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Live-Webcast

Neues Format rund um das Coronavirus für Apotheker

Mehr als 1000 Teilnehmer, zwei Experten, ein Thema: Gestern Abend informierten die Frankfurter Pharmazieprofessoren Dr. Theo Dingermann und Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz in einem gemeinsamen Live Webcast von Pharma4u und PZ zur Coronakrise.
Daniela Hüttemann
Sven Siebenand
26.03.2020  15:20 Uhr

Der 8. Dezember 2019 ist ein Schlüsseltag in der Coronakrise. An diesem Tag fiel mithilfe eines Surveillance-Systems in China die Häufung von Lungenerkrankungen in der Millionenstadt Wuhan auf. Relativ schnell, so Schubert-Zsilavecz, habe man herausbekommen, dass es sich bei dem Auslöser um ein Coronavirus handelte. Der Apotheker wies darauf hin, dass Coronaviren längst bekannt sind und dass es in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits Warnschüsse gegeben hat. Auch das Schwere Akute Respiratorische Syndrom (SARS) und das Middle East Respiratory Syndrome (MERS) wurden durch Coronaviren hervorgerufen: SARS-CoV und MERS-CoV. Das in der aktuellen Coronakrise zirkulierende Virus SARS-CoV-2 habe bezüglich der genetischen Information eine hohe Vergleichbarkeit zu SARS-CoV, so Schubert-Zsilavecz.

Dingermann hält es für wahrscheinlich, dass eine nicht oder weniger pathogene Version des Virusvon einem tierischen Wirt auf den Menschen übergesprungen ist und sich danach zu der aktuellen pathogenen und sehr infektiösen Variante entwickelt hat. Er informierte, dass SARS-CoV-2 einem Fledermaus-Coronavirus ähnlich sei. Es sei aber gut möglich, dass es keine direkte Übertragung von Fledermaus zu Mensch gegeben habe, sondern noch ein weiteres Tier als Zwischenwirt fungiert hat. Bestimmte Schuppentiere, sogenannte Pangoline, kommen hier ins Spiel. Während das Fledermaus-Coronavirus eine Homologie von circa 90 Prozent zu SARS-CoV-2 aufweist, liegt die Homologie eines Pangolin-Coronavirus noch deutlich höher.

»Das Virus ist extrem infektiös«, warnte Dingermann. Kleine Dosen Aerosol reichen aus, um sich zu infizieren. Deshalb seien die nun getroffenen Maßnahmen, wie ausreichend Abstand halten, sehr wichtig. »Sehr vernünftig sind Plexiglaswände in der Apotheke«, ergänzte Schubert-Zsilavecz. Die Aerosol-Übertragung werde damit mechanisch verhindert. Er riet, die Plexiglasscheiben zwei- bis dreimal täglich mit einer normalen Reinigungslösung zu säubern. Detergenzien reichen aus, um das behüllte Virus zu inaktivieren.

Beide Experten betonten die Bedeutung des Händewaschens. Mehrmals täglich müssen die Hände für mindestens 20 Sekunden ordentlich mit Seife gereinigt werden, so Schubert-Zsilavecz. Das Tragen von Handschuhen gebe dagegen eventuell Anlass für eine falsche Sicherheit. Ob mit oder ohne Handschuhe: Wichtig sei es, sich mit den Händen nicht ins Gesicht zu fassen, um die Ansteckung über Mund, Nase oder Augen zu umgehen.

Die Teilnehmer des Webcasts befragten die Experten auch zum Thema Mundschutz. Dingermann betonte, dass ein einfacher Mundschutz nicht den Träger der Maske schützt, sondern den Gegenüber. Es sei zu begrüßen, wenn Menschen auf der Straße einen Mundschutz tragen, gegebenenfalls auch einen selbstgenähten.

Wie unterscheidet sich Covid-19 von Erkältung und Grippe?

An der Symptomatik allein lassen sich die verschiedenen Virusinfektionen nicht zuverlässig unterscheiden, betonte Schubert-Zsilavecz. Bestehen Unsicherheiten seitens des Arztes, sollte dieser einen Test anordnen. Eher ungewöhnlich für Covid-19, aber sehr typisch für eine banale Erkältung ist eine laufende Nase. Trockener Husten spreche eher für Influenza oder Covid-19, so Dingermann, doch nehme mit Abklingen der Grippesaison die Wahrscheinlichkeit für eine echte Influenza ab.

Typisch für schwere Covid-19-Verläufe sei die Atemnot. Erst seit Kurzem weiß man aus einer Umfrage im Kreis Heinsberg, dass deutliche Geschmacks- und Geruchsstörungen bei ansonsten kaum symptomatischen SARS-CoV-2-Infizierten relativ häufig auftreten können.

Wann und welche Tests zur Diagnostik sind sinnvoll?

Der derzeit einzig relevante Test in Deutschland sei die »Real-time Reverse Transkriptase-PCR« (RT-PCR), die jedoch relativ aufwendig sei, was Personal, Maschinen, Material und auch Zeit angehe. Es dauere derzeit ein bis zwei Tage, mancherorts sogar fünf, bis das Ergebnis vorliege. »Für ein flächendeckendes Screening haben wir derzeit nicht die Ressourcen«, gibt Schubert-Zsilavecz zu bedenken. Die entsprechend qualifizierten Labore arbeiten bereits auf Hochtouren und die Testkits seien auch immer schwieriger zu bekommen. »Sie bestehen aus mehreren Komponenten, die teils von Zulieferern kommen, ähnlich wie beim Bau eines Autos«, erläutert der Pharmazeutische Chemiker. Auch in der Testkit-Produktion gebe es unterbrochene Lieferketten aufgrund der Pandemie.

