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Rhesus-Unverträglichkeit

Neuer Test für Schwangere kann Immunglobulin-Spritze ersparen

Rhesus-negative Schwangere können ab heute den Rhesusfaktor ihres ungeborenen Kindes über eine Blutprobe bestimmen lassen. So lassen sich unnötige Immunglobulin-Behandlungen vermeiden.
Christiane Berg
01.07.2021  09:00 Uhr

Ist das Blut von Mutter und Kind hinsichtlich des Rhesusfaktors nicht deckungsgleich, so kann es zu Unverträglichkeitsreaktionen und schwerwiegenden Schädigungen des Fetus während der aktuellen, aber vor allem auch bei zukünftigen Schwangerschaften kommen (Morbus haemolyticus neonatorum). Da der Rhesusfaktor (Faktor D) des Ungeborenen bisher nicht ohne weiteres bestimmt werden konnte, wurden in der Vergangenheit allen Rhesus-negativen Müttern Rhesusfaktor-Antikörper (Anti-D-Immunglobuline) injiziert, um Abstoßungsreaktionen gegen das kindliche Blut zu vermeiden. 

Als Teil der gesetzlichen Mutterschaftsvorsorge können Rhesus-negative Schwangere ab dem 1. Juli 2021 den Rhesusfaktor ihres ungeborenen Kindes mittels molekulargenetischer Analyse zellfreier fetaler DNA im mütterlichen Blut bestimmen lassen. So lässt sich feststellen, ob eine Anti-D-Prophylaxe zur Verhinderung von Komplikationen notwendig ist. Ein wichtiger Vorteil des neuen Gentests besteht darin, dass künftig nur noch jene Rhesus-negativen Schwangeren die Anti-D-Prophylaxe erhalten, bei denen dank des Tests klar ist, dass sie ein Rhesus-positives Kind erwarten. »So können unnötige Immunglobulin-Gaben vermieden und im Rahmen der Mutterschaftsvorsorge dennoch mögliche Risiken gemindert werden«, macht der GKV-Spitzenverband in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) deutlich. Es handele sich um einen »für alle Seiten nutzbringenden Gentest, der vollkommen zu Recht in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen worden ist«.

Schutz weltweit knapper Immunglobulin-Ressourcen

Circa 17 Prozent der Schwangeren sind Rhesus-negativ und können das Angebot ihrer gesetzlichen Krankenversicherung in Anspruch nehmen. Derzeit ist bei etwa jeder zehnten Schwangerschaft noch die Gabe von Antikörpern gegen den Rhesusfaktor angezeigt. Pro Jahr könnten in Deutschland fast 50.000 Behandlung eingespart werden. 

Auch die Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) spricht von einem großen Fortschritt: »Der Einsatz von Anti-D-Immunglobulin kann jetzt zielgerichtet und nach Bedarf bei den Schwangeren erfolgen, für die ein erwiesenes Risiko besteht. Der Verbrauch des wertvollen Blutprodukts kann so insgesamt reduziert werden«, hatte die Fachgesellschaft in einem entsprechenden Statement bereits zu Beginn dieses Monats deutlich gemacht.

Der Bundesverband der Frauenärzte (BVF) spricht mit Blick auf den neuen Pränataltest von einer echten Innovation. »Wird das Baby Rhesus-negativ so wie die Mutter, so braucht diese keine schützenden Antikörper. Das ist in 40 Prozent aller Schwangerschaften Rhesus-negativer Mütter der Fall«, so hat der Präsident des BVF, Dr. Christian Albring, in einem entsprechenden Statement bereits am 17. Juni erläutert.

Gefahr vor allem bei Folgeschwangerschaften

Anders sei es bei den restlichen 60 Prozent, also der Geburt von Rhesus-positiven Kindern, wobei es im Rahmen einer ersten Schwangerschaft zunächst einmal selten zu Problemen komme. Erwarte eine Rhesus-negative Frau ein Rhesus-positives Kind, könne das mütterliche Blut Abwehrstoffe, also Anti-D-Antikörper vom IgG-Typ (Immunglobulin G), bilden. In den meisten Fällen komme es aber erst während der Geburt zur Übertragung von kindlichem Blut in den Blutkreislauf der Mutter, sodass für das erste Kind häufig keine Gefahr besteht.

Wird die Mutter jedoch erneut mit einem rhesus-positiven Kind schwanger, können ihre Antikörper in den Blutkreislauf des nunmehr Ungeborenen gelangen, seine Entwicklung schwer beeinträchtigen und sogar lebensbedrohlich für das Kind sein. Daher erhalten Rhesus-negative Mütter, die ein Rhesus-positives Kind erwarten, in der 30. Woche und noch einmal nach der Geburt hochdosierte Rhesus-Antikörper, die die möglicherweise schon ins Blut der Mutter gelangten Rhesus-positiven Blutkörperchen des Babys zerstören und verhindern, dass die Mutter selbst Antikörper entwickelt.

Die Gabe von Immunglobulinen kann betroffene Kinder schützen. Diese sind aber weltweit knapp. Denn: Rhesus-Antikörper können nicht synthetisch erzeugt, sondern nur über entsprechende Blutspenden gewonnen werden. In Deutschland, so der BVF, gebe es keine Spender mehr. Und es sei zu befürchten, dass auch der Nachschub an Rh-Immunglobulinen aus dem Ausland in der Zukunft deutlich zurückgehen wird. Der neue Test, der ab der zwölften Schwangerschaftswoche zur Anwendung kommen kann, sei eine wichtige Möglichkeit, die weltweit knappen Ressourcen zu schonen.

Da es sich bei der vorgeburtlichen Rhesusfaktor-Bestimmung aus der Blutprobe der Schwangeren um eine genetische Untersuchung handelt, gelten für die ärztlichen Aufklärungs- und Beratungsverpflichtungen die Vorgaben des Gendiagnostikgesetzes.

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