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Betäubungsmittel im Fokus 

Reisen mit Betäubungsmitteln

Auch im Urlaub benötigen Patienten ihre Medikamente. Fallen Betäubungsmittel unter den Reisebedarf, müssen Betroffene den rechtlichen Vorgaben und Beschränkungen zum Mitführen von BtM auf Reisen folgen. Was genau zu beachten ist, erklärt der fünfte Teil der PZ-Serie »Betäubungsmittel im Fokus«.
Ute Stapel
03.07.2020  08:00 Uhr

Prinzipiell dürfen Patienten die von ihnen benötigten Betäubungsmittel (BtM) in einer für die Reisedauer angemessenen Menge als Reisebedarf mitnehmen. Allerdings ist das Aus- und Einführen grundsätzlich nur in Verbindung mit einer amtlichen Bescheinigung möglich. Hierfür stehen verschiedene Formulare zur Verfügung.

Bei der Auswahl der korrekten Bescheinigung ist zunächst einmal das Reiseziel von Bedeutung. Reist der Patient in ein Land, das zu den Vertragsstaaten des sogenannten Schengener Abkommens gehört, ist die Mitnahme von ärztlich verschriebenen BtM nur mit einer vom Arzt ausgefüllten Bescheinigung nach den Vorgaben des Abkommens zulässig. Das im Allgemeinen Sprachgebrauch oftmals auch als »Schengener Bescheinigung« bezeichnete Formular kann auf der Internetseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) heruntergeladen werden. Es ist rechtlich verbindlich und erlaubt nach den Bestimmungen des Schengener Abkommens die Mitnahmen der BtM für den Reisebedarf von bis zu 30 Tagen.

Füllt der Arzt die Bescheinigung aus, muss er unter anderem die Patientendaten, die Bezeichnung des BtM sowie die Dosierung mit Einzel- und Tagesgaben angeben. Für jedes verschriebene BtM ist eine gesonderte Bescheinigung erforderlich. Diese sind vor Antritt der Reise durch die jeweils zuständige Behörde im Land zu prüfen und mit Datum, Stempel und Unterschrift zu bestätigen. Die für die Beglaubigungen zuständigen Behörden sind auf der Homepage des BfArM für die einzelnen Bundesländer hinterlegt; in mehreren Ländern liegt die Zuständigkeit beim Gesundheitsamt. Die gleichen Bestimmungen gelten auch, wenn ein Patient im Ausland erkrankt und dann die verschriebenen BtM in die Bundesrepublik Deutschland einführen möchte.

Andere Länder, andere Regeln

Reist der Patient in ein Land, das nicht dem Schengener Abkommen beigetreten ist, empfiehlt die Bundesopiumstelle nach dem Leitfaden für Reisende des Internationalen Suchtstoffkontrollamtes (International Narcotics Control Board) zu verfahren und eine internationale Bescheinigung zu verwenden. Diese ist in mehreren Sprachen verfügbar, durch die zuständige oberste Landesgesundheitsbehörde zu beglaubigen und bei der Reise mitzuführen. Auch diese Bescheinigung sieht eine Mitnahme von BtM für eine Reisedauer von maximal 30 Tagen vor.

Unabhängig von den Bescheinigungen sollten sich Reisende außerdem über weitere Einreiseformalitäten des jeweiligen Ziel- oder Transitlandes informieren. Einige Länder verlangen zusätzlich Importgenehmigungen, schränken die Menge der mitzuführenden BtM weiter ein oder verbieten das Mitführen bestimmter Wirkstoffe. Die Botschaft des Ziellandes kann diesbezüglich Auskunft erteilen. Auf der Homepage des BfArM sind die entsprechenden Kontaktadressen angegeben.

Probleme ergeben sich besonders bei Reisen, die über eine Dauer von 30 Tagen hinausgehen. In diesen Fällen ist es ratsam, im Vorfeld mit dem Veranstalter oder gegebenenfalls bei Schiffsreisen mit der medizinischen Abteilung zu klären, ob sie die längerfristige Versorgung über die 30 Tage hinaus sicherstellen können. Möchte ein Patient beispielsweise mehrere Wintermonate in einem südlichen Land verbringen, gilt die Empfehlung, rechtzeitig einen Arzt vor Ort im Reiseland zu kontaktieren. Dieser kann dann unter Umständen die weitere Verschreibung des BtM übernehmen.

Darf ein BtM nicht eingeführt werden, ist es ebenfalls sinnvoll zu prüfen, ob es stattdessen ein vor Ort ansässiger Arzt verschreiben kann beziehungsweise ob vergleichbare Arzneimittel im Reiseland zur Verfügung stehen. Grundsätzlich ist eine Mitnahme von BtM durch beauftragte Personen wie Angehörige nicht zulässig. Ausschließlich der Patient persönlich darf sie für den eigenen Bedarf mitführen.

Substitutionsmittel

Die betäubungsmittelrechtlichen Bestimmungen zur Reise gelten grundsätzlich auch im Rahmen der Substitutionsbehandlung. Patienten dürfen Substitutionsmittel wie Methadon, Levomethadon oder Buprenorphin mitführen, sofern der Verlauf der Substitutionsbehandlung dies zulässt und es aus ärztlicher Sicht vertretbar ist.

In diesem Fall darf der Arzt dem Patienten das Substitutionsmittel in der für die Reisedauer erforderlichen Menge verschreiben. Der Zeitraum ist auch hier auf maximal 30 Tage begrenzt. Es ist zu beachten, dass einige Länder das Mitführen von Substitutionsmitteln verbieten oder beschränken. Die jeweiligen Einreisebestimmungen sollten daher vor Reiseantritt bei der zuständigen diplomatischen Vertretung des Reiselandes in Erfahrung gebracht werden. Die Fortführung einer Substitutionsbehandlung durch einen Arzt im Ausland ist häufig schwierig und mit zahlreichen Auflagen verbunden.

Informationen zu weltweiten Reisebestimmungen für Substitutionspatienten bietet das Institut zur Förderung qualitativer Drogenforschung, akzeptierender Drogenarbeit und rationaler Drogenpolitik (INDRO) an.

Ausnahmefall Arzt

Ärzte, Zahnärzte sowie Tierärzte dürfen BtM im Rahmen karitativer Auslandseinsätze (zum Beispiel Ärzte ohne Grenzen) oder im »kleinen Grenzverkehr« als ärztlichen Praxisbedarf mitführen, wenn sie in angemessenen Mengen und zum Zwecke der ärztlichen Berufsausübung oder ersten Hilfeleistung verwendet werden. Die Identität des Arztes kann beispielsweise durch einen gültigen Arztausweis nachgewiesen werden. Auch hier ist es sinnvoll, im Vorfeld die rechtlichen Bestimmungen zur Betäubungsmittelmitnahme im Land zu prüfen und eventuell Genehmigungen einzuholen.

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