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RET-Hemmer Selpercatinib und Pralsetinib

Neue Klasse von Kinasehemmern

Ist eine Veränderung im RET-Gen nachgewiesen, können Ärzte bei bestimmten Krebsformen auf RET-Kinasehemmer zurückgreifen. In den USA sind zwei Wirkstoffe zugelassen, die dieses Enzym selektiv blockieren. In der EU liegen Zulassungsanträge vor.
Sven Siebenand
09.09.2020  11:48 Uhr

RET ist die Abkürzung für »rearranged during transfection«. Die Bezeichnung »während der Transfektion neu angeordnet« wurde gewählt, weil ursprünglich festgestellt wurde, dass die DNA-Sequenz dieses Gens innerhalb einer bestimmten Zelllinie nach ihrer Transfektion mit DNA aus menschlichen Lymphomzellen neu angeordnet wurde. Das RET-Gen kodiert eine Tyrosinkinase. RET-Veränderungen durch Punktmutationen und Genfusionen wurden bei verschiedenen Krebsarten gefunden. Dabei ermöglichen vor allem RET-Fusionen eine abnormale Expression und Aktivierung der onkogenen Kinase, aber auch bei bestimmten Krebsarten gefundene RET-Punktmutationen können als onkogene Treiber fungieren.

In Studien wurden zunächst Multi-Target-Kinasen, die unter anderem eine hemmende Wirkung auf die RET-Kinase besitzen, untersucht. Dazu gehören bekannte und bereits zugelassene Multikinasehemmer wie Cabozantinib, Vandetanib, Lenvatinib, Sorafenib, Alecitinib und Sunitinib. In den USA sind nun bereits zwei selektive RET-Kinase-Inhibitoren zugelassen: Selpercatinib und Pralsetinib. Das Selpercatinib-haltige Medikament Retevmo® von Eli Lilly war im Mai 2020 die erste Therapie, die speziell für Krebspatienten mit RET-Genveränderungen zugelassen wurde. Infrage kommt das Präparat bei bestimmten Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC), medullärem Schilddrüsenkarzinom oder andere Arten von Schilddrüsenkrebs, wenn Mutationen oder Fusionen im RET-Gen zuvor bei ihnen nachgewiesen wurden. Bei NSCLC sind derartige Fusionen bei etwa 1 bis 2 Prozent der Patienten zu finden, also eher selten. Bei Schilddrüsenkrebs kommen sie aber deutlich häufiger vor.

Seit wenigen Tagen hat Selpercatinib Konkurrenz bekommen. Auch das Pralsetinib-haltige Medikament Gavreto® des Herstellers Roche Pharma wurde von US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA zugelassen. Bislang gilt dies aber nur bei bestimmten NSCLC-Patienten und nachgewiesen RET-Genveränderungen. Gut möglich jedoch, dass auch Pralsetinib die US-Zulassung beim Schilddrüsenkarzinom bekommen wird. Die FDA hat Roche zumindest ein sogenanntes Priority Review gewährt.

Auch der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA beschäftigt sich bereits mit den beiden Arzneistoffen. Wie einer Liste der EMA zu entnehmen ist, haben die Hersteller in der EU einen Zulassungsantrag für ihre Medikamente eingereicht.

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