»Das RKI hat bereits seine Testphilosophie geändert«, so Dingermann. Es sollen nun nur noch Patienten mit Covid-19-Symptomen getestet werden, ein reiner Verdacht bei Symptomlosen reicht nicht mehr. Das sei aus epidemiologischer Sicht schade. Eine Alternative könnte demnächst ein synthetischer Antikörper sein, der ein Protein des Virus spezifisch nachweisen soll. Während bei einer PCR zunächst die Virus-RNA in DNA transkribiert und die DNA dann amplifiziert werden muss, entfallen diese Schritte beim Antikörper-Protein-Test, was ihn deutlich schneller macht.

Dieser Test dürfe nicht verwechselt werden mit den klassischen Antikörper-Immunglobulin-Tests, die mittlerweile schon als Schnelltests auf dem Markt sind. Dabei weist ein immunchemischer Test Antikörper im Serum des Infizierten nach, die dieser selbst als Antwort auf das Virus gebildet hat. Diese Tests schlagen jedoch erst nach der sogenannten Serokonversion an, die in der Regel erst zehn bis zwölf Tage nach der Infektion erfolgt.

Demnächst Schnelltests aus der Apotheke

Einige Zuschauer berichteten, dass ihnen bereits Schnelltests für die Apotheke angeboten wurden. Hier rät Schubert-Zsilavecz eindeutig zu Vorsicht: »Hören Sie sich das ruhig an, aber trauen Sie noch keinem.« Man sollte fragen, wo diese Tests herkommen und wie sie ausgewiesen sind, ergänzte Dingermann. Ein CE-Kennzeichen sei das Mindeste. Derzeit gebe es für Diagnostiktest kaum Restriktionen, was den Marktzugang angeht.

Dingermann geht davon aus, dass es durchaus seriöse Anbieter gibt oder geben wird und definitiv bald Schnelltest über den Vertriebsweg Apotheke verfügbar sind. Sie werden vom Aufbau und Design ähnlich einfach wie ein Schwangerschaftstest anzuwenden sein. »Die Frage ist jedoch, ob Sie als Apotheker einen solchen Test auf SARS-CoV-2 veranlassen dürfen und sollten«, warnt Dingermann. Die Diagnostik gehöre in die Domäne der Ärzte.

Verordnete Medikamente nicht einfach absetzen

Gleiches gilt natürlich für verordnete Medikamente. Dingermann und Schubert-Zsilavecz betonten, dass es für die derzeit diskutierten Thesen, dass einige Medikamente die menschlichen Zellen für SARS-CoV-2 empfänglicher machen könnten oder den Verlauf der Infektion verschlechtern, keine klinische Evidenz gebe. Daher sei es mit jetzigem Kenntnisstand nicht zu rechtfertigen, wenn ärztlich verordnetes Ibuprofen, ASS, ACE-Hemmer oder Sartane abgesetzt würden. »Es gibt derzeit keine absolute Kontraindikation für ASS und Ibuprofen bei Covid-19-Patienten«, so Dingermann.

In der Selbstmedikation könne man jedoch durchaus etwas kritischer mit Ibuprofen umgehen, allerdings nur bei Patienten mit Covid-19-Symptomen. Schubert-Zsilavecz hält es für gerechtfertigt, bei nachgewiesenen SARS-CoV-2-Infizierten Ibuprofen eher zurückhaltend einzusetzen und stattdessen Paracetamol zu geben. »Paracetamol muss nun aber nicht flächendeckend eingesetzt werden«, so der Apotheker.

Die Hypothesen rund um Ibuprofen

Dingermann vermutet, dass in der Debatte um Ibuprofen und Covid-19 noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Er erläuterte noch einmal den Hergang der Berichterstattung und die Grundlagen der Hypothesen. Neben einer eindeutigen Fake News in Form einer viral verbreiteten Sprachnachricht zu angeblichen experimentellen Studien der Uniklinik Wien gibt es wissenschaftlich publizierte Hypothesen, wonach Ibuprofen die Regulation des ACE2-Rezeptors hochregulieren soll.

Dieser Rezeptor wird auf der Oberfläche menschlicher Zellen unter anderem im Nasen-Rachen-Raum und der Lunge exprimiert und dient SARS-CoV-2 als Eintrittspforte in die Zelle. Die Befürchtung ist nun einerseits, dass durch Ibuprofen-Einnahme mehr dieser Rezeptoren gebildet werden und sich so das Risiko für eine Ansteckung erhöht. Zum anderen wird spekuliert, ob eine Ibuprofen-Gabe den Verlauf einer Covid-19-Erkrankungen verschlechtern kann.

Hierbei fiel auch die These, dass dies mit der thrombozytenaggregationshemmenden Wirkung zusammenhängen könnte. Dies würde dann aber auch für andere NSAR, insbesondere ASS gelten, erläuterte Dingermann, doch bislang gebe es keine entsprechenden Publikationen, die andere NSAR als Ibuprofen in einen Zusammenhang mit Covid-19 bringen. Unbekannt sei auch, ob aus dieser Wirkstoffklasse nur Ibuprofen für eine Hochregulation von ACE2 sorgt.

»Wir wollen festhalten, dass es sich hierbei bislang um reine Hypothesen handelt und es keine klinischen Belege für eine höhere Ansteckungswahrscheinlichkeit oder einem schwereren Verlauf gibt«, betont Schubert-Zsilavecz.

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