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Live-Webcast

Praxiswissen für Apotheker rund um Covid-19

Der Live-Webcast von Pharma4u und der PZ zu Fragen rund um SARS-CoV-2 ging gestern Abend in die zweite Runde. Die Frankfurter Professoren Dr. Theo Dingermann und Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz informierten über mögliche Therapieoptionen und Impfstrategien. Rechtsanwalt Ulrich Laut von der Landesapothekerkammer Hessen beantwortete rechtliche Fragen.
Daniela Hüttemann
Sven Siebenand
02.04.2020  16:14 Uhr

»Die Entwicklung von Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 brummt«, sagte Dingermann. Es gebe rund 50 gemeldete Projekte, erste klinische Studien sind vereinzelt sogar bereits gestartet. Grundsätzlich, so Dingermann, müsse man zwischen aktiver und passiver Immunisierung unterscheiden.

Bei der passiven Immunisierung ist man schon weiter als bei der aktiven. Von Patienten, die die SARS-CoV-2-Infektion bereits durchgemacht haben, können aus dem Blut Antikörper isoliert werden. Diese können schwer erkrankten Covid-19-Patienten dann zur Verfügung gestellt werden. In Deutschland soll hierzu jetzt eine Studie starten. Bereits in der Ebola-Krise vor einigen Jahren habe man mit Hyperimmunseren gute Erfahrungen sammeln können, so Dingermann.

»Bei der aktiven Immunisierung gibt es neben der Antikörper-Bildung eine T-Zell-Antwort, die von Nutzen sein kann«, erklärt Dingermann den Vorteil. So erhalte man eine nachhaltigere Immunantwort als bei der passiven Immunisierung. Die Methoden zur aktiven Immunisierung unterteilte Dingermann in drei Gruppen: Lebend-Impfstoffe mit harmlosen Viren als Vektoren, Tot- beziehungsweise Subunit-Vakzinen und genbasierte Impfstoffe. Am modernsten sei der dritte Ansatz. Hier verimpft man die messenger-RNA, die für ein Protein des Coronavirus kodiert. Der Impfling selbst produziert das Antigen.  

Dingermann betonte, dass die neuen Impfstofftechnologien sehr effizient und sicher seien, wobei natürlich noch jeder einzelne Impfstoffkandidat Sicherheit und Wirksamkeit in klinischen Studien unter Beweis stellen muss. Mit Zulassungen rechnet er nicht vor Frühjahr 2021. Es müsse auch untersucht werden, ob die Impfung bei Personen sicher sei, die sich ohne es zu wissen schon mit SARS-CoV-2 infiziert hatten. »Die neuen Schnelltests kommen hier genau zum richtigen Zeitpunkt«, so der Professor für Pharmazeutische Biologie. Vermutlich werde in Zukunft erst einmal nur geimpft, wer zuvor negativ getestet wurde. Wie lange eine durchgemachte Infektion Immunität bietet, sei allerdings auch noch unklar. 

Arzneimittel als Hoffnungs- und Bedenkenträger

Schubert-Zsilavecz ging auf mögliche Therapieoptionen ein. »Zurzeit haben wir leider keine maßgeschneiderten Arzneistoffe zur Behandlung von SARS-CoV-2-Infizierten zur Hand«, sagte der pharmazeutische Chemiker. Dennoch gebe es ein paar Hoffnungsschimmer. Bei den RNA-Polymerase-Inhibitoren hob Schubert-Zsilavecz den Wirkstoff Remdesivir hervor. Dieser sei ursprünglich als Mittel gegen das Ebolavirus entwickelt worden. Da das Mittel noch nicht zugelassen ist, gebe es hier momentan möglicherweise Limitationen hinsichtlich der Verfügbarkeit.

Schubert-Zsilavecz informierte auch über den TMPRSS2-Hemmer Camostatmesilat. Dieser Wirkstoff ist unter anderem zur Behandlung der Pankreatitis in Japan zugelassen. Die Wirksamkeit bei Covid-19 muss aber genauso wie bei Remdesivir noch in ausreichend großen Studien bestätigt werden. TMPRSS ist eine transmembranäre Protease an der Oberfläche menschlicher Zellen, die wie ACE2 dem Coronavirus einen Ankerpunkt bietet. Die antiviralen Wirkstoffe seien aber vermutlich nur ausreichend wirksam, wenn man sie früh genug im Krankheitsverlauf gibt.

