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SARS-CoV-2

Mutiert das Virus?

Im Internet kursieren Berichte über mögliche Mutationen und verschiedenen Varianten des neuen Coronavirus SARS-CoV-2, die unterschiedlich aggressiv sein sollen. Der Virologe Professor Dr. Christian Drosten nimmt dazu Stellung.
Christina Hohmann-Jeddi
10.03.2020
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Für einige Unruhe in der Öffentlichkeit hat eine Publikation chinesischer Forscher gesorgt, der zufolge das SARS-CoV-2 in verschiedenen Typen vorliegt, die unterschiedlich gefährlich sind. Dem im Fachjournal »National Science Review« erschienenen Bericht zufolge existiert eine ältere harmlosere Variante, der sogenannte S-Typ, und eine neuere aggressivere Form, der L-Typ.

Dass sich die Genome des SARS-CoV-2 grob in zwei Unterordnungen einordnen lassen, sei nicht neu, sagte Drosten, Virologe an der Charité in Berlin, in seinem Podcast auf NDR Info. »Das ist schon länger bekannt.« Neu sei jetzt allerdings, dass die Forscher den beiden Unterordnungen Namen gegeben und vermeintliche Eigenschaften zugeschrieben hätten. Es sei aber ausgesprochen schwierig, anhand von genetischen Sequenzen auf biologische Eigenschaften des Erregers zu schließen. Meist sei das gar nicht möglich.

Dem neueren L-Typ, der sich jetzt auch außerhalb Chinas ausgebreitet hat, unterstellten die Autoren der Publikation aufgrund von Kennzahlen wie Verbreitung und Sterberate, dass er aggressiver sei. Hierbei blieben aber Einflussfaktoren wie etwa die Überlastung des Gesundheitssystems in einigen Regionen und die epidemiologische Entwicklung an sich unberücksichtigt. Um Aussagen über die Eigenschaften eines Virus machen zu können, seien Laboruntersuchungen nötig, so Drosten. Auf diese Weise könne man etwa die Replikationsrate und die Anfälligkeit des Erregers gegenüber humanen Antikörpern oder Zytokinen prüfen. Gefährlich sei an dieser Publikation, dass die vorsichtigen wissenschaftlichen Schlussfolgerungen der Autoren durch eine Pressemitteilung zur Studie noch überspitzt und in sozialen Netzwerken dann letztlich zu Horrorszenarien aufgebauscht worden seien.

Das Genom von Coronaviren, das aus etwa 30.000 Basen besteht, ist laut Drosten recht stabil. Ständige genetische Veränderungen wie bei Influenzaviren seien bei dem neuen Erreger nicht zu erwarten. Dennoch träten natürlich immer wieder Mutationen auf. »Wir können uns darauf verlassen, dass das Virus mutiert«, sagte der Virologe. »Wir können uns auch darauf verlassen, dass es neue Eigenschaften annimmt.« Sorgen müsse das nicht bereiten. Die meisten Mutationen seien schädlich für das Virus und würden durch konkurrierende Virusstämme ausgemerzt. Selektiert würde unter Konkurrenzdruck immer auf bessere Übertragbarkeit, nicht auf eine höhere Todesrate des Wirts, da dies für die Verbreitung hinderlich ist. In der Regel passt sich ein neues Virus mit der Zeit an seinen Wirt an.

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