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Männerleiden

Prostataprobleme evidenzbasiert behandeln

Scham, Schmerzen, sexuelle Unzufriedenheit und reduzierte Lebensqualität: Das empfinden viele Männer mit Prostataproblemen und sexueller Dysfunktion. Aber die wenigsten sprechen darüber. Die Apotheke vor Ort hat hier eine Lotsenfunktion und muss Fingerspitzengefühl in der Beratung zeigen.
Brigitte M. Gensthaler
22.03.2021  14:34 Uhr

»Wir müssen sehr sensibel sein, um Patienten frühzeitig zu erkennen, und wir müssen sie auch nach den Vorsorgeuntersuchungen fragen«, sagte Apotheker Dr. Christian Ude, Stern-Apotheke Darmstadt, beim 49. Schwarzwälder (Web-)Kongress der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. Dies sei wichtig, da die Prostatahyperplasie (BPH) der häufigste benigne Tumor des Mannes ist.

Ausgelöst durch eine Vergrößerung der Prostata (BPE) kommt es zu den typischen irritativen Symptomen, zum Beispiel häufigem, schmerzhaftem und nächtlichem Wasserlassen, und den Symptomen der Blasenauslassobstruktion wie verzögert beginnende und verlängerte Miktion, Harnstottern und Nachträufeln. Ude riet, den Patienten zu fragen: »Müssen Sie nachts Wasserlassen? Ist das störend und unangenehm? Haben Sie Veränderungen beim Wasserlassen gemerkt?« Wichtig sei es, die Grenzen der Selbstmedikation zu erkennen.

Für die evidenzbasierte Therapie stehen mehrere Wirkstoffgruppen zur Verfügung: α1-Adrenozeptor-Antagonisten, 5α-Reduktase-Hemmer, Phosphodiesterase-5-Hemmer (PDE5-Hemmer), Muskarinrezeptor-Antagonisten und β3-Adrenozeptor-Agonisten.

Ude warb explizit für eine differenzierte Bewertung von Phyto-Extrakten gegen Prostataleiden und verwies auf die Monographien des Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittelagentur. Der HMPC teilt Drogen und Extrakte in die Kategorien »well-established Use« und »traditional Use« ein. 

Bei Sägepalmenfrüchten sei die Datenlage unübersichtlich und eine Evidenz-basierte Empfehlung schwierig. Dem in Deutschland nicht erhältlichen Hexan-Extrakt (Permixon) erkennt der HMPC den Status »well-established Use« zu, dem verfügbaren ethanolischen nur den »traditional Use«. Bei Brennnesselwurzel-Zubereitungen sei die Datenlage »durchwachsen« und die marktüblichen Extrakte seien sehr unterschiedlich. Dagegen sei die Kombination WS 1541 (Sägepalmenfrüchte-Extrakt und Brennnessel-Spezialextrakt) gut untersucht und bei früher BPS ähnlich wirksam wie Finasterid und Tamsulosin. Die klinischen Daten zu Kürbissamen bezeichnete Ude als nicht aussagekräftig.

Sein Rat für die Praxis: »Wichtig ist es, eine begründbare Auswahl von Phytopräparaten bei BPH zu treffen.« Die Therapie-Leitlinie sehe deren Einsatz außerhalb der evidenzbasierten Therapie, wenngleich die breite Studienbasis hervorgehoben wird.

Eine klare Absage erteilte der Apotheker der Hoffnung, »Kraft und Potenz« mittels OTC- oder Phytotherapeutika evidenzbasiert stärken zu können. Ude warnte vor Nahrungsergänzungsmitteln, deren Inhaltsstoffe meist nicht richtig bekannt sind.

Auch an STI denken

Ein weiteres Beratungsthema in der Apotheke sind sexuell übertragbare Erkrankungen (STI), die laut Ude auf dem Vormarsch sind. Männer, vor allem homosexuelle, seien gefährdeter als Frauen. Laut einer Studie erhielten fast drei Viertel derjenigen Männer, die eine HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) nutzten, im ersten Jahr der Anwendung die Diagnose Tripper, Chlamydien oder Syphilis . Das Apothekenpersonal müsse Männer bei der Abgabe von PrEP-Medikamenten darüber aufklären, dass diese nicht vor anderen STI schützen und sie die übliche Expositionsprophylaxe mit Kondomen beibehalten müssen.

Ebenso müsse man sich vor einer Fehlinterpretation von Symptomen hüten, mahnte Ude. So könne das Bakterium Chlamydia trachomatis Urethritis-Symptome auslösen, die an einen Harnwegsinfekt denken lassen. Chlamydien werden zum Beispiel mit Doxycyclin oder Azithromycin behandelt.

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