Skeptisch äußerte sich der Apotheker zum Einsatz von Chloroquin und Hydroxychloroquin bei SARS-CoV-2-Infizierten. Er kritisierte ein Statement des US-Präsidenten Donald Trump, in dem dieser besondere Hoffnungen geweckt hat und die Kombination aus Chloroquin und Azithromycin vorschnell als »Game-Changer« im Kampf gegen Covid-19 angepriesen hat. »Es gibt Unwägbarkeiten hinsichtlich der Wirksamkeit«, sagte Schubert-Zsilavecz mit Blick auf bisherige Studien. Zudem warnte er vor Sicherheitsrisiken. »Der Einsatz bei Patienten mit vorgeschädigtem Herzen kann kardiale Probleme zur Folge haben.« Sein Fazit: »Wir sollten jeden Hoffnungsschimmer beachten, uns aber auf die vielversprechendsten Kandidaten konzentrieren.«

Darf ich Arzneimittel nur begrenzt abgeben?

Zum Eingang des juristischen Teils gab Ulrich Laut, Rechtsanwalt und Hauptgeschäftsführer der Landesapothekerkammer Hessen, Apothekern eine grundsätzliche Richtschnur in die Hand: »Wenn Sie jetzt mit einem Rechtsproblem konfrontiert sind und nicht direkt Hilfe dazu bekommen können, überlegen Sie zuerst, wie die Rechtslage normalerweise ist und was das Infektionsrecht daran ändern könnte.« Zum Beispiel bei der Frage: Darf ich die verfügbaren Arzneimittel kontigentieren?

Normalerweise herrscht Kontrahierungszwang, soweit keine pharmazeutischen Bedenken bestehen, muss ich ein gewünschtes Präparat abgeben oder eine Rezeptur herstellen. Werden aber wie jetzt bestimmte Arzneimittel knapp, die zur Linderung und Heilung dienen, sollen sie möglichst für alle reichen. Vorratskäufe sind in diesem Fall abzulehnen.

Mitarbeiterschutz an erster Stelle

Ob eine Rezeptur hergestellt werden kann, wenn zum Beispiel nicht genügend Schutzkleidung und Desinfektionsmittel oder auch qualifizierte Mitarbeiter aufgrund von Quarantäne zur Verfügung stehen, müsse individuell abgewogen werden. »Der Arbeitgeber muss hier eine Gefährdungsbeurteilung vornehmen«, so Laut. Zur Reinigung des Arbeitsplatzes reiche in Bezug auf das behüllte SARS-CoV-2-Virus auch eine Spüllösung. Falls kein geeigneter Mitarbeiter zur Verfügung stehe, müsse der Inhaber selbst in die Rezeptur. 

Gehören die Mitarbeiter zu den Risikogruppen für Covid-19, sei ebenfalls eine individuelle Gefährdungsbeurteilung durch den Inhaber angezeigt. Der Mitarbeiter sollte dann nicht mehr allein im Nacht- und Notdienst eingesetzt werden, kann aber vielleicht andere Tätigkeiten in der Apotheke übernehmen. Müssen Stunden deshalb übergangsweise gekürzt werden, zum Beispiel auch, weil in zwei rotierenden Teams gearbeitet wird, empfiehlt Laut, ein Arbeitszeitkonto einzurichten und Minusstunden später wieder durch Mehrarbeit auszugleichen.

Notdienstklappe und selbstgenähter Mundschutz

Eine oft gestellte Frage ist, ob auch während der allgemeinen Öffnungszeiten durch die Notdienstklappe bedient werden darf. »Normalerweise nicht«, so Laut, doch in Pandemiezeiten sei dies differenzierter zu betrachten. »Wenn das Ziel, die Personenzahl in der Offizin zu reduzieren und die Infektionsgefahr für die Mitarbeiter mit milderen Mitteln nicht erreicht werden kann, weil zum Beispiel kein Spuckschutz in Gesichtshöhe installiert werden kann oder Schutzkleidung fehlt, kann auf die Notdienstklappe zurückgegriffen werden«, meint der Rechtsanwalt.

Derzeit wird auch der Sinn und Unsinn von selbsthergestellten Schutzmasken, in erster Linie selbstgenähter Mund-Nasen-Schutz, breit diskutiert. Dürfen Apotheken solche Artikel verkaufen? Kammerjustiziar Laut rät davon derzeit eher ab, da dieser nicht den Anforderungen der üblicherweise in der Apotheke verkauften Produkte entspreche. Dieser Aspekt müsse auf jeden Fall betont werden, denn falls es doch zu einer Maskenpflicht in der Öffentlichkeit komme, könnte der Verkauf von selbstgenähten Masken in der Apotheke doch gerechtfertigt sein.

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