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Covid-19

Risikofaktor Pflege

Nach einer Hochrechnung der Uni Bremen ist die Sterblichkeit unter Pflegebedürftigen mehr als 50 Mal höher als im Rest der Bevölkerung. Auch Pflegekräfte haben ein erhöhtes Risiko. Derweil sinken die Infektionszahlen bei den Hochbetagten.
dpa
11.06.2020  14:00 Uhr

Pflegebedürftige Menschen sind in Deutschland durch die Coronavirus-Pandemie besonders stark gefährdet: Von allen bundesweit mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 Infizierten habe diese Gruppe einen Anteil von 8,5 Prozent, teilte die Universität Bremen am Mittwoch mit. Nach Hochrechnungen von Forschern der Uni waren in Deutschland aber 60 Prozent aller Covid-19-Verstorbenen Menschen, die stationär in Pflegeheimen oder ambulant von Pflegediensten betreut wurden. «Pflegeheime sind der wichtigste Ort in Bezug auf Covid-19-Verstorbene, obwohl nur 1 Prozent der Bevölkerung in dieser Wohnform lebt», betont Ko-Autor Professor Dr. Heinz Rothgang in der Mitteilung. Die Sterblichkeit unter Pflegebedürftigen sei mehr als 50 Mal so hoch wie im Rest der Bevölkerung.

Für die Studie befragte das Forscherteam online bundesweit 824 Pflegeheime, 701 Pflegedienste und 96 teilstationäre Einrichtungen. Wie repräsentativ die Angaben sind, war zunächst unklar. Studienleiterin Professor Dr. Karin Wolf-Ostermann verwies darauf, dass auch Pflegekräfte ein deutlich erhöhtes Infektionsrisiko haben. Demnach ist der Anteil infizierter Beschäftigter in ambulanten Pflegediensten doppelt so hoch wie in der Normalbevölkerung, in stationären Einrichtungen sogar sechs Mal so hoch. Dass drei Fünftel der Pflegedienste und drei Viertel der Pflegeheime bislang keinen Corona-Fall verzeichnen, spricht aus Sicht der Forscher für erfolgreiche Schutzmaßnahmen. Da Infektionen in Pflegeeinrichtungen gravierende Folgen haben können, müsse das Einschleppen des Virus konsequent vermieden werden.

Heime brauchen wirksame Schutzkonzepte

Der Studie zufolge ist es möglich, eine Ausbreitung in Heimen einzudämmen. Demnach wiesen mehr als die Hälfte der Einrichtungen mit infizierten Mitarbeitern keine infizierten Bewohner aus. In der Online-Befragung berichtete jeder vierte Pflegedienst und jede sechste stationäre Einrichtung von Engpässen bei Schutzmaterialien. Demnach war es teilweise auch schwer, an Tests zu kommen. «Die Übermittlung der Ergebnisse erfolgt erst nach drei bis vier Tagen – zu spät, um ihr Potenzial als Teil eines wirkungsvollen Schutzkonzeptes voll zu entfalten», bemängelt Wolf-Ostermann. Erforderlich seien Reihentests mit schneller Übermittlung der Ergebnisse.

Um die tägliche Versorgung der Pflegebedürftigen nicht zu gefährden, brauche es mehr Unterstützung für Pflegedienste und Pflegeheime. Nötig seien bundesweite Handlungsempfehlungen, ausreichend Schutz- und Desinfektionsmittel, systematische und regelmäßige Tests von Pflegebedürftigen und Personal, eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte sowie mehr Personal, betont das Team.

Angesichts der Studie bemängelt die Deutsche Stiftung Patientenschutz, Bund und Länder hätten sich zunächst zu stark auf Krankenhäuser fokussiert. «5250 Pflegebedürftige sind im Zusammenhang mit Covid-19 verstorben», erklärt der Vorstand Eugen Brysch in einer Stellungnahme. «Diese Zahl ist zutiefst erschütternd und macht deutlich, wo Corona am heftigsten wütet. Damit werden die internationalen wissenschaftlichen Studien auch für Deutschland bestätigt.» In der ambulanten und stationären Pflege sollten Vorsorge-Testungen vorgenommen werden – sowohl bei den Pflegebedürftige als auch bei den Pflegekräften, betont Brysch. «Es wird Zeit, dass die Pflege endlich von der Politik in den Blick genommen wird.»

Weniger Infizierte in der Hochrisikogruppe

Laut dem aktuellen Lagebild des Robert-Koch-Instituts (RKI) sinkt der Anteil der über 80-Jährigen an den Corona-Infizierten seit vier Wochen (Meldewoche 19) kontinuierlich. Demnach sind 18,8 Prozent der Infizierten 70 Jahre oder älter. Sie machen jedoch 86 Prozent der Todesfälle aus. Die größten Gruppen der Infizierten sind Personen im Alter von 20 bis 49 Jahren (43 Prozent) und zwischen 50 und 69 Jahren (31 Prozent). Nur 6,8 Prozent der Infizierten sind Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre (Datenstand 10.06. 0 Uhr).

Seit Beginn der Corona-Krise haben sich 185.416 Menschen in Deutschland nachweislich mit SARS-CoV-2 angesteckt, wie das RKI am Donnerstagmorgen meldete (Datenstand 11.6. 0 Uhr). 8755 mit dem Virus infizierte Menschen starben nach RKI-Angaben in Deutschland. Etwa 171.200 Menschen haben die Infektion nach RKI-Schätzungen überstanden. Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, ist wieder unter die kritische Marke von 1,0 gesunken und liegt nun bei 0,86 (Datenstand 10.6. 0 Uhr). Der Sieben-Tage-R lag zuletzt ebenfalls bei 0,86. Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor 8 bis 16 Tagen.

Deutschlandweit überschreitet derzeit kein Landkreis den von Bund und Ländern vereinbarten Grenzwert von 50 Corona-Neuinfektionen. Wird diese Obergrenze gerechnet auf 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen überschritten, sollten gewöhnlich Beschränkungskonzepte erlassen werden. 112 von 412 Landkreisen haben demnach in den vergangenen sieben Tagen keine Neuinfektionen registriert. Die meisten neuen Infektionen gibt es aktuell in Bremerhaven, Sonneberg und Göttingen.

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