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Glaukom-Früherkennung

Sehvermögen erhalten, solange es noch da ist

Für das Sehvermögen gilt: Was einmal verloren ist, lässt sich nur selten wiederherstellen. Das Tückische ist, dass Betroffene den Sehverlust oft erst bemerken, wenn bereits viele Nervenzellen untergegangen sind.
Christiane Berg
25.06.2020  17:00 Uhr

Der Erhalt des Augenlichts bewahrt auch die Selbstständigkeit und die Lebensqualität bis ins hohe Alter. Ob regelmäßige Bewegung, vitaminreiche Ernährung oder Einschränkung des Nikotin-Konsums: »Jeder kann für die Gesundheit seiner Augen selbst vieles tun und sein persönliches Risiko für altersbedingte Sehminderungen reduzieren«, betont der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) in einer aktuellen Pressemeldung. Besondere Bedeutung käme hier auch der Früherkennung zu.

Zwar gäbe es immer bessere Möglichkeiten der Therapie von Augenkrankheiten wie der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) oder des Offenwinkel-Glaukoms (eine Form des Grünen Stars). Doch lasse sich zumeist nur das Sehvermögen erhalten, das noch vorhanden ist. Einmal eingetretene Verluste sind nur schwer rückgängig zu machen, warnt der BVA. »Je früher therapiert wird, desto besser sind die Chancen, das Sehvermögen zu erhalten«, hebt der Verband hervor. »Die Früherkennung ist die einzige Möglichkeit, die Erkrankung schon zu einem Zeitpunkt zu entdecken, zu dem es noch nicht zu gravierenden Schäden gekommen ist«, hatte der BVA bereits zu Beginn dieses Jahres noch einmal deutlich gemacht und dabei die gemeinsam mit der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG) erarbeitete neue Leitlinie »Bewertung von Risikofaktoren für das Auftreten des Offenwinkel-Glaukoms« vorgestellt.

Aufgrund ihrer klinischen Erfahrungen sowie einer entsprechenden Nutzen-Risiko-Abwägung empfehlen die Leitlinien-Autoren, allen Personen ab dem 40. Lebensjahr ein Screening auf Glaukom anzubieten. In der Altersgruppe zwischen 40 und 59 Jahren sollte die Untersuchung alle fünf Jahre wiederholt werden, ab dem Alter von 60 Jahren alle zwei bis drei Jahre – vorausgesetzt, dass zusätzlich zum Alter kein weiterer Risikofaktor vorliegt. Dann müssten die Zeiträume zwischen den Untersuchungen noch enger bemessen werden.

Bei der Festlegung von Intervallen für ein erneutes Glaukom-Screening sollte beachtet werden, dass ein unbehandeltes Glaukom sehr unterschiedlich schnell fortschreitet. Bei Verdacht auf ein Glaukom sind wiederholte Messungen des Augeninnendrucks und weitere Untersuchungen nötig, bevor eine antiglaukomatöseTherapie begonnen wird.

Man wird blind und merkt es erst zu spät

Generell wird die Glaukomfrüherkennung von der GKV finanziell nicht getragen. Es fehle, so die Kassen, der wissenschaftliche Nachweis für ihren Nutzen. Die Kosten werden lediglich übernommen, wenn ein begründeter Krankheitsverdacht besteht beziehungsweise Risikofaktoren vorliegen. Ansonsten können Augenärzte die Früherkennungsuntersuchung nur als Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) anbieten.

Aber: »Ein Offenwinkelglaukom geht in aller Regel erst in fortgeschrittenen Stadien mit Symptomen einher, die von Patienten bemerkt werden können«, so die Autoren der Leitlinie. Diese besagt, dass bei Erstvorstellung in der Klinik studiengemäß bereits 10 bis 20 Prozent der Patienten aufgrund eines eingeschränkten Gesichtsfeldes unter schweren Seh-Einbußen leiden und unter anderem nicht mehr fahrtauglich sind.

»Man wird blind und merkt es nicht. Kann das sein? Leider ja«, so der BVA. Das Glaukom sei eine tückische Erkrankung. Registrieren die Patienten selbst Symptome, so sei bereits ein großer Teil des Sehnervs zerstört. Das sei ein Verlust, der sich nicht rückgängig machen lässt.

»Es kann nicht sein, dass die Glaukom-Früherkennungsuntersuchung noch immer nicht zum Leistungsumfang der GKV gehört, die Augenärzte aber andererseits verpflichtet sind, diese den Patienten anzubieten«, kritisiert der BVA. Vor diesem Hintergrund komme der neuen Leitlinie auch berufspolitisch besondere Bedeutung zu.

Fakten und Risikofaktoren zum Glaukom

2,93 Prozent der Bevölkerung in Europa im Alter von 40 bis 80 Jahren haben ein Glaukom. Hiervon leidet die Mehrheit an einem Offenwinkel-Glaukom. Die Autoren der Leitlinie unter Federführung von Professor Dr.  Alexander Schuster betonen, dass das Alter wichtigster Risikofaktor für das Auftreten eines Offenwinkel-Glaukoms ist. Im Vergleich zu 40- bis 49-jährigen Menschen erkranken Menschen über 70 Jahren vierfach häufiger. Personen, deren Eltern an einem Glaukom leiden, haben ein zweifach erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken. Männer sind 1,3-fach häufiger betroffen.

Ein weiterer Risikofaktor sei der Augeninnendruck: Beträgt er 24 mmHg oder mehr, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten fünf Jahren an einem Glaukom zu erkranken, bei 9,5 Prozent. Schließlich sei das Risiko bei einer Kurzsichtigkeit von -4 Dioptrien oder mehr erhöht, ebenso, wenn eine Pseudoexfoliatio lentis mit Ablagerungen auf der Linse und im Kammerwinkel des Auges vorliege.

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