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Krebsforschung

Neues T-Zell-Target

Eine neue Art der Tumorerkennung durch T-Zellen, den unangefochtenen Stars unter den Waffen des Immunsystems gegen Krebserkrankung, könnte diese Abwehrzellen noch attraktiver für Tumortherapien machen.
Theo Dingermann
23.01.2020
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Dies kann man zumindest erahnen, wenn man eine brandaktuelle Publikation eines Autorenkollektivs um Michael D. Crowther von der Cardiff University School of Medicine liest. Diese Autoren haben ein Protein auf Krebszellen identifiziert, das von T-Zell-Rezeptoren HLA-unabhängig erkannt werden kann und in der Folge diese Zellen zerstört.

Sollte sich das bewahrheiten, wäre das eine Sensation. Denn bisher können T-Zellen immer nur dann eine bösartige Tumorzelle erkennen, wenn tumorassoziieren Antigene über MHC-Komplexe dem Immunsystem gezeigt werden. Fatalerweise sind jedoch die Tumorzellen in der Lage, die MHC-Komplexe herunter zu regulieren und sich so vor dem Immunsystem zu verstecken.

Die Struktur, die die Wissenschaftler mit Hilfe eines genomweiten CRISPR-Cas9-Screenings identifizierten, trägt den Namen MR1. Dies ist ein Protein, das strukturell mit dem MHC-Klasse I-Protein verwandt ist. Und tatsächlich funktioniert auch MR1 ähnlich wie MHC-I-Komplexe.

Der Unterschied besteht allerdings darin, dass MR1 im Gegensatz zu den MHC-Komplexen monomorph ist und sich nicht von Mensch zu Mensch unterscheidet. Zudem scheint der T-Zell-Rezeptor (TCR) sehr viele, vielleicht sogar die meisten, menschlichen Krebsarten über MR1 zu erkennen und abzutöten, während er gegenüber Nicht-Krebszellen erstaunlicherweise inert bleibt.

Maßgeschneiderte Therapie nicht mehr nötig

Dies erklären die Wissenschaftler so, dass die Erkennung des Tumors über ein Abtasten des Krebs-Metaboloms erfolgt. Das könnte bedeuten, dass mit Hilfe von MR1 eine T-Zell-Therapie möglich wird, die bei einer Vielzahl von Krebsarten beim Menschen eingesetzt werden könnte, ohne dass eine maßgeschneiderte Behandlung erforderlich ist. Optimistisch könnte man schlussfolgern, dass mit der Entdeckung von MR1 eine Möglichkeit für HLA-unabhängige, Pan-Krebs-, Pan-Populations-Immuntherapien denkbar wird.

In Labortests mit menschlichen Zellen töteten die mit MR1 ausgestatteten T-Zellen »multiplen Krebszelllinien (Lunge, Melanom, Leukämie, Dickdarm, Brust, Prostata, Knochen und Eierstock), die keine gemeinsame HLA-Komplexe aufwiesen«, schreiben die Autoren in ihrem Artikel.

Allerdings betonen die Forscher auch, dass sich die Arbeiten noch in einem frühen Stadium befinden und die Experimente bisher nur an Mäusen und menschlichen Zellen im Labor, nicht jedoch an lebenden Patienten durchgeführt wurden. Die vorläufigen Ergebnisse sind jedoch vielversprechend und deuten darauf hin, dass T-Zelltherapien kurz vor einem weiteren, signifikanten Fortschritt stehen könnten.

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