiben ja nicht das einzige Portal, das es sich zum Ziel gesetzt hat, Gesundheitsinformationen patientengerecht aufzubereiten. Allein im Apothekenmarkt gibt es mit aponet.de mindestens ein weiteres solches Portal. Warum meinen Sie, dass der Wort&Bild-Verlag besonders betroffen ist?

Arntzen: Es betrifft natürlich auch andere Portale wie aponet.de oder netdoktor.de, aber uns besonders stark. Wir investieren sehr viel Engagement, Geld und Know-How in unser Angebot. Inzwischen gehört apotheken-umschau.de bei eigentlich allen gesundheitlichen Themen zu den bei Google zuerst genannten Einträgen. Wir arbeiten mit einem Wissenschaftlichen Beirat zusammen, der Themen auch verhindern kann, beispielsweise weil sie zu unausgewogen sind. Wenn jetzt der Staat kommt und den Bürgern erklärt, dass die einzig verlässliche Information der Staat selbst anbietet, dann ist das geschäftsschädigend. Schließlich verlieren wir hierdurch an Reichweite.   

»Es gibt schon hochwertig aufbereitete Informationen«

PZ: Es geht Ihnen also nur um die möglicherweise verlorenen Werbegelder?

Arntzen: Nein. Es geht um die bestmögliche Information der Bürger/innen und Rechte und Freiheiten. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und am wichtigsten: Die User haben ein Recht, ungefilterte Informationen zu erhalten. Wie schon beschrieben, sehe ich natürlich auch eine seit Jahrzehnten etablierte Reputation in Gefahr. Für mich gibt es ganz einfach keinen Grund, da mit Hilfe eines US-amerikanischen IT-Konzerns staatlich einzugreifen. Es gibt einige Verlage, die diese komplexen Informationen schon heute ohne jeglichen Einfluss hochwertig aufbereiten und die Bevölkerung hervorragend mit genau den seriösen Informationen versorgen, die sich der Gesundheitsminister wünscht. Wozu muss das BMG jetzt ergänzend noch einmal erklären, was z.B. Migräne ist.

PZ: Das BMG hält übrigens dagegen, dass die eigentlichen Suchergebnisse ja trotzdem angezeigt werden. Und das stimmt auch: Wenn Sie »Migräne« beispielsweise suchen, erhalten Sie die staatlichen Informationen rechts an der Seite – die Suchergebnisse werden weiterhin aufgelistet…

Arntzen: Das stimmt nur sehr bedingt. Wenn Sie z.B. auf einem mobilen Endgerät suchen, zeigt Google erst einmal bildschirmfüllend nur das staatliche Ergebnis. Erst darunter werden dann die freien Informationen gezeigt. Google als auch das BMG sollten wissen, dass der Zugriff via mobilen Endgeräten seit über zwei Jahren über der stationären Internetnutzung liegt. Diese Argumentation hätte man sich also ersparen können.

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