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UV-Filter

Sonnenschutz mit Risiko?

Sonnenschutzmittel halten mit chemischen oder physikalischen Filtern schädliche UV-Strahlung von der Haut fern. Einige der verwendeten Substanzen halten Kritiker für bedenklich. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt aber Entwarnung: Zugelassene Kosmetikinhaltsstoffe in der EU seien sicher.
Nicole Schuster
27.06.2020  08:00 Uhr

Nicht nur im Sommer lieben es viele Menschen, sich die Sonne auf den Körper scheinen zu lassen. Die Schattenseite des Genusses: Ultraviolette (UV-)Strahlung schädigt die Haut und erhöht das Krebsrisiko. Zum Schutz sollten Sonnenanbeter darauf achten, unbedeckte Bereiche ausreichend mit Sonnencreme einzureiben.

Sonnenschutzmittel enthalten verschiedene Arten von UV-Filtersubstanzen. Die Filter halten ein bestimmtes Spektrum an UV-Strahlung von der Haut fern. Einige von ihnen absorbieren nur UVA- oder UVB-Strahlung, andere beide Arten von Strahlung (Breitbandfilter). Der Schutz vor den sonnenbrandauslösenden UVB-Strahlen ist dabei wichtiger als der Schutz vor UVA-Strahlen, die die Hautalterung beschleunigen.

Bei der Beratung in der Apotheke ist der Hinweis wichtig, dass sich der Lichtschutzfaktor (LSF) nur auf die UVB-Strahlung bezieht. Ein UVA-Siegel auf der Verpackung zeigt an, dass das Produkt auch vor UVA-Strahlen schützt und zwar mit mindestens mit einem Drittel des UVB-Schutzes. Der UVA-Faktor ist auch als Persistent Pigment Darkening (PPD) bekannt.

Chemisch oder physikalisch

UV-Filter können organisch-chemisch oder mineralisch sein. Bei den chemischen Substanzen handelt es sich häufig um Derivate von Campher, Salicylsäure oder Zimtsäure. Sie absorbieren die UV-Strahlung und wandeln sie in andere Energieformen, meistens Wärme, um.

Anorganische UV-Absorber hingegen, die auch als mineralische Filter bezeichnet werden, reflektieren wie ein winziger Spiegel das Sonnenlicht. Dafür setzen Hersteller feine Partikel aus Titandioxid- oder Zinkoxid ein. Die kleinen Teilchen sind auf der Haut sichtbar und ermöglichen so eine gute Auftragskontrolle. Verbraucher kann aber stören, dass die Produkte einen deutlich erkennbaren weißen Film erzeugen. Die Hersteller setzen daher heute möglichst kleine Teilchen, nämlich Nanopartikel, ein, um das »Weißen« zu reduzieren.

Nanopartikel wiederum lehnen einige Menschen ab, da noch nicht ausreichend bekannt ist, was sie im Körper bewirken; zudem gelten sie als Belastung für die Umwelt. In Sonnenschutzprodukten eingesetzt, geht man jedoch davon aus, dass sie nicht durch die oberen Hautschichten dringen und somit auch nicht in den Körper gelangen. Vorsichtshalber sollten besorgte Eltern Produkte mit Nanopartikeln für Babys und kleine Kinder nicht verwenden.

Wichtig für die Anwendung ist in jedem Fall, dass die Cremeschicht ausreichend dick ist. Ein Vorteil von mineralischen Filtern ist, dass diese nicht zerfallen und keine allergischen Reaktionen auslösen. In zertifizierter Naturkosmetik dürfen Hersteller ausschließlich mineralische Filter einsetzen.

In vielen Produkten kombinieren die Hersteller verschiedene UV-Filter. Das ist sinnvoll, da die meisten Filter nicht vor dem gesamten UV-Spektrum schützen und die Stoffe sich dann gegenseitig in ihrer Wirkung ergänzen können.

Einsatz von Filtern ist reguliert

Welche Filter in Sonnencremes verwendet werden dürfen, regelt in der EU die Kosmetikverordnung. Eingesetzt werden dürfen ausschließlich Stoffe, die vom Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS) gesundheitlich bewertet wurden und die im jeweiligen Anhang der Kosmetikverordnung genannt sind. Anhang VI listet die zulässigen UV-Filter auf, Anhang V die Konservierungsstoffe.

Klare Empfehlungen zu der Frage, ob ein chemischer oder ein physikalischer UV-Filter besser ist, gibt es nicht. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hält sich aus der Diskussion heraus: »Das BfR spricht keine Empfehlungen hinsichtlich der Inhaltsstoffe kosmetischer Mittel aus, folglich auch keine Empfehlungen zu den Inhaltsstoffen von Sonnenschutzmitteln«, sagt Jürgen Thier-Kundke vom BfR im Gespräch mit der PZ.

