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Milzbrand

Neuer Antikörper neutralisiert Bakterientoxine

Seit kurzem ist der monoklonale Antikörper Obiltoxaximab zur Behandlung von Milzbrand in der EU zugelassen. Diese bakterielle Erkrankung verläuft trotz antibiotischer Therapie oft tödlich.
Brigitte M. Gensthaler
03.12.2020  10:00 Uhr

Der Milzbrand (Anthrax) ist eine sehr seltene, bakterielle Infektionskrankheit. Ausgelöst wird sie durch die Aufnahme von Sporen des grampositiven Bakteriums Bacillus anthracis. Die Sporen gelangen über kleine Hautläsionen, aber auch auf oralem oder inhalativem Weg in den Körper. Aus den Sporen entwickeln sich die Bakterien, die lebensgefährliche Toxine freisetzen.

Je nach Infektionsweg entstehen unterschiedliche schwere Krankheitsbilder, zum Beispiel Hautmilzbrand (Ulkus mit zentraler schwarzer Nekrose), Darm- (etwa mit blutiger Diarrhö) oder Lungenmilzbrand (Pneumonie). Antibiotisch werden unter anderem Ciprofloxacin, Clindamycin und Penicillin G eingesetzt. Dennoch sterben viele Patienten mit Darm- und Lungenmilzbrand.

Obiltoxaximab SFL (SFL Pharmaceuticals Deutschland GmbH, Lörrach) ist für alle Altersgruppen in Kombination mit Antibiotika zur Behandlung von inhalativem Anthrax zugelassen. Ebenso ist es indiziert zur Postexpositionsprophylaxe bei Personen, die inhalativen Kontakt mit dem Milzbrand-Erreger hatten, wenn keine anderen Therapien zur Verfügung stehen. Obiltoxaximab SFL erhielt 2018 die Einstufung als Orphan Drug und Mitte November die Zulassung in der EU. In den USA ist der Antikörper bereits seit 2016 zugelassen.

Der monoklonale Antikörper bindet an eine Komponente des B.-anthracis-Toxins, das »Anthrax Protektive Antigen«, und verhindert dessen Bindung an einen Zellrezeptor und damit die intrazelluläre Aufnahme des Toxins. In der Folge sollen die Symptome gelindert oder verhindert werden. Da der Antikörper die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann, eignet er sich weder zur Therapie noch zur Prophylaxe einer (fast immer tödlich verlaufenden) Anthrax-Meningitis. Obiltoxaximab wird körpergewichtsbezogen dosiert und nach einer Prämedikation mit Antihistaminika intravenös über 90 Minuten infundiert.

Nur Daten aus Tierstudien

Aus ethischen Gründen sind keine Studien mit dem Milzbrand-Erreger am Menschen möglich. Die Zulassung stützt sich auf drei Studien mit infizierten Tieren. In der Verumgruppe überlebten zwischen 30 und 60 Prozent der bereits symptomatischen Tiere verglichen mit 0 bis 6 Prozent unter Placebo. Bekamen die Tiere den Antikörper, bevor sie Symptome zeigten, überlebten zwischen 50 und 100 Prozent – je nachdem wie rasch sie die Infusion nach der Infektion bekamen. Unter Placebo starben alle Tiere.

Die Zulassung wurde unter »außergewöhnlichen Umständen« erteilt. Das Unternehmen wird daher weitere Labordaten zur Pharmakokinetik sowie – bei einem möglichen Ausbruch von Anthrax – Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit vorlegen

Milzbrand kommt weltweit vor, ist aber äußerst selten. In Europa gibt es sporadische Einzelfälle. Menschen infizieren sich meist durch Kontakt mit infizierten Weidetieren/Kadavern oder durch Injektion verunreinigter Drogen (Heroin). Infektionen sind laut EMA aber auch denkbar infolge von Unfällen in Laboren, die mit dem Erreger arbeiten, oder von terroristischen Angriffen, bei denen das Bakterium als Waffe eingesetzt wird. Laut Robert-Koch-Institut ist in Deutschland seit 2013 der ameri­ka­ni­sche Impfstoff BioThrax® zugelassen, dessen Wirkung auf der Antikörperinduktion gegen das Protektive Antigen beruht.  Indiziert ist BioThrax® für die aktive Immunisierung von Erwachsenen, die ein hohes Risiko der Exposition gegenüber Milzbranderregern haben.

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