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Ansteckung über die Luft

SARS-CoV-2-Infektionen über Aerosole immer wahrscheinlicher

Eine mögliche Übertragung des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 durch Aerosole wird durch immer mehr experimentelle Hinweise gestützt. Das könnte für Einrichtungen des Gesundheitswesens eine bisher unterschätzte Gefahr darstellen.
Theo Dingermann
07.04.2020
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Die Frage, ob sich SARS-CoV-2 nicht nur per Tröpfcheninfektion, sondern auch über Aerosole in der Luft verbreitet, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Der Unterschied ist die Tröpfchengröße: Bei einem Aerosol beträgt der Durchmesser der Tröpfchen weniger als 5 µm. Es mehren sich die Anzeichen, dass eine Verbreitung über ein Aerosol möglich ist. Die US-amerikanische National Academies of Science, Engineering and Medicine wies daher US-Präsident Trump in einem Brief eindringlich auf diese Möglichkeit hin.

Proben aus der Luft

Die Debatte hatte begonnen, als Forscher Anfang des Jahres in einem Brief an den Herausgeber des »New England Journal of Medicine« berichteten, dass SARS-CoV-2 in Aerosoltröpfchen bis zu drei Stunden lang in der Luft schweben und infektiös bleiben können (DOI: 10.1056/NEJMc2004973). Mittlerweile lassen sich auch aus anderen Studien Hinweise ableiten, dass die Verbreitung der Viren über die Luft relevanter sein könnte als bisher vermutet. So war virale RNA beispielsweise in Krankenhauszimmern, in denen Infizierte gelegen hatten, auf schwer zugänglichen Oberflächen sowie in Luftprobennehmern nachweisbar, die mehr als zwei Meter von den Patienten entfernt gewesen waren.

Dass virale Partikel über die Luft übertragen werden, konnten auch Young-Il Kim und Kollegen von der Chungbuk National University in Cheongju, Südkorea, an Frettchen zeigen. Die Arbeit befindet sich gerade im Fachjournal »Cell Host & Microbe« im Druck (DOI: 10.1016/j.chom.2020.03.023). Die Wissenschaftler hatten Frettchen, die sich gut als Tiermodell für SARS-CoV-2 eignen, mit infizierten Artgenossen entweder direkt oder indirekt über Umleiten der Luft von einem in den anderen Käfig in Konttakt gebracht. Die Tiere in direktem Kontakt mit Infizierten hatten sich alle schon innerhalb von zwei Tagen angesteckt und Sym­ptome wie Fieber und Husten entwickelt. Bei zwei der Frettchen mit indirektem Kontakt ließ sich virale RNA in Nasenspülungen und Kotproben bis zu vier Tage nach der Exposition nachweisen. Allerdings zeigte nur eines der beiden positiv getesteten Tiere eine Serokonversion, entwickelte also Antikörper. Keines der Tiere in indirektem Kontakt mit Infizierten entwickelte Sym­ptome. Die Beobachtungen legen den Schluss nahe, dass eine Übertragung des Erregers über die Luft möglich ist, die übertragenen Viren aber keine Erkrankung auslösen.

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