Hormonaktiver Schutz?

Einige Wissenschaftler warnen, dass bestimmte chemische Filter möglicherweise hormonaktiv sind. Diese Kritik findet sich auch in der Zeitschrift »Öko-Test«, die gerade ihren Test zu Sonnencremes für Babys und Kinder veröffentlicht hat. Acht der geprüften Sonnencremes verwenden UV-Filter mit den Wirkstoffen Octocrylen und Homosalat, bemängelt das Magazin. Diese stehen im Verdacht, zu den hormonaktiven Chemikalien zu gehören, die auch als endokrine Disruptoren bezeichnet werden.

Thier-Kundke gibt jedoch Entwarnung: »Die beiden genannten UV-Filter sind nach wie vor in Anhang VI der Kosmetikverordnung gelistet und damit als gesundheitlich unbedenklich bewertet.« Er verweist auf einen Review der EU-Kommission aus dem November 2018 zu Substanzen mit endokrinen Eigenschaften. Darin habe sich die Kommission verpflichtet, eine Liste von potenziellen endokrinen Disruptoren anzulegen, die im Kosmetikrecht noch keiner Regulation unterliegen. »Homosalat und Octocrylen stehen zwar auf dieser Liste der zu überprüfenden Substanzen. Das heißt aber noch nicht, dass ein gesundheitliches Risiko belegt ist«, betont der Experte.

Speziell bei Schwangeren oder Babys und Kindern kann das Apothekenteam vorsichtshalber Produkte mit mineralischen Filtern empfehlen. Denn wie eine aktuelle Studie im Fachjournal »JAMA« erneut zeigen konnte, gibt es Hinweise, dass Homosalate und Octocrylene, aber beispielsweise auch Avobenzone durch die Haut in den Körper penetrieren könnten (DOI: 10.1001/jama.2019.20747).

Die Autoren von »Öko-Test« verteilten zudem Minuspunkte, wenn in Produkten Polyethylenglykole (PEG) beziehungsweise PEG-Derivate enthalten waren. Diese Substanzen machen die Haut durchlässiger. Des Weiteren ist zu beachten, dass einige chemische UV-Absorber nicht photostabil sind und unter UV-Strahlung zerfallen. Ihre Schutzwirkung lässt rasch nach; außerdem können die Zerfallsprodukte hautreizend sein. Ebenfalls unerwünscht sind allergene Substanzen.

Titandioxid in der Diskussion

Bedenken werden zudem immer wieder gegen die Verwendung von Titandioxid in Sonnenschutzmitteln geäußert, da dieses mutmaßlich krebserregend sei. Thier-Kundke betont jedoch, dass der Ausschuss für Risikobewertung der europäischen Chemikalienagentur lediglich empfohlen habe, inhalatives Titandioxid als CMR-Stoff der Kategorie 2 einzustufen. Das bedeutet, dass ein Verdacht auf eine krebserzeugende Wirkung beim Einatmen besteht. »Diese Bewertung bezieht sich auf die reine Chemikalie, nicht aber auf Produkte oder Zubereitungen wie Sonnenschutzmittel«, so der Experte. Titandioxid sei in Anhang VI der Kosmetikverordnung gelistet und dürfe damit als UV-Filter in kosmetischen Mitteln verwendet werden. In Sprays, die lungengängige Tröpfchen abgeben, dürften aber zum Beispiel keine Titandioxid-Nanopartikel erhalten sein, da diese inhaliert werden könnten.

Verantwortung der Hersteller

Viele Verbraucher beunruhigt es, dass sich kritisierte UV-Filter heutzutage nicht nur in Sonnenschutzmitteln finden, sondern auch in zahlreichen Make-up-Produkten, etwa in Lippenstiften. Daraus können die Stoffe potenziell auch beim Lecken über die Lippen oder auf anderen Wegen in den Körper gelangen. Wissenschaftler haben problematische Filter zudem in Fließgewässern und in Fischen nachgewiesen. Fische wiederum gelangen als Nahrung in unseren Körper. Ins Wasser kommen die Substanzen über das Haushaltsabwasser oder wenn Menschen mit eingecremter Haut in Gewässern baden.

Der BfR-Sprecher nimmt die Hersteller in die Verantwortung: »Sonnenschutzmittel und ihre Inhaltsstoffe dürfen nicht die Gesundheit gefährden. Es ist die Aufgabe der Hersteller und des Handels, dafür zu sorgen, dass ihre Produkte den gesetzlichen Anforderungen entsprechen.«

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