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Sabizabulin

Neuer Wirkstoff bei schwerem Covid-19 punktet in Phase III

Eine Phase-III-Studie mit einem potenziellen Wirkstoff bei schwerem Covid-19 ist vorab beendet worden. Der Grund: Sabizabulin schnitt im Vergleich zu Placebo deutlich besser ab. Nun will der Hersteller in den USA schnell eine Notfallzulassung anstreben.
Sven Siebenand
14.04.2022  15:30 Uhr

Wie das eigentlich auf Onkologika spezialisierte Unternehmen Veru meldet, hat der Wirkstoff Sabizabulin bei einer vorab geplanten Zwischenanalyse einer Covid-19-Studie der Phase III positive Wirksamkeits- und Sicherheitsergebnisse erzielt. An der doppelblinden, randomisierten und placebokontrollierten Studie sollten 210 hospitalisierte Patienten mit mittelschwerem bis schwerem Covid-19 und einem hohen Risiko für ein akutes Atemnotsyndrom und Tod teilnehmen. In beiden Behandlungsarmen erhielten die Probanden eine Standardbehandlung, etwa mit Remdesivir, Dexamethason, IL-6-Rezeptorantagonisten oder JAK-Inhibitoren. Zusätzlich erhielten die Patienten der Verumgruppe pro Tag 9 mg Sabizabulin oral.

Vorab war festgelegt worden, nach 150 eingeschlossen Patienten (diese waren übrigens mit der Delta- oder Omikron-Variante von SARS-CoV-2 infiziert) eine Zwischenanalyse vorzunehmen. Dies ist nun geschehen und hat beim Blick auf den primären Wirksamkeitsendpunkt einen großen Unterschied gezeigt. Der Anteil der Patienten, die bis Tag 60 verstarben, lag in der Verumgruppe bei 20 Prozent, in der Placebogruppe bei 45 Prozent. Dieser Unterschied entspricht einer relativen Reduktion der Sterberate um 55 Prozent und war dem unabhängigen Überwachungsausschuss der Studie offenbar eindeutig genug. Er empfahl einstimmig, die Studie aufgrund überlegener Wirksamkeit vorzeitig abzubrechen, und merkte ferner an, dass keine Sicherheitsbedenken festgestellt worden seien.

In der »New York Times« spricht einer der Prüfärzte, Dr. Michael Gordon vom Honor Health Research and Innovation Institute in Scottsdale, Arizona, von einer »dramatischen« Verbesserung der 60-Tage-Sterblichkeit durch Sabizabulin. Der Mediziner betont aber auch die Notwendigkeit weiterer Daten. Er sei gespannt auf detailliertere Analysen.

Das Unternehmen Veru plant unterdessen schon ein Treffen mit der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA, um die nächsten Schritte zu besprechen. Dazu gehört auch das Stellen eines Antrags für eine Notfallzulassung. Zudem wurde angekündigt, die Produktion des Medikaments hochzufahren, um im Falle einer FDA-Zulassung den Bedarf decken zu können. In der EU sind bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA bis dato noch keine Anträge eingegangen.

Wirkprinzip mit Parallelen zu Colchicin

Wie wirkt Sabizabulin? Der Mechanismus erinnert an jenen des Alkaloids der Herbstzeitlose. Auch Colchicin war früh nach Beginn der Coronapandemie als mögliches Covid-19-Medikament ins Spiel gebracht worden, konnte aber letztlich keine ausreichende Wirksamkeit nachweisen. Bei Sabizabulin scheint dies anders sein. Wie Colchicin bindet es an Tubulin und verhindert dessen Polymerisation und damit die Bildung der Mikrotubuli. So kommt es laut Veru auch bei Sabizabulin zu Auswirkungen auf die Mitose. Wenig überraschend wird das Spindelgift daher auch bei Krebs getestet.

Was für den Einsatz bei Covid-19 aber viel wichtiger ist, sind die antivirale und die antiinflammatorische Wirkung. Erstere erklärt sich dadurch, dass Viren wie SARS-CoV-2 auf den intrazellulären Transport entlang von Mikrotubuli angewiesen sind. Dieser wird durch Sabizabulin gestört und damit ein Effekt auf die Replikation erzielt. Die antientzündliche Wirkung basiert wie bei Colchicin offenbar darauf, dass durch Leukozyten vermittelte Entzündungsaktivitäten moduliert werden, unter anderem die Freisetzung verschiedener Zytokine, etwa Interleukin-18. So könnten viral induzierte schwere Entzündungen in den Atemwegen reduziert und ein gefürchteter Zytokinsturm bei Covid-19 verhindert werden.

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