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Digitalisierung

Risiken und Nebenwirkungen

Die Digitalisierung bietet nicht nur Chancen für die Gesundheitskompetenz: Sie kann auch die Kosten im Gesundheitswesen in die Höhe treiben und das Ungleichgewicht zwischen Menschen mit hohem und niedrigem Sozialstatus befeuern, warnen Experten.
Christina Müller
25.02.2020  11:42 Uhr

Neue technische Möglichkeiten bieten unzählige Chancen, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken. Das ist jedoch kein Selbstläufer: In einer Analyse vom November 2019 weist die Organisation für Zusammenarbeit und wirtschaftliche Entwicklung (OECD) auf die Gefahren hin, die es bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen zu beachten gilt.

Elektronische Hilfsmittel, mit denen sich die eigene Gesundheit überwachen lässt, nutzen den Autoren zufolge vor allem junge, gut gebildete und finanziell bessergestellte Menschen. Sollten sich die Effekte der sogenannten Digitalkompetenz weiterhin so einseitig auswirken, werde das nicht dazu beitragen, gesundheitliche Vorteile zu generieren oder sozialpolitische Ziele zu erreichen, fürchtet die OECD. Stattdessen drohe eine ineffiziente Inanspruchnahme von Leistungen im Gesundheitswesen.

Als Beispiel nennt die Organisation die Kardiologie: Seitdem die modernen Smartwatches auf dem Markt sind, steige die Nachfrage nach Herzspezialisten. Das führen die Autoren darauf zurück, dass einige dieser speziellen Uhren fähig sind, den Herzschlag des Nutzers zu überwachen und ihn bei Unregelmäßigkeiten wie Vorhofflimmern zu warnen. Die Zielgruppe für die digitale Spielerei weist jedoch eine verhältnismäßig niedrige Prävalenz für Vorhofflimmern auf. Meist handele es sich um Fehlalarme. »Das wirft Fragen auf nach der Balance zwischen den entstehenden Kosten durch Facharztbesuche und weitere Tests sowie der relativ geringen Wahrscheinlichkeit, dadurch echte Fälle zu erkennen, bevor Komplikationen entstehen.«

Darüber hinaus bremst die OECD die Hoffnung, Menschen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz könnten es mithilfe der vielfältigen Informationen im Internet künftig leichter haben, sich zu orientieren. Die Verfasser der Analyse zweifeln daran, dass die Qualität der Informationen aus diesen neuen Quellen ausreicht, um die Gesundheitskompetenz der User wirklich zu verbessern. »Wiederholte Prüfung der online und über Social-Media-Plattformen verfügbaren Gesundheitsinformationen haben durchweg gezeigt, dass die meisten gesundheitsbezogenen Informationen im Netz von niedriger oder schwankender Qualität sind.«

Zudem schreiben die Experten, dass Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz oft ihre Quellen nicht sorgfältig prüften. Das habe etwa eine Studie aus dem Jahr 2015 gezeigt (DOI: 10.2196/jmir.4018). »Dies legt nahe, dass die Folgen eingeschränkter Gesundheitskompetenz durch den Gebrauch digitaler Angebote sogar verschärft und nicht gemildert werden könnten.« Hinzu komme, dass hochwertige Gesundheitsinformationen – zum Beispiel auf den Webseiten von Regierungsinstitutionen – häufig sprachlich so aufbereitet seien, dass Leser mit geringer Gesundheitskompetenz sie nur schwer verstehen könnten.

Vor allem junge Erwachsene und Besserverdienende sind der Analyse zufolge geneigt, online nach Gesundheitsinformationen zu suchen. Gleichzeitig haben insbesondere Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem Sozialstatus Schwierigkeiten in puncto Gesundheitskompetenz. »Das bedeutet, dass gerade die Bevölkerungsgruppen, die es am nötigsten hätten, wohl am wenigsten von neuen digitalen Angeboten profitieren werden.«

 

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