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Adenoviren im Verdacht

Neue Fakten zu Hepatitisfällen bei Kindern

Die genauen Ursachen für die schweren Hepatitisfälle bei Kindern, die zuletzt aus mehreren Ländern berichtet wurden, sind nach wie vor unklar. In Großbritannien, wo die meisten Kinder erkrankt sind, erhärtet sich der Verdacht, ein bestimmtes Adenovirus könnte dahinterstecken.
Theo Dingermann
27.04.2022  15:00 Uhr

Große Sorgen bereiten zurzeit die stetig steigenden Zahlen von Fällen schwerer Hepatitis bei Kindern. Nach Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren bis zum 21. April mindestens 169 Kinder im Alter von einem Monat bis 16 Jahren in elf Ländern betroffen. Mit insgesamt 114 Fällen traten die mit Abstand meisten Erkrankungen in Großbritannien und Nordirland auf. Bei 17 Kindern war eine Lebertransplantation erforderlich. Mindestens zwei Kinder starben an Leberversagen. Aus Deutschland berichtete das Robert-Koch-Institut gestern von einem Fall.

In einem technischen Briefing vom 25. April informiert die britische Gesundheitsbehörde UKHSA über die Situation in Großbritannien genauer. Danach wurden mit Stand vom 20. April 2022 in Großbritannien seit Jahresbeginn 111 Fälle von akuter Nicht-A-E-Hepatitis mit Serumtransaminasen von mehr als 500 IE/l bei Kindern unter 16 Jahren festgestellt. Keines der im Vereinigten Königreich erkrankten Kinder ist bisher gestorben.

Nachweis des Adenovirus 41F

Nach Angaben der Behörde konnten bei 40 von 53 Fällen, die auf Adenoviren getestet wurden, diese auch nachgewiesen werden. Bei nur zehn von 60 Patienten (16 Prozent) fiel ein Test auf SARS-CoV-2 positiv aus. In vier Fällen wurde auch die Virusvariante identifiziert: Zwei Kinder waren mit Omikron und zwei mit BA.2 beziehungsweise einer anderen Untervariante infiziert. Das ist angesichts der Prävalenz von SARS-CoV-2 in der britischen Bevölkerung kein unerwartetes Ergebnis, wie die UKHSA betont, sodass auf der Grundlage der begrenzten verfügbaren Informationen keine Signale für ein eventuelles Auftreten einer neuen SARS-CoV-2-Variante erkennbar sind.

Die häufigsten Symptome unter den britischen Patienten sind Gelbsucht (74,1 Prozent), gefolgt von Erbrechen (72,8 Prozent), blassem Stuhl (58,0 Prozent) sowie gastrointestinalen Symptomen wie Durchfall (49,4 Prozent) und Übelkeit (39,5 Prozent). Außerdem litten die Kinder an Lethargie (55,6 Prozent), Fieber (29,6 Prozent) und seltener an Atemwegssymptomen (19,8 Prozent).

Auffallend häufig wurde in den Fällen, in denen eine serologische Charakterisierung durchgeführt werden konnte, der Adenovirus-Typ 41F nachgewiesen. Besonders hoch waren die Adenovirus-DNA-Spiegel in Blut-/Serumproben bei den Kindern, die eine Lebertransplantation erhalten hatten. Hier lagen die Spiegel etwa zwölfmal höher als bei Kindern, die weniger schwer erkrankt waren. Dennoch ist damit nicht der Beweis erbracht, dass das Adenovirus 41F der Auslöser für die Hepatitiden ist.

Humanpathogene Adenoviren verursachen eine Vielzahl von Krankheitsbildern. In den meisten Fällen handelt es sich um okuläre, respiratorische und gastrointestinale Infektionen. Letztere Erkrankungen werden von den Typen 40, 41 und 31 verursacht.

Gibt es einen Kofaktor?

Die derzeit wichtigste Hypothese ist, dass die Hepatitis mit dem Adenovirus zusammenhängt. Dabei ist denkbar, dass die Leberschädigungen entweder direkt durch das Virus vermittelt werden oder dass eine Immunpathologie den teils erheblichen Leberschaden verursacht.

Zum jetzigen Zeitpunkt nicht auszuschließen ist zudem, dass es einen Kofaktor gibt, der dazu führt, dass ein normales Adenovirus bei Kleinkindern ein derart schwereres klinisches Bild hervorruft. Denkbar wären beispielsweise eine erhöhte Anfälligkeit aufgrund einer geringeren Exposition mit Adenoviren während der Pandemie, eine frühere SARS-CoV-2-Infektion oder eine Infektion mit einem anderen Pathogen beziehungsweise die Exposition mit einem noch nicht entdeckten Toxin. Ausschließen lässt sich momentan auch nicht, dass ein neuer Adenovirenstamm mit veränderten Merkmalen die Hepatitiden verursacht.

Nicht nur die Tatsache, dass bisher mindestens ein Kind an einer Hepatitis gestorben ist, sondern auch dass in mehreren Fällen das Leben der Kinder nur durch eine Notfalltransplantation gerettet werden konnte, zeige »den Ernst der Erkrankungen«, sagte auch die Direktorin der EU-Seuchenschutzbehörde ECDC, Dr. Andrea Ammon.

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