Pharmazeutische Zeitung online
Covid-19-Impfstoffe

Neue Wege zur Zulassung

Das vergangene Jahr war auch geprägt von beschleunigten Wegen zur Zulassung von Covid-19-Impfstoffen. Einen Einblick in diese Strategien bot Dr. Nadine Kirsch-Stefan im Rahmen der Friday-Talk-Serie des Pharma-MBA-Studienprogramms der Goethe Business School.
Theo Dingermann
15.02.2021  17:30 Uhr

Ungewöhnlich viele Zuhörer hatten sich zu dem Friday-Talk im Rahmen des Pharma-MBA-Studienprogramms angemeldet. Das verwunderte nicht, denn der Vortrag von Dr. Nadine Kirsch-Stefan, Leiterin des Office for Scientific and Regulatory Advice (OSRA) des German Center for Infection Research (DZIF) am Paul-Ehrlich-Institut (PEI), zum Thema »Development and regulation of Covid-19 vaccines in times of the pandemic« versprach Einblicke in ein hochaktuelles Themenfeld: die Zulassungssystematik für Impfstoffkandidaten zum Schutz gegen schwere Covid-19-Verläufe.

Dies ist alles andere als ein Routineprozedere, wie es zig-fach pro Jahr für klassische Wirkstoffe bei den Zulassungsbehörden durchexerziert wird. Der großen Bedeutung der neuen Covid-19-Impfstoffentwicklungen Rechnung tragend hat auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) zusammen mit den nationalen Arzneimittelbehörden (für Deutschland das PEI) ihre Standardroutine von Zulassungsverfahren geändert.

Es wurden verschiedene Verfahren erarbeitet und etabliert, welche die Entwicklung unterstützen und den regulatorischen Zulassungsprozess beschleunigen, ohne Verlust der notwendigen Sorgfalt. Unter anderem beinhaltet dier Zulassungsprozess eine Systematik bei der Bewertung, die als »Rolling Review« bezeichnet wird. Dieses Verfahren wird in der Öffentlichkeit vielfach als so ungewöhnlich wahrgenommen, dass immer wieder die Seriosität und Sorgfalt dieser Prüfung hinterfragt werden.

Bedenken unbegründet

Diese Bedenken konnte Kirsch-Stefan ausräumen. Sie stellte das Rolling-Review-Verfahren der traditionellen Prüfung von Zulassungsnaträgen gegenüber und zeigte, dass keine kritischen Überprüfungsschritte ausgelassen werden. Vielmehr verschachtelt man die einzelnen Prüfschritte rational und gewinnt dadurch viel Zeit.

Wird das Rolling-Review-Verfahren von der EMA nun auch für die Zulassung klassischer Wirkstoffe adaptiert? Auf diese Frage reagierte Kirsch-Stefan mit Zurückhaltung: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies der Fall sein wird. Dieses Verfahren ist nur für die Zulassung von Arzneimitteln vorgesehen, die spezifisch bei globalen Gesundheitskrisen wie der SARS-CoV-2-Pandemiegebraucht werden.«

Die Erfahrung, die man seinerzeit mit der Entwicklung von Impfstoffen gegen MERS-CoV und SARS-CoV-1 hinsichtlich des protektiven Antigens gemacht hatte, waren für die Konstruktion der COVID-19 Impfstoffe sehr wichtig und am Ende auch signifikant zeitsparend. Generell können für Plattformtechnologien, für die bereits tierexperimentelle Sicherheitsdaten für ähnliche Plattformimpfstoffe generiert wurden, Teile der präklinischen Untersuchungen parallel zur klinischen Prüfung erfolgen.

Augenmerk auf theoretisch Risiken

Im Übrigen werde besonders auch Fragen zu theoretischen Risiken große Aufmerksamkeit geschenkt, so Kirsch-Stefan. Grundlage dafür sei unter anderem die Beobachtung aus den 1960-ziger Jahren, dass ein Impfstoff auf Basis eines formalininaktivierten Impfstoffs gegen das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) bei Kleinkindern eine verstärkte respiratorische Erkrankung (enhanced respiratory disease, ERD) gezeigt hatte. Dieses Phänomen wurde auch bei frühen inaktivierten Masern-Impfstoffen gesehen. Derzeit geht man davon aus, dass eine vorwiegend Th2-gerichtete Immunantwort eine entscheidende Rolle zu spielen scheint, die es zu vermeiden gilt.

Eine weitere, zumindest theoretische Komplikation könnte das Phänomen der sogenannten Antikörper-abhängigen Verstärkung (antibody dependent enhancement, ADE) darstellen, welche z.B. bei Dengue-Impfstoffen beobachtet wurde und welche auf die Bindung nicht-neutralisierender Antikörper zurückgeführt wird. Diese Antikörper verhindern nicht die Infektion des Virus, sondern der Antikörper-Viruskomplex bindet über Fc-gamma Rezeptoren an bestimmte Zellen des Immunsystems. Dies ermöglicht die Aufnahme des Virus in diese Zellen, in welchen sich die Viren anschließend vermehren und eine Infektionsverstärkung hervorrufen können.

Die Impfstoffentwickler müssen den Arzneimittelbehörden nachweisen, dass sie diese theoretischen Risiken durch entsprechende Studien adressieren.

Von der enormen Wirksamkeit einiger der bereits zugelassenen Impfstoffe zeigte sich auch die Expertin überrascht. Dies betrifft nicht nur die durchschnittliche Wirksamkeit über alle Altersgruppen, sondern auch die konsistente Wirksamkeit für diskrete Altersgruppen. Besonders die mRNA-Impfstoffe imponieren hier selbst für die sehr alten Menschen, die bekanntlich zu den besonders Gefährdeten gehören.

Mehr von Avoxa