Pharmazeutische Zeitung online
Viren, Bakterien, Insekten

Natur schreibt Geschichte

In der Geschichte der Menschheit hat die Natur oft eine entscheidende Rolle gespielt. Einige dieser Einflüsse, die bis in die Gegenwart reichen, hat der Biologe Sebastian Jutzi in seiner neuen Publikation unter die Lupe genommen.
Jennifer Evans
18.07.2020  08:00 Uhr

Das Gelbfieber war es, das Napoleon Bonaparte in die Knie zwang, schreibt Jutzi, der auch Leiter der Wissenschaftsredaktion am Paul-Scherrer-Institut ist, einer Schweizer Forschungseinrichtung für Natur- und Ingenieurwissenschaften. Ausgangspunkt für diese Niederlage des berühmten Feldherrn im Jahr 1791 war der Sklavenaufstand in der französischen Kolonie Saint-Domingue im Westen der karibischen Insel Hispaniola. Denn die Menschen, die dort auf den Zuckerrohrplantagen schufteten, fragten sich, warum der neue Freiheitsgedanke der Französischen Revolution nicht auch für sie galt. Doch der künftige Kaiser Frankreichs wollte sich die Antillen-Insel nicht von ihnen entreißen lassen. Nicht nur weil die dortige Zuckerproduktion wichtig für den französischen Außenhandel war, sondern auch weil er seinen Ruf als erfolgreicher Kriegsführer verteidigten wollte. Also schickte Bonaparte im Winter 1801/02 mehr als 30.000 Soldaten in die Karibik, die den Kampf gegen die Aufständischen aufnahmen und gewannen – zunächst zumindest. Als dann aber 1802 das Gelbfieber unter den Soldaten ausbrach, kostete es 15.000 von ihnen das Leben. Die Sklaven, von denen die meisten aus Afrika stammten, wiesen hingegen eine gewisse Immunität auf.

Heute weiß man: Beim Transport der Menschen reisten Krankheitserreger wie Malaria oder Gelbfieber im Blut schon mit. Auch Stechmücken und deren Larven als Überträger tropischer Krankheiten kamen mit den Schiffen aus Afrika in die Karibik. Seinerzeit blieb es allerdings lange ein Rätsel, woher das Gelbfieber stammte. Dank des geschwächten französischen Heers jedoch gewannen 1803 die Aufständischen die Schlacht, die Kolonie wurde unabhängig und nannte sich fortan Haiti. »Dass ihre Revolution der erfolgreichste Sklavenaufstand der Geschichte werden konnte, verdanken die Haitianer zu einem großen Teil dem Gelbfiebervirus«, so Jutzi.

Pest führte zum Pass

Durch den Ausbruch der Pest, die zwischen 1347 bis 1353 in Europa wütete, entstand unser heutiges Passwesen. Im Rahmen der Überlegungen, die verheerende Epidemie endlich aufzuhalten, beschlossen Rat und Einwohner der italienischen Stadt Reggio nell’Emilia, keine Fremden mehr einzulassen – es sei denn, diese begaben sich für einen bestimmten Zeitraum unter Beobachtung. Anfangs ging es um zehn Tage, später etablierten sich 40 Tage als Standard. Jutzi weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die »Quarantäne« zur Seuchenvorbeugung auf das italienische Wort »quaranta« für die Zahl 40 zurückgeht.

Die Stadt Venedig führte zudem die sogenannten Pestbriefe ein, mit denen sich Reisende bestätigen ließen, dass sie aus einem pestfreien Gebiet kamen. »Die Unbedenklichkeitsbescheinigungen erfreuten sich bald solcher Beliebtheit, dass es immer üblicher wurde, ein entsprechendes Dokument bei sich zu tragen. Schließlich belegte es glaubhaft, wer man war und woher man kam«, berichtet der Autor. Schnell entdeckten auch Fälscher ihre Chance. Die italienischen Behörden reagierten und begannen, immer aufwendigere Merkmale wie zum Beispiel ein Siegel oder die Beschreibungen des Inhabers in die Schriftstücke zu integrieren – ähnlich, wie wir es heute von den Reisepässen kennen.

Bakterium deckt auf

Als im Jahr 2005 die beiden australischen Wissenschaftler Barry J. Marshall und J. Robin Warren den Nobelpreis für die Entdeckung erhielten, dass das Bakterium Helicobacter pylori Magenschleimhautentzündungen, Magengeschwüre, Magendurchbrüche und sogar Krebs verursachen kann, ahnten sie nicht: Der Nachweis war nicht nur ein Meilenstein für die Medizin, sondern würde außerdem noch eine weitere geschichtsträchtige Entdeckung nach sich ziehen.

Da sich mittels Genanalyse der Stammbaum des Einzellers erstellen lässt, den etwa jeder zweite Mensch in sich trägt, kann dieser als Indiz für die Wanderungen des frühen Homo sapiens über den Globus dienen, hebt der Biologe hervor. »So entstanden die vorherrschenden Magenkeime Europas wahrscheinlich aus einer genetischen Fusion zweier aus Zentralasien und dem Nahen Osten eingewanderter Elternstämme.«

Mit der Mikrobe verbindet sich außerdem eine Anekdote: Als ein afrikanischer Löwe einst einen Menschen fraß, infizierte er sich dabei mit Helicobacter pylori und steckte später auch seine Artgenossen an. Die daraus folgenden Magenprobleme unter den Löwen sind der Geschichte zufolge die Rache für den getöteten Menschen. Jutzi bemerkt dazu, dass laut genetischer Studien an Magenkeimen von Großkatzen das Bakterium tatsächlich einmal vom Menschen auf die Löwen übergesprungen sein muss.

Motte macht Karriere

Als am 7. September 1947 ein Insekt eine Panne verursachte, avancierte es unfreiwillig zu einem Star der Technikgeschichte. Der Vorfall ereignete sich an der Harvard-Universität in Boston. Der Rechner namens Mark II, den Wissenschaftler im Auftrag der US-Navy entwickelt hatten, befand sich zu dem Zeitpunkt in der Testphase. Die Maschine füllte damals gut 370 Quadratmeter und strahlte so viel Wärme ab, dass die Fenster im Raum geöffnet waren. Als der Computer wieder einmal den Dienst versagte, begaben sich die Experten auf Fehlersuche.

Doch dieses Mal war keine technische Störung Schuld an dem Kurzschluss. »In Relais 70 der Paneele F fand ein Mitarbeiter nämlich eine Motte«, so Jutzi. Pflichtbewusst habe der Fachmann das Insekt in das Logbuch geklebt und sein Kollege notierte später: »15:45 Uhr: First actual case of bug being found.« Die Geschichte vom dem tatsächlich durch ein Insekt verursachten Computerfehler hat dem Autor zufolge dazu beigetragen, dass ein solches Problem im Fachjargon bis heute »bug« heißt und das Beheben von Schwachstellen als »Debugging« bezeichnet wird.

Die Natur prägt Historie weit mehr, als uns bewusst ist, resümiert Jutzi. Mit seiner Veröffentlichung habe er dem Zusammenhang mehr Aufmerksamkeit schenken und zugleich verdeutlichen wollen, wie sich mit diesem Blick unser Bild von Geschichte und Geschichtsschreibung verändert. 

Mehr von Avoxa