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HIV-Präexpositionsprophylaxe

Ab 1. September auf Kassenrezept

Ab dem 1. September können gesetzlich Krankenversicherte in Deutschland die medikamentöse Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zum Schutz vor einer HIV-Infektion auf Kassenrezept verordnet bekommen. Die PZ fasst zusammen, was Apotheker über die PrEP wissen sollten.
Annette Mende
30.08.2019
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Als PrEP bezeichnet man es, wenn eine HIV-negative Person zum Schutz vor einer HIV-Infektion vorbeugend antiretrovirale Medikamente einnimmt. Die einzige bislang in dieser Indikation zugelassene Wirkstoffkombination ist Emtricitabin und Tenofovirdisoproxil (Truvada® und Generika). Infrage kommt die PrEP für Personen »mit einem substanziellen HIV-Infektionsrisiko«. Laut den Deutsch-Österreichischen Leitlinien zur HIV-Präexpositionsprophylaxe sind das unter anderem Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), und Menschen mit HIV-positivem Partner, dessen Viruslast nicht ausreichend unter Kontrolle ist.

Dass die PrEP Kassenleistung wird, steht im Terminservice- und Versorgungsgesetz, das Anfang dieses Jahres in Kraft trat. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung einigten sich darauf, dass die Regelung ab 1. September greift. Möglicherweise werden demnächst öfters Kunden mit PrEP-Rezepten in den Apotheken auftauchen: Die Krankenkasse DAK-Gesundheit, die die PrEP bereits seit dem 1. Januar erstattet, teilt aktuell mit, dass im ersten Halbjahr 2019 bereits mehr als 300 Versicherte die Leistung in Anspruch genommen haben.

Nicht jeder Arzt kann eine PrEP zulasten der Krankenkasse verordnen. Voraussetzung ist ein Nachweis der fachlichen Befähigung. Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (dagnä) listet auf ihrer Website HIV-Schwerpunktpraxen auf, die eine PrEP-Begleitung anbieten.

Die empfohlene Dosis beträgt einmal täglich eine Tablette entsprechend 200 mg Emtricitabin und 245 mg Tenofovirdisoproxil zu einer Mahlzeit. Unter dieser kontinuierlichen PrEP sind MSM frühestens am dritten Tag nach dem Einnahmestart vor einer HIV-Infektion geschützt, Frauen dagegen erst am achten Tag. Der Grund ist, dass sich die Wirkspiegel in der Analschleimhaut schneller aufbauen als in der Vaginalschleimhaut. Soll eine PrEP abgesetzt werden, sollten MSM deshalb nach dem letzten ungeschützten Geschlechtsverkehr die Einnahme auch noch mindestens zwei Tage lang fortsetzen und Frauen mindestens sieben Tage lang.

Neben der kontinuierlichen PrEP gibt es auch ein anlassbezogenes Einnahmeschema: zwei Tabletten 24 bis spätestens 2 Stunden vor dem Sex gefolgt von einer Tablette täglich bis zwei Tage nach dem letzten ungeschützten Geschlechtsverkehr. Dieses Einnahmeschema entspricht nicht der Zulassung. Für Frauen mit Vaginalverkehr wird es generell nicht empfohlen. Laut Leitlinie kann es aber bei Männern »im individuellen Fall erwogen werden«. Die Deutsche Aidshilfe hat auf ihrer Website die verschiedenen Einnahmeschemata mit Grafiken anschaulich illustriert.

Da es unter Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil zu einer Verschlechterung der Nierenfunktion kommen kann, darf die PrEP bei Personen mit einer Creatininclearance von unter 60 ml pro Minute nicht eingesetzt werden. Regelmäßige Tests der Nierenfunktion sowie auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten sind während der PrEP vorgesehen und werden von den Krankenkassen erstattet. Ebenfalls dazu gehört eine ärztliche Beratung »unter besonderer Berücksichtigung von Safer-Sex-Praktiken«, und zwar vor der ersten Verordnung. Die Schutzwirkung der PrEP, die in der PROUD-Studie unter realistischen Bedingungen 86 Prozent betrug (»The Lancet« 2016, DOI: 10.1016/S0140-6736(15)00056-2), lässt sich in Kombination mit solchen Praktiken laut Leitlinie auf bis zu 99 Prozent steigern.

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