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Coronavirus

Reaktivierung unwahrscheinlich

Der Virologe Professor Dr. Christian Drosten hält es für unwahrscheinlich, dass das neue Coronavirus SARS-CoV-2 bei frisch Genesenen reaktiviert werden kann. Im NDR-Podcast gibt er für das Phänomen eine andere Erklärung.
Annette Mende
15.04.2020
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Über die Osterfeiertage haben Berichte über Covid-19-Patienten, die nach negativen Tests auf SARS-CoV-2 als geheilt entlassen worden waren, später aber wieder positiv getestet wurden, Aufsehen erregt. Die meisten Fachleute halten es für unwahrscheinlich, dass sich Menschen kurz nacheinander mehrfach mit dem Coronavirus infizieren können. Möglich sei aber eine Reaktivierung des Erregers, wie man es etwa vom Herpesvirus kennt, vermutete Jeong Eun-kyeong, die Direktorin der südkoreanischen Gesundheitsbehörde KCDC.

Dies hält Drosten, der an der Berliner Charité das Institut für Virologie leitet, für unwahrscheinlich. Viel plausibler ist aus seiner Sicht, dass das Virus bei den Patienten zum Zeitpunkt der Entlassung noch nicht ganz verschwunden war, obwohl die Tests zunächst negativ waren. In seinem Podcast auf »NDR Info« sagte er gestern: »Es gibt statistische Verteilungsphänomene, die dazu führen, dass das Virus schon im Prinzip die ganze Zeit da ist, aber der Test kann das nicht immer erfassen.«

Noch sei der Ausscheidungsverlauf von SARS-CoV-2 in verschiedenen Probentypen, zum Beispiel in Abstrichen aus dem Hals, in Lungensekret oder in Stuhlproben von Patienten, nur in wenigen wissenschaftlichen Publikationen genau beschrieben worden. Er selbst sei an einer solchen Arbeit beteiligt gewesen, in der die Ausscheidung über den Zeitverlauf bei neun Patienten aus München untersucht worden sei. »Da sieht man schon die Nachweisgrenze der Polymerase-Kettenreaktion«, sagte Drosten. Gegen Ende der Covid-19-Erkrankung, wenn es den Patienten wieder besser gehe, sei das Virus zwar immer noch da, aber die Konzentration springe immer einmal über und dann wieder unter die Nachweisgrenze des PCR-Tests.

Goldfische im Planschbecken

Drosten verglich die Situation mit einem Planschbecken voller Wasser, in dem Goldfische schwimmen. »Wenn Sie aus diesem Becken mit einem Eimer eine Probe nehmen – und zwar mit verbundenen Augen –, dann kann es sein, dass Sie in dem Eimer mal einen Goldfisch drin haben und mal nicht.« Wenn in dem Becken immer weniger Goldfische seien, was der abnehmenden Viruskonzentration am Ende der Krankheit entspreche, komme es immer einmal vor, dass in dem Eimer nur Wasser sei und kein Goldfisch. Das könne durchaus auch an zwei Tagen nacheinander der Fall sein.

»Das ist meine Erklärung für dieses Phänomen, gerade weil es auch nur so kurze Zeit nach der Krankenhausentlassung auftritt«, sagte Drosten. Würde man weiter testen, hätte man ab und zu auch wieder positive Ergebnisse. Die Frage sei, wie man damit umgehe – und hier bestehe ein grundlegender Unterschied zwischen der deutschen und der asiatischen Kultur. In Deutschland würden solche Ergebnisse relativ schnell hinterfragt, denn es sei klar, dass Ausnahmen immer möglich seien. Asiaten hielten sich dagegen viel strikter an Regeln, in diesem Fall also an die Definition, dass ein Patient, der per PCR zweimal negativ auf den Erreger getestet wurde, als geheilt gelte. »Dann kann es eben vorkommen, dass da ein scheinbarer Widerspruch entsteht«, sagte Drosten.

Auf eine Studie aus China, in der von 172 als geheilt entlassenen Covid-19-Patienten 25 später wieder einen positiven Virusnachweis zeigten, ging der Virologe genauer ein (»Clinical Infectious Diseases«, DOI: 10.1093/cid/ciaa398). Hier sei das Entlasskriterium gewesen, dass der Rachenabstrich zweimal hintereinander negativ war. »Aber wir wissen genau, dass der Rachenabstrich die Probe ist, die am frühesten negativ wird«, sagte Drosten. Bereits in der zweiten Krankheitswoche hätten viele Patienten an den meisten Tagen keinen positiven Rachenabstrich mehr, während Stuhl- und Sputumproben zuverlässig noch fast immer positiv seien. Diese seien dann aber nicht mehr infektiös.

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