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Falsch bezeichnet und dann fast ausgerottet

Datum 15.01.2001  00:00 Uhr
ARNIKA

Falsch bezeichnet und dann fast ausgerottet

von Brigitte M. Gensthaler, München

Die "Arzneipflanze des Jahres" 2001 heißt Arnica montana L. Nach dem Buchweizen im Jahr 1999 kürte der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde damit zum zweiten Mal eine weniger bekannte Arzneipflanze, die noch großes Potenzial für Wissenschaft und Medizin birgt.

Der Bergwohlverleih, Arnica montana, spielt erst seit knapp 500 Jahren eine Rolle in der europäischen Medizin. "Wir suchen eine Arzneipflanze mit historischer Dimension", erklärt Dr. Johannes Gottfried Mayer vom Studienkreis, der am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg angesiedelt ist. Zweites Auswahlkriterium sei die aktuelle Erforschung der Pflanze, die neue Erkenntnisse und Potenziale aufzeigen soll. Beide Aspekte seien bei einem Symposium zur Arnika deutlich geworden.

Die antike Medizin kannte die Pflanze nicht. Als erste Nennung der Arnika wird meist die "Physica" von Hildegard von Bingen (1099 bis 1179) zitiert. Die "Wolfesgelegena" sollte dem Liebeszauber dienen. Ein Irrtum, sagt Mayer im Gespräch mit der PZ. "Wir konnten zeigen, dass Hildegard vermutlich eine andere Pflanze meinte"; möglicherweise ein Wolfsmilchgewächs. Die erste gesicherte Erwähnung findet man erst im Spätmittelalter, im 14. Jahrhundert.

Ein frauenheilkundlicher Text aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts beschreibt einen Trank aus Arnika und Pfefferkörnern als Mittel bei ausbleibender Menstruation. Die Verwendung bei Monatsbeschwerden und als Abtreibungsmittel dürfte in der mittelalterlichen Volksheilkunde weit verbreitet gewesen sein, schätzt Mayer.

Arnica oder Alisma?

"Im 16. Jahrhundert geht es dann explosionsartig los. Überall taucht Arnica auf, aber unter dem Namen Alisma". Diese Verwechslung - "eine prominente Fehldeutung" - publizierten Mitglieder des Würzburger Studienkreises (Zeitschr. Phytother. 21 (2000) 30 - 36). Renaissance-Autoren, vermutlich als erster Pietro Andrea Matthiolus, identifizierten die Arnika mit "Alisma" oder "Damassionium" aus der Materia medica des Dioscurides - obwohl Alisma, das Froschlöffelkraut (Wasserwegerich), völlig anders aussieht als der Bergwohlverleih. Gleichwohl wurden Synonyme und Anwendungsbereiche der beiden Heilpflanzen bis in die Goethezeit hinein vermischt; selbst in modernen Pflanzenbüchern habe er dies noch gefunden, berichtet der Philologe.

In vielen historischen Kräuterbüchern wird die Arnika als Alisma bezeichnet und abgebildet, so im Kräuterbuch des Pietro Matthiolus oder im berühmten Hortus Eystettensis.

Fast ausgerottet

Der Dichterfürst Goethe schätzte das heilkräftige Kraut aus den Bergen sehr. Und ebenso seine Zeitgenossen. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Heilpflanze so ausgiebig in den Apotheken verarbeitet, dass man ihre Bestände in Mitteleuropa beinahe ausrottete. Seit langem ist der Bergwohlverleih als besonders gefährdete Art gelistet. 1981 wurde er in das Washingtoner Artenschutzabkommen aufgenommen. Aus diesem Grund ist in Deutschland neben Arnica montana auch die leicht kultivierbare Nordamerikanische Wiesenarnika (Arnica chamissonis Less. ssp. foliosa [Nutt.]) offizinell. Beide gehören zur Familie der Asteraceen.

Dem gewerbsmäßigen Anbau widersetzte sich der Bergwohlverleih lange Zeit erfolgreich. Hagers Handbuch von 1992 schreibt dazu: "Eine Kultivierung ist zwar prinzipiell möglich, aber problematisch und nicht lohnend." Nach Freilandversuchen, die die Bayerische Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenbau in Freising-Weihenstephan von 1983 bis 1993 ausführte, ist jetzt ein wirtschaftlicher Anbau möglich, berichtet Mayer.

Sesquiterpenlactone wecken das Forscherinteresse

Arzneilich verwendet werden nur die Blüten des Bergwohlverleih. Im Vordergrund steht die Entzündungshemmung, die maßgeblich auf die Sesquiterpenlactone vom Typ der Helenanolide zurückgeführt werden. So konnte unter anderem die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Irmgard Merfort in Freiburg nachweisen, dass Helenalin in sehr niedrigen Konzentrationen von 10 µM die Aktivierung des nukleären Transkriptionsfaktors NF-kB komplett hemmt (siehe Titelbeitrag in PZ 2/99, Seite 16). Die biologisch hochaktiven Verbindungen könnten aber auch als Leitstrukturen bei der Entwicklung neuartiger entzündungs- und tumorhemmender Arzneistoffe dienen, meint Privatdozent Dr. Thomas Schmidt vom Institut für Pharmazeutische Biologie in Düsseldorf.

Dass Arnika hilft, weiß die Volksmedizin seit langem und setzt Arnikaaufgüsse und -tinkturen bei Blutergüssen, Prellungen, Verstauchungen, Quetschungen, Ödemen nach Brüchen und bei rheumatischen Muskel- und Gelenkbeschwerden ein. Auch oberflächliche Venenentzündungen, Entzündungen nach Insektenstichen sowie im Mund und Rachen sollen durch Umschläge und Spülungen gebessert werden. Nur in der Homöopathie wird eine innerliche Anwendung auf Grund der Herz-Kreislauf-Wirkungen beschrieben. Aber auch hier dominiert die Anwendung bei stumpfen Verletzungen.

In der Phytotherapie wird die Tinktur nur äußerlich und drei- bis zehnfach mit Wasser verdünnt angewendet. Ethanolische und ölige Auszüge, eingearbeitet in Salben, helfen bei den gleichen Indikationen. Aber Vorsicht: Arnikablüten und -zubereitungen können Kontaktallergien auslösen und bei längerer Anwendung oder höherer Konzentration Ekzeme und toxische Hautreaktionen bis hin zur Nekrose hervorrufen.

Arnica montana L. ist heute noch eines der gebräuchlichsten Wundheilmittel in der Homöopathie und der Phytotherapie - und jetzt auch noch Arzneipflanze des Jahres. Top

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