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Neue STIKO-Empfehlung

Schneller Corona-Booster für alle

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihre Empfehlung für eine Booster-Impfung gegen Covid-19 auf alle Über-18-Jährigen ausgeweitet. Bereits nach fünf Monaten könne geboostert werden. Um Risikogruppen bestmöglich zu schützen, soll dabei aber die Priorisierung beibehalten werden.
dpa
PZ
18.11.2021  12:18 Uhr

Seit Mitte Oktober empfiehlt die STIKO eine Auffrischimpfung mit einem mRNA-Impfstoff unabhängig von der Art der Erst- und Zweitimpfung allen Personen ab 70 Jahren, Pflegeheimbewohnern unabhängig vom Alter, Pflegepersonal und anderen Menschen, die direkten Kontakt mit mehreren zu pflegenden Personen haben sowie Personal in medizinischen Einrichtungen mit direktem Patientenkontakt. Dabei galt, dass die Booster-Impfung frühestens sechs Monate nach der Grundimmunisierung folgen sollte.

Laut aktualisierter Empfehlung sollen jetzt alle Über-18-Jährigen ebenfalls mit einem mRNA-Impfstoff geboostert werden, und zwar »in der Regel« sechs Monate nach Abschluss der Grundimmunisierung. Eine Verkürzung des Impfabstandes auf fünf Monate könne aber »im Einzelfall oder wenn genügend Kapazitäten vorhanden sind erwogen werden«, so die STIKO heute. Zunächst sollten weiter die genannten Risikogruppen prioritär geimpft werden. Auch bisher nicht geimpften Personen solle Vorrang eingeräumt werden, betont die STIKO.

»Ziel der Ausweitung der bestehenden Auffrischimpfempfehlung über die bisherigen Indikationsgruppen hinaus ist neben der Aufrechterhaltung des Individualschutzes die Reduktion der Übertragung von SARS-CoV-2 in der deutschen Bevölkerung, um Infektionswellen abzuschwächen und zusätzliche schwere Erkrankungs- und Todesfälle zu verhindern«, begründet die STIKO ihre Empfehlung. Die Auffrischung diene sowohl dem Selbstschutz als auch dem Schutz der Mitmenschen und lasse einen längerfristigen robusten Impfschutz erwarten.

Für die Auffrischung kommt bei 18- bis 30-Jährigen nur Comirnaty® von Biontech und Pfizer infrage, da die STIKO sich aufgrund der höheren, aber immer noch seltenen Myokarditis- und Perikarditisrate nach einer Impfung mit Spikevax® von Moderna vor Kurzem gegen die Verwendung des Moderna-Impfstoffs in dieser Altersgruppe ausgesprochen hatte.

Bund und Länder hatten sich bereits vorletzte Woche darauf verständigt, Auffrischimpfungen grundsätzlich für alle ermöglichen zu wollen. Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, allen Menschen ab 18 Jahren eine Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus zu ermöglichen, auch wenn die letzte Impfung noch nicht sechs Monate her ist. Auch die Gesundheitsminister der Länder betonten aber in einem Beschluss, dass besonders Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen sowie medizinisches und pflegerisches Personal zuerst den Booster erhalten sollen. 

Kritik vom Hausärzteverband

Der Deutsche Hausärzteverband lehnt Auffrischimpfungen für alle Interessierten zum jetzigen Zeitpunkt ab. Zuerst müssten die vulnerablen Gruppen wie Menschen über 70 Jahre und chronisch Kranke die Booster-Impfung erhalten, sagte der Verbandschef Ulrich Weigeldt der »Rheinischen Post« (Mittwoch). »Diskussionen darüber, die ganze Bevölkerung quasi gleichzeitig ein drittes Mal zu impfen, helfen in der Impfkampagne nicht weiter.« Denn jüngere und gesündere Menschen seien in der Regel auch sechs Monate nach der zweiten Impfung gut geschützt und könnten gegebenenfalls auch ohne Probleme etwas später die Booster-Impfung bekommen.

»Die Hektik durch eine desolate Krisenkommunikation, die auch durch die geschäftsführende Bundesregierung fortgesetzt wurde, führt nur zu unnötigem Stress in den hausärztlichen Praxen und trägt zumindest nicht zu Beschleunigung der Impfkampagne bei«, sagte Weigeldt.

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte, bei den Auffrischimpfungen müsse eine Vorrangprüfung für bestimmte Bevölkerungsgruppen in Betracht gezogen werden, ähnlich wie zu Beginn der Impfkampagne. Es sei nun »Auftrag der Ministerpräsidentenkonferenz, für ein geordnetes Booster-Verfahren zu sorgen«, sagte Brysch den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Mittwoch).

Boostern essenziell, um vierte Welle abebben zu lassen

Auffrischimpfungen auf breiter Front können nach Ansicht eines Berliner Corona-Modellierers den Trend der stark steigenden Fallzahlen umkehren. »Wir sehen in den Simulationen deutlich infektionsreduzierende Effekte, sobald circa 30 Prozent der Bevölkerung den Booster erhalten haben«, sagte Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Voraussetzung dafür sei, entsprechende Impfkapazitäten zu schaffen. »Optimalerweise würden wir wieder, wie im Sommer, mindestens ein 1 Prozent der Bevölkerung pro Tag mit dem Booster impfen. Wenn wir diese 30 Prozent deutlich vor Weihnachten schaffen, dann bestehen Aussichten auf sinkende Inzidenzen zu Weihnachten.« Bislang haben in Deutschland rund 5 Prozent der Menschen eine Auffrischimpfung erhalten.

In eine ähnliche Kerbe wie Nagel schlägt Christian Karagiannidis, Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Eine Million Auffrischimpfungen pro Tag wären nötig, um die Ausbreitung des Virus deutlich zu reduzieren, sagte Karagiannidis im am Dienstagabend ausgestrahlten NDR-Podcast »Das Coronavirus-Update«. »Davon sind wir im Moment weit entfernt.« Einen Effekt der Booster-Impfungen könne man aber frühestens in vier Wochen erwarten. Er gehe davon aus, dass die vierte Welle erst im Frühjahr nächsten Jahres auslaufen werde